Keiner ist so dumm, dass er sich nicht hin und wieder dumm stellte.
Psychologie & Gesundheit
Woher kommen Vorahnungen?
Dieser Artikel stammt aus P.M. Fragen & Antworten
Hier geht's zum aktuellen Heft »
Millionen Menschen haben keinen Zweifel daran, dass es sie gibt. Denn sie haben sie schon erlebt. Die Wissenschaft bestreitet sie. Denn sie sind nicht beweisbar. Parapsychologen versuchen nun herauszufinden, woher Vorahnungen kommen, warum sie nicht jeder hat und wozu sie gut sind.
Man geht die Straße entlang und spürt, wie man von hinten angesehen wird. Man dreht sich um – und richtig: Da steht jemand und starrt einen an. Das Telefon klingelt und man weiß, wer dran sein wird. Man nimmt ab – und richtig: Die Schwiegermutter meldet sich. Man denkt an jemanden, den man lange nicht gesehen hat – und schon kommt er um die nächste Ecke. Jeder kennt diese Ahnungen, man nimmt sie als Begleiterscheinungen des Alltags, schenkt ihnen keine weitere Beachtung, macht sich keine Gedanken. Wozu auch – es schadet ja nicht.
Es gibt aber auch Vorahnungen von anderem Kaliber, jeder dritte Deutsche sagt, auch solche schon erlebt zu haben. Sie sind meistens nicht an-genehm, handeln von Tod, Unglück, Verderben. Diese Visionen erscheinen oft im Traum, sind undeutlich und fragmentarisch, aber umso erschreckender. „Präkognition ist das rätselhafteste aller paranormalen Phänomene“, sagt Rupert Sheldrake, Biochemiker und Leiter des parapsychologischen Instituts in Cambridge.
Vorahnung, Hellsichtigkeit, zweites Gesicht, Wahrtraum, Extra Sensorial Perception (ESP) – es gibt viele Begriffe, die alle dasselbe meinen: Das Gefühl dafür, was in der Zukunft geschehen wird. Der niederländische Psychologieprofessor Dr. Wilhelm Tenhaeff: „Solche Visionen kommen unerwartet, intensiv und werden als ich-fremd erlebt. Den Betroffenen sind sie unheimlich.“ Bei Menschen, die häufig derlei Vorahnungen haben, kann ein regelrechter Leidensdruck entstehen. Annette von Droste-Hülshoff (1779 – 1848), die berühmteste deutschsprachige Lyrikerin, litt schwer unter dem „zweiten Gesicht“, das ihr ständig Todesfälle voraussagte. Sie empfand ihre Gabe als so belastend, dass sie beschloss, sie sich abzutrainieren. Das gelang, indem sie den Visionen solange keine Beachtung mehr schenkte, bis sie nicht wiederkehrten.
Warum sagen Vorahnungen meistens Katastrophen voraus?
Andere verdanken den Visionen ihr Leben. Der Musiker Frank Adelman zum Beispiel, der 1912 für die Jungfernfahrt der „Titanic“ gebucht war. Seine Frau erzählte ihm so lange von ihren Träumen eines bevorstehenden Schiffsuntergangs, bis er die Reise stornierte. Mrs. Adelman war nicht die einzige mit Titanic-Vorahnungen. Dennoch ist ihre Vorahnung eher untypisch, ebenso wie die von Leto Seferiades: „Plötzlich bin ich aufgewacht ... ich konnte sehen, wie meine sechs Monate alte Tochter in ihrem Bettchen unterm Fenster schlief ..., dann meinte ich eine innere Stimme zu hören, die mir befahl, nachzuschauen ... als ich das Bettchen erreichte, packte ich es und zog es ein Stück zurück ins Zimmer, kurz bevor der hölzerne Vorhangkasten samt den Schienen zerbrach und genau auf die Stelle fiel, wo das Bettchen gestanden hatte.“
Untypisch an diesen beiden Vorahnungen ist, dass sie eine Wende zum Guten bewirkten. In der Mehrzahl sagen sie Katastrophen voraus. Parapsychologen sehen als Grund dafür, dass negative Vorahnungen länger im Gedächtnis bleiben und eindrucksvoller sind als andere. Legende ist die Geschichte vom Frontsoldaten, der sich weigert, zusammen mit seinem Bataillon in den vermeintlich schützenden Bunker zu flüchten, weil er vor seinem geistigen Auge sieht, wie er zusammenbricht und seine Kameraden unter sich begräbt – was dann auch tatsächlich geschieht.
Der amerikanische Philosophieprofessor Robert T. Carroll, ein Experte parapsychologischer Phänomene, kommt wie die meisten Schulwissenschaftler, die sich mit Vorahnungen beschäftigen, zu dem Schluss: „Natürlich können Menschen die Zukunft voraussagen, aber sie nutzen dazu ihre Erfahrungen und nicht übernatürliche Kräfte.“ Die Skepsis der Wissenschaft ist der Stachel im Fleisch der Parapsychologen, die seit 120 Jahren, solange es sie gibt, versuchen, die Existenz von Hellsichtigkeit, Gedankenübertragung und anderen Phänomenen „wissenschaftlich“ nachzuweisen und zu erklären. Ihr Problem: Bilder und Visionen lassen sich nicht auf Knopfdruck erzeugen, schon gar nicht unter Laborbedingungen. Die Unmöglichkeit, paranormale Wahrnehmungen willentlich zu produzieren, erschwert ihre Nachweisbarkeit, macht sie nahezu unmöglich.
Welche Rolle spielt die vierte Dimension?
„Die Vorstellung, dass wir von Dingen träumen, die noch nicht geschehen sind, widerspricht unseren üblichen Denkmustern – bis wir sie selbst erleben“, sagt Rupert Shaldrake. „Die Phänomene sind unerklärt, aber nicht unerklärbar.“ Der ehemalige Leiter der Sternwarte Juvisy-Paris, der Astronom Camille Flammarion (1842 – 1925), sieht das genauso. Wie viele Astronomen, hat er sich mit dem Unerklärlichem beschäftigt und kommt zu dem Schluss: „Es ist unumstößliche Tatsche, dass Träume existieren, die ein zukünftiges Ereignis präzise vorherbestimmen. Sie sind durchaus keine Märchen, und kein Zufall kann ihr Vorkommen erklären. Nichts berechtigt uns anzunehmen, dass die Grenzen unserer Beobachtungsgabe allumfassend sind und dass alle Möglichkeiten der Natur in ihnen eingeschlossen sind.“
Sein Berufskollege Pierre-Simon Laplace (1749 – 1827) formulierte hundert Jahre zuvor einen bis heute sehr modernen wissenschaftlichen Ansatz: „Wir sind so weit entfernt, all die Beweggründe der Natur zu kennen, es wäre unphilosophisch, die Phänomene zu verneinen, bloß weil der gegenwärtige Stand unserer Erkenntnisse sie unerklärt lässt.“ Und er nennt Beispiele aus der Wissenschaftsgeschichte: Bevor die Menschen wussten, dass die Erde eine Kugel ist, war die Frage, wohin man vom Rand abstürzt, vollkommen vernünftig, die Vorstellung, es ginge hinter dem Rand immer weiter, war völlig absurd.
Der Parapsychologe Harald Wessbecher: „Neben der vertrauten räumlich-zeitlichen Dimension gibt es weitere, die hinter dem Rand des Sichtbaren liegen.“ Das Problem sei nur, dass wir noch nicht in diese vierte Dimensionen vor-gestoßen sind, die Schulwissenschaft sähe einäugig auf das Übersinnliche. Wess-becher: „Wenn man auf zwei Glühbirnen blickt, eine rote und eine grüne, die abwechselnd blinken, und zufällig immer dann die Augen schließt, wenn die rote aufblinkt, glaubt man, es gäbe nur grünes Licht.“
Wo kommen Vorahnungen besonders häufig vor?
Wissenschaftlern des 18. Jahrhunderts wäre es als blanker Unsinn erschienen, wenn ihnen jemand erzählt hätte, dass Menschen zukünftig über weite Distanzen miteinander kommunizieren können. Für die Buschmänner der Kalahari in Südafrika ist das schon immer eine Selbstverständlichkeit. Es gibt Schilderungen von Forschern darüber, dass die im Dorf Zurückgebliebenen schon vorher wissen, was die Jäger gefangen haben, bevor diese mit ihrer Beute ins Dorf zurückkehren. Sie wissen auch, wann genau sie kommen werden, und ob es Probleme bei der Jagd gegeben hat: Sie sehen all das vor ihrem geistigen Auge.
Zu allen Zeiten und überall auf der Welt tritt solche Präkognition auf, je entlegener die Gegenden, desto häufiger. Berichte und Überlieferungen nennen besonders häufig die Färöerinseln, Dänemark, die Niederlande, das nördliche Deutschland sowie das Münsterland – und vor allem Island. Island ist so etwas wie die Hochburg der Menschen mit dem zweiten Gesicht. Der isländische Gelehrte Eggert Olafson schrieb 1772, die Begabung seiner Landsleute beruhe auf der Einsamkeit, in der sie leben.
Von Ausnahmen abgesehen sind und waren Seher eher scheue Einzelgänger, man hielt sie für schwächliche Menschen, die nicht lange leben, was tatsächlich häufig zutraf. Man nahm an, dass die enge Verbindung mit der übersinnlichen Welt die Lebenskräfte beeinträchtige. Der Karlsruher Traumforscher Dr. Helmut Hark: „Es sind oft einfache und besonders sensitive Menschen, die intuitiv begabt sind, die eine innere Offenheit und Empathiefähigkeit haben. Sie empfangen Meldungen wie eingeschaltete Fernseher, die offen für alles mögliche sind.“
Tatsächlich scheint in Urzeiten das zweite Gesicht ein Frühwarnsystem gewesen zu sein, das mit der Zeit an Notwendigkeit eingebüßt hat. Die veränderte Lebensführung führt heute dazu, dass die Fähigkeit immer weiter zurückgeht. Bei Tieren ist das nicht der Fall. Es gibt unzählige Beispiele dafür, dass sie Katastrophen vorausahnen. So war es auch in den vom Tsunami überschwemmten Gebieten Asiens, wo fast keine Tierleichen gefunden wurden, weil die Tiere vorher die Küstenbereiche verlassen hatten.
In China wird seit Langem das Verhalten der Tiere daraufhin studiert. Seit den 1970er-Jahren werden von den Behörden Informationsblätter an die Bevölkerung verteilt, in denen mitgeteilt wird, auf welche Warnsignale man achten soll. Mit Erfolg: Im Februar 1995 beobachteten Einwohner der nordost-chinesischen Stadt Haucheng, wie Schlangen im Winterschlaf erwachten, ans Tageslicht krochen und erfroren. Die Stadt wurde evakuiert, wenige Tage darauf von einem Erdbeben der Stärke 7,3 zerstört.
Hat der menschliche Geist Kontakt mit der Zukunft?
Die Fähigkeit, Vorahnungen richtig zu interpretieren, ist die Voraussetzung dafür, ihre Botschaften positiv nutzen zu können. Denn meistens sind ihre Bilder vielfach deutbar, Details sind unpräzise oder fehlen ganz. Berühmt unter Parapsychologen ist der Fall einer Magd in einem niedersächsischen Dorf, die im 19. Jahrhundert einen Großbrand voraussagte. Man traf Vorsichtsmaßnahmen, doch es geschah nichts. Dann, am Pfingstsonntag 1933, kam es tatsächlich zur Brandkatas-trophe, die sich bis in Kleinigkeiten so abspielte, wie die Magd es hundert Jahre zuvor vorausgesagt hatte. Da griffen die Maßnahmen nur leider nicht mehr.
„Der sechste Sinn ist Teil unserer biologischen Natur, die wir mit vielen anderen Tierarten gemein haben“, versucht Biologe Sheldrake eine Erklärung. „Wir wissen, dass unser Geist mit der Vergangenheit verbunden ist. Er könnte aber ebenso gut mit der Zukunft verbunden sein, vielleicht sind es zwei Aspekte desselben Prozesses.“ Erwiesen ist, dass es Seher gibt, die Visionen von der Vergangenheit haben (Retrokognition) und auch, dass der Mensch das einzige Lebewesen ist, das weiß, dass es eine Zukunft gibt. Parapsychologen schließen daraus, dass Hellsichtigkeit eine Fähigkeit unabhängig von der Zeitachse ist, sie funktioniert in beide Richtungen.
Sehen wir nur das, was wir sehen wollen?
