Diese Seite bookmarken:

Diese Seite bookmarken

Wissenschaft & Technik

Begehen Lemminge wirklich Selbstmord?

iStockphoto

Alle paar Jahre, heißt es, rasen die Lemminge wie magisch angezogen auf die Klippen des arktischen Eurasiens und Amerikas zu, stürzen sich in einer Art kollektivem Selbstmord zu Zigtausenden ins Meer oder purzeln vom Ufer in Flüsse, wo sie ertrinken. »Wie die Lemminge« wurde so zum Synonym für jede Art von Massenverhalten. Neue Forschungen aber widerlegen die Legende vom freiwilligen Massensterben der Tiere. »Wissenschaftlich gibt es dafür keinen Beleg«, sagt Benoit Sittler von der Universität Freiburg. Er ist den Lemmingen, den stummelschwänzigen Wühlmäusen, die bis zu 15 Zentimeter groß werden, seit 14 Jahren auf den Fersen. So lange schon läuft seine Langzeitstudie über den Halsband-Lemming in Grönland.

Sittler und sein Team haben festgestellt, dass es tatsächlich große Schwankungen in der Population der Lemminge gibt. »Innerhalb eines einzelnen Jahres bricht sie in sich zusammen«, so der Forscher. »Ein Selbstmordverhalten konnten wir aber nicht als Ursache ausmachen.« Die Freiburger haben stattdessen herausgefunden, dass hinter dem Massensterben die natürlichen Feinde der nachtaktiven Pflanzenfresser stecken: die Schnee-Eule und der Polarfuchs, hauptsächlich aber das Hermelin. Als einziges kann es das ganze Jahr über Jagd auf die Nager machen. Auch im Winter, den die Lemminge, die keinen Winterschlaf halten, in ausgedehnten Höhlengängen unter der Schneedecke verbringen. Das Hermelin stellt den Lemmingen nach und tötet sie durch einen kräftigen Nackenbiss.

Wenn aber das Hermelin den Lemmingen in großer Zahl den Garaus gemacht hat, leidet der Räuber an der selbst verursachten Futterknappheit – auch die Reihen der Hermeline lichten sich. Erst jetzt, wenn die Hermelin-Population ihren Tiefststand erreicht hat, vermehren sich die Lemminge unter dem Schnee wieder kräftig. Ein Weibchen bringt im Jahr in drei Würfen bis zu 35 Junge zur Welt: neue Nahrung für das Hermelin. Dieses große Fressen findet in einem Rhythmus von etwa vier Jahren statt.

Eine weiteres Argument gegen den Selbstmord an Klippe und Ufer: »Lemminge sind gute Schwimmer«, so Benoit Sittler. Auf ihren Wanderungen überqueren sie Flüsse, sogar Seen. Nur wenn sie sich in der Breite eines Gewässers verschätzen, können auch mal einige Tiere ertrinken. Die dramatischen Szenen des Disney-Films »Abenteuer in der weißen Wildnis«, in denen sich Massen von Lemmingen in ein Flusstal stürzen, waren allesamt gestellt, sagt der kanadische Journalist Brian Vallee. Keiner der Lemminge im Film sei lebensmüde gewesen. Vielmehr hätten die Disney-Leute die Lemminge kamerawirksam in den Abgrund geschubst.

Eigene Bewertung: Keine Durchschnitt: 4 (89 Bewertungen)


Weitere Fragen aus Wissenschaft & Technik:

Einsortiert unter:

Lemming  /  Selbstmord  /  Tod