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Kultur & Gesellschaft

Geht's noch etwas billiger?

Dieser Artikel stammt aus P.M. Fragen & Antworten
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Mit dem Billigwahn geht eine gehörige Portion Genussfähigkeit verloren, wir wissen den Wert der Dinge nicht mehr zu schätzen
iStockphoto

Klar, jeder kauft gern günstig ein, und immer mehr Menschen sind auf Rabatte und Schnäppchen angewiesen, denn sie müssen sparen. Aber zwischen Sparsamkeit und Geiz gibt’s einen Unterschied, sagen Soziologen. Und der Geiz beginnt, unsere Gesellschaft kaputt zu machen, warnen sie. Zu Recht?

Kaum sehen wir ein „Aktion“- oder „Sale“-Schild, nehmen wir Witterung auf: Schnäppchen in Sicht! Aber nicht nur die roten Rabatt-Signale lösen Kauflust aus: Bei Billiganbietern herrscht permanent Hochbetrieb, die Schnäppchenmentalität hat längst alle Gesellschaftsschichten erfasst – bis in höchste Ämter: So schämte sich der Bonner Politologe Gerd Langguth im vergangenen Jahr öffentlich für seinen Parteikollegen und Kurzzeit-Bundespräsidenten Christian Wulff und dessen Frau, die sich in von Edelschneidern gesponserte Roben kleidete. Meistens aber stört uns Deutsche der Weltmeistertitel als Schnäppchenjäger wenig: „Die Engländer jagen Füchse, die Schweden jagen Elche, und die Deutschen jagen Puma-Trainingsanzüge mit einem Preisnachlass von 30 Prozent“, brachte es der Berlin-Korrespondent der britischen „Times“, Roger Boyes, sarkastisch auf den Punkt. Jeder nimmt mit, was es mitzunehmen gibt: Lebensmittel und Drogerieartikel vom Discounter, reduzierte Möbel, Angebote vom Elektromarkt. Obwohl die meisten von uns wissen, dass den Preis für unsere Schnäppchenwut letztlich wir alle zahlen: Billige Preise produzieren billige Löhne und vernichten Arbeitsplätze, verdrängen den Einzelhandel und zerstören die Strukturen unserer Städte, die Bedingungen, unter denen Billigware hergestellt wird, schädigen Menschen und Natur.

Was macht Frauen zu Furien und Männer zu Hyänen?

Was bewirken Rabattschlachten in uns und in der Gesellschaft? Warum können wir dem Billigwahn kaum widerstehen? Ist, wer zu "echten", also realistischen Preisen kauft, tatsächlich "blöd", wie es der Media Markt suggerieren wollte? Glaubt man der Wissenschaft, ist es eigentlich umgekehrt: Der Münchner Psychologe, Konsumforscher und Unternehmensberater Hans-Georg Häusel sagt, der Mensch sei darauf programmiert, beim Anblick roter Schilder und reduzierter Preise den Verstand abzuschalten. Denn sie signalisieren Knappheit und lösen damit evolutionsbedingt den Impuls aus: Wir müssen kaufen, bevor es jemand anders tut! Sobald wir sehen, andere wollen das auch, „erwacht in uns die Gier. Unser Gehirn funktioniert dann nach dem Jagd- und Beuteschema“, erklärt Häusel. Mehr noch: „Ein Schnäppchen ist für unser Gehirn eine unerwartete Belohnung und löst einen Schub des Nervenbotenstoffs Dopamin aus – und damit auch einen Handlungsschub. Wir müssen einfach zugreifen. Rabatte schalten den Verstand des Konsumenten ab.“ Kein Wunder, meint Häusel: „Denken ist der schlimmste Zustand, der einem Gehirn passieren kann, weil extrem anstrengend. Nach zehn Minuten unter Volllast schaltet es auf Sparmodus um, wenn wir nichts dagegen tun.“ So gedopt kaufen wir, egal „ob wir den Schrott tatsächlich brauchen oder nicht. Manchmal werden dann Männer zu Hyänen und Frauen zu Furien“, erinnert Häusel an die Eröffnung des weltgrößten Media Marktes in Berlin, wo vor ein paar Jahren unter dem Ansturm von 5000 Menschen Scheiben barsten und die Polizei eingreifen musste.

 

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