Hellseher sehen meist nur Dinge, die sie emotional berühren. Bekannt ist, dass Seher, die als Kind beinahe ertrunken wären oder nur knapp einem Feuer entkamen, besonders für solche Katastrophen visionär begabt sind, sie sind sozusagen spezialisiert. Das bildhafte der Visionen ist dabei vielleicht der Schlüssel zur Erklärung des Phänomens. Denn das Denken in Bildern geht dem Denken in Worten voraus, die ursprüngliche Sprache unserer Seele ist das Bild. Bei einer Senkung des Bewusstseinsniveaus, wie zum Beispiel im Schlaf oder in Trance, stellt sich bildhaftes Denken ein – die Voraussetzung für alle paragnostischen Visionen. Die französische Psychologin Elisabeth Laborde-Nottale vertritt die Meinung, dass Menschen mit seelischen Erschütterungen an frühkindliche Bewusstseinsstufen herankommen, „in denen das Ich noch mit allem verbunden ist und telepatisch mit der Welt kommuniziert.“
Wilhelm Tenhaeff glaubt sogar, dass alle Menschen über seherische Fähigkeit verfügen, allerdings in unterschiedlichem Maße an sie herankommen. Andere Experten finden gerade diese Einschränkung segensreich: Das Gehirn habe nicht umsonst hemmende Funktion, es vergisst nicht nur Unnötiges, sondern bewahrt uns davor, dass Wissen zu uns gelangt, das für unser Dasein schädlich sein kann – zum Beispiel das Wissen um unsere Zukunft. Der französische Philosoph Henri Bergson (1859 – 1941): „Würden wir alle unsere Zukunft genauer kennen, könnten wir nicht als Menschen auf Erden leben.“
Ein besonders häufiger Traum, von dem viele Menschen berichten und der sie zu Tode erschreckt, ist der Traum vom eigenen Tod. Traumforscher Dr. Helmut Hark: „Menschen sehen und träumen nicht selten den eigenen Tod, auch wenn er dann gar nicht eintritt. Es zeigt, dass die Seele sich damit beschäftigen möchte. Das tut gut und ist gesund. Wer vom Tod träumt, lebt länger.“ Traumvisionen als Ausdruck der seelischen Befindlichkeit? Es ist sicher kein Zufall, dass über dem Eingang zum Orakel von Delphi, der berühmtesten Vorhersage-Institution der Geschichte, der Satz angebracht war: Erkenne Dich selbst! Nach griechischer Vorstellung ist es die Seele, die uns im Schlaf dazu verhilft.
Ist unser freier Wille nur eine Illusion?
Es ist immer wieder versucht worden, präkognitive Fähigkeiten zum Wohl der Allgemeinheit zu nutzen. Seher, die in Diensten der Polizei Tatorte von Mordopfern ausfindig machten oder Täterbeschreibungen gaben wie der Holländer Gérard Croiset (1909 – 1980), sind heute Vorbilder für Fernsehserien. Die US-Armee unterhielt eine Einheit von Hellsehern, das US-Verteidigungsministerium setzte Seher zu Spionagezwecken ein, gab den Versuch jedoch trotz Anfangs-erfolgen wieder auf. Auch die „Central Premonitions Registry“ in New York, die weltweit Vorahnungen sammelte, gibt es nicht mehr: Die Katastrophe vom 11. 9. 2001 hatte niemand angekündigt. Das 1967 in England gegründete „British Premonitions Bureau“, dem jedermann Vorahnungen und Visionen mitteilen kann, existiert noch.
„Wenn wir wissen, dass etwas geschehen wird, bedeutet das dann, dass die Zukunft festgelegt ist? Und wenn ja, bedeutet das, dass unser freier Wille nur Illusion ist?“ fragt Prof. Rupert Sheldrake. Immerhin gibt es erste Ansätze für hirnphysiologische Erklärungen von Vorahnungen. Wissenschaftler der Washington University in St. Louis (USA) haben ein Frühwarnsystem im Gehirn nachgewiesen (ACC: Anterior Cingulate Cortex), das in der Nähe des vorderen Hirnlappens angesiedelt ist. Es warnt uns im Voraus, wenn unser Verhalten ein negatives Ereignis zu produzieren droht, es setzt vergangene Erfahrungen und Umwelteindrücke zusammen und vermittelt uns ein Gefühl für bevorstehende Schwierigkeiten. Was jedoch nicht immer reibungslos klappt, ist daraus dann auch die richtigen Schlüsse zu ziehen.
„Die Sinne trügen nicht – unser Urteil trügt“, fand schon Johann Wolfgang von Goethe (1749 – 1832), der um Eingebungen nie verlegen war.











