Diese Seite bookmarken:

Diese Seite bookmarken

Kultur & Gesellschaft

Welche Sprache ist die schwerste?

Dieser Artikel stammt aus P.M. Fragen & Antworten
Hier geht's zum aktuellen Heft »

Für Deutsch müssen die Engländer 750 Einheiten lang die Schulbank drücken
iStockphoto

Etwa 6500 Sprachen gibt es weltweit, jede hat ihre eigenen Herausforderungen – in Bezug auf Grammatik, Aussprache und Schrift. Was in der einen kinderleicht ist, sorgt in der anderen für Verwirrung. Bei manchen muss die Aussprache besonders mühsam erlernt werden, bei den anderen hat es die Grammatik in sich. Außerdem spielt beim Erlernen einer neuen Sprache immer eine große Rolle, ob diese mit der eigenen Muttersprache verwandt ist oder man in eine völlig fremde Gedankenwelt eintauchen muss.

Für welche Sprache braucht man besonders viel Zeit?

Eine Antwort auf diese Frage gibt das Foreign Service Institute des US-State Department. Dort wurde untersucht, wie viele Unterrichtsstunden notwendig sind, um in einer Sprache ein bestimmtes Niveau (Stufe 3 von 5) zu erreichen – und zwar in Wort und Schrift. Der Index ist auf Englischsprecher zugeschnitten, doch die Ergebnisse der Studie dürften für Deutschsprachler vergleichbar sein.

Mit etwa 600 Stunden am schnellsten lernen lassen sich Afrikaans, Dänisch, Französisch, Holländisch, Italienisch, Norwegisch, Portugiesisch, Rumänisch, Spanisch und Schwedisch. Für Deutsch müssen die Engländer 750 Einheiten lang die Schulbank drücken. Im Mittelfeld liegen mit 1100 Unterrichtsstunden unter anderem Albanisch, Griechisch, Kroatisch, Persisch, Russisch, Tschechisch und Türkisch. Als schon etwas schwieriger eingestuft werden Finnisch, Georgisch, Mongolisch, Thai und Ungarisch. Als härteste Nüsse erweisen sich mit 2200 Schulstunden Arabisch, Japanisch, Kantonesisch, Koreanisch und Mandarin – wobei das Japanische als besonders schwierig gilt.

Warum ist Japanisch so verdammt schwer?

Richard Brecht, ein angesehener amerikanischer Sprachwissenschaftler, hält Japanisch aus drei Gründen für die schwierigste Sprache der Welt (für Europäer).

Erstens entspricht der schriftliche Code nicht dem gesprochenen Code. Das heißt, man kann die Sprache nicht sprechen lernen, indem man anfängt, sie zu lesen – oder umgekehrt. Außerdem gibt es im Japanischen gleich drei Schriftsysteme: zwei Silbenschriften und eine Zeichenschrift mit bis zu 15000 Zeichen, die aus dem Chinesischen entlehnt wurden).

Zweitens stellt sich die Frage, womit man den Japanischunterricht überhaupt beginnen soll. Selbst Begrüßungsfloskeln wie »Hallo, wie geht es Ihnen? Danke, gut!« sind viel zu kompliziert dafür, weil im Japanischen jeder Dialog anders klingt – je nachdem, ob man mit Alt oder Jung, Arm oder Reich, Mann oder Frau spricht.

Und drittens werden Sätze im Japanischen ganz anders gebildet, als wir es gewohnt sind. Statt: »Ich sah einen Mann, der auf einem roten Stuhl saß« heißt es: »Ich sah das Rote, das der Stuhl war, der …«

Was ist am Finnischen und am Ungarischen so besonders?

Dass selbst einige unserer Nachbarn, wie die Finnen und Ungarn, ein für uns völlig fremdes Kauderwelsch verwenden, liegt daran, dass ihre Sprachen nicht zur indoeuropäischen Sprachfamilie, sondern zur uralischen (genauer gesagt zur finnisch-ugrischen) Sprachfamilie gehören. Das heißt: Im Unterschied zu den meisten europäischen Sprachen – wie Deutsch, Englisch und Französisch – stammen sie von einer anderen Ursprache ab und folgen deshalb ganz anderen Regeln.

So gibt es im Ungarischen und Finnischen zum Beispiel kein grammatikalisches Geschlecht (»der«, »die«, »das«), dafür aber jede Menge Fälle, mit denen Ortsverhältnisse ausgedrückt werden, für die wir schlichte Präpositionen (wie »hinauf« »unten« usw.) verwenden. Auch ungewohnt: Beide Sprachen bilden lange Wortschlangen mit vielen Nachsilben, die einem einzelnen Wort jede Menge Informationen verleihen. Der finnische Begriff »taloissanikinko« zum Beispiel heißt so viel wie »auch in meinen Häusern?« weil er sich aus talo (Haus), -i (Plural), -ssa (in), -ni (mein) kin (auch) und ko (Frage) zusammensetzt.

Wie lernen Kinder ihre Muttersprache?

Bereits im Mutterleib lauschen Babys der Stimme ihrer Eltern und bevorzugen nach der Geburt prompt jene Sprachmelodie, die ihnen vertraut ist. In den nächsten Monaten lernen sie, im Sprachwust, der sich über sie ergießt, Strukturen auszumachen. Wenn die Eltern mit ihren Kindern instinktiv hoch, extrem einfach und übertrieben betont sprechen, dann hilft das den Kleinen zu erkennen, wo ein Wort anfängt und wo es aufhört.

Bis zum zehnten Monat haben Kinder eine ganz besondere Fähigkeit: Sie können auch die Sprachlaute fremder Sprachen noch erkennen und lernen. Da uns diese Fähigkeit im Laufe der Zeit abhanden kommt, fällt es uns als Erwachsene schwer, fremde Sprachen zu erlernen. Aus diesem Grund können beispielsweise Japaner nicht mehr zwischen l und r unterscheiden.

Mit etwa acht Monaten fangen die Babys an zu begreifen, dass sie Dinge benennen können, auch wenn diese nicht da sind. Zwischen einem Jahr und 18 Monaten lernen viele die ersten 50 Wörter. Danach beginnt ein regelrechter Vokabelspurt mit durchschnittlich sechs neuen Wörtern pro Tag. Durch die Zuordnung von Begriffen und Gegenständen werden Verbindungen zwischen Nervenzellen im Gehirn aufgebaut und gefestigt.

Mit zwei Jahren werden Verben konjugiert, mit 30 Monaten Relativsätze gebildet, mit drei Jahren der Plural verwendet. Bis zum vierten Lebensjahr haben deutsche Kinder in der Regel die vier Fälle (Deklinationen) unserer Sprache intus, während sich der arabische Nachwuchs aufgrund der Kasuskomplexität in seiner Sprache bis fast in die Pubertät hinein damit abplagt.

Fragt Caroline Hofmann, München

Eigene Bewertung: Keine Durchschnitt: 4.3 (179 Bewertungen)

Weitere Fragen aus Kultur & Gesellschaft:

Einsortiert unter:

Grammatik  /  Muttersprache  /  Schrift  /  Sprache


Dieser Artikel ist Teil des Specials: