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Galileo Galilei

Und sie dreht sich doch!

Der Ausspruch ist berühmt, allerdings hat das Genie aus Florenz ihn so nie getan. Gedacht hat ihn der geschäftstüchtige Gelehrte sicher, auch wenn er seiner Lehre auf Druck der Inquisition abschwor. Fast 400 Jahre brauchte die katholische Kirche, um Galileo Galilei zu rehabilitieren.

Dieser Artikel stammt aus P.M. Biografie
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Galileo Galilei musste seine Lehren abschwören.
Wikimedia Commons

Der alte Herr im weißen Büßergewand muss vor seinen Richtern knien, so verlangen es die strengen Regeln. In der Hand hält er ein umfangreiches Schriftstück, von dem er mit brüchiger Stimme abliest: „Ich, Galileo, Sohn des Vincenco Galilei aus Florenz, fast 70 Jahre alt, stand persönlich vor Gericht und ich knie vor Euch Eminenzen, die Ihr in der ganzen Christenheit die Inquisitoren gegen die ketzerische Verworfenheit seid. Ich habe vor mir die heiligen Evangelien, berühre sie mit der Hand und schwöre, dass ich immer geglaubt habe, auch jetzt glaube und mit Gottes Hilfe auch in Zukunft glauben werde, alles was die heilige katholische und apostolische Kirche für wahr hält, predigt und lehrt …“

Es ist der 22. Juni 1633, ein Mittwoch. Die heilige Inquisition macht dem Astronomen, Mathematiker, Physiker und Erfinder im großen Saal der römischen Basilika Santa Maria sopra Minerva wegen Ketzerei und Verstoßes gegen kirchliche Verbote den Prozess. Um seine Richter milde zu stimmen, hat Galilei ein langes Schuldbekenntnis verfasst, in dem er zugibt, dass „ich die Meinung vertreten und geglaubt habe, dass die Sonne Mittelpunkt der Welt und unbeweglich ist, und dass die Erde nicht Mittelpunkt ist und sich bewegt“. Darüber hinaus verflucht er pauschal „jeden irgendwie gearteten Irrtum, Ketzerei oder Sektierei, die der Heiligen Kirche entgegen ist“. Etwa eine Viertelstunde braucht der gebrechliche, unter Gicht leidende alte Mann für seine Erklärung, ehe er zum Schluss bekundet: „Ich, Galileo Galilei, habe abgeschworen.“

Das Gericht aus Kardinälen lässt tatsächlich Milde walten. Es verurteilt den Wissenschaftler in „unseres Herrn Jesu Christi allerheiligstem Namen“ nicht zum Tod auf dem Scheiterhaufen (wie sonst üblich bei Ketzerprozessen), sondern „nur“ zu Haft „für einen Zeitraum, der nach Unserem Ermessen festgesetzt wird“. Außerdem erlegt ihm das Gericht auf, drei Jahre lang jede Woche sieben Bußgebete abzuleisten. Damit ist der „Fall Galilei“ für die Inquisition erledigt. Der Mann, der der wörtlichen Lehre der Heiligen Schrift, dass die Erde der Mittelpunkt der Welt sei, widersprochen hat, ist mundtot. Sein Hauptwerk „Dialog über die beiden hauptsächlichen Weltsysteme, das ptolemäische und das kopernikanische„ kommt auf den Index und darf weder gedruckt, besessen noch gelesen werden.

Man kann getrost annehmen, dass Galilei an jenem 22. Juni und schon während der Verhöre Meineide geschworen hat. Denn die Inquisition und ihre Ermittler waren alles andere als zimperlich. Galilei wusste deshalb genau, was ihm blühen würde, falls er seine Verbrechen gegen die Kirche nicht zugäbe: Folter und später der Tod. Neben Daumenschrauben war „strappado“ eine der gängigsten Quälmethoden. Dabei wurde der Verdächtige an den hinter seinem Rücken gefesselten Händen aufgehängt, die Beine zusätzlich mit Gewichten beschwert – bis er alle Vorwürfe zugab. Gefürchtet war auch die Wasserfolter, bei der man dem Opfer Wasser so lange in den Schlund goss, bis es fast ertrank und schließlich alles gestand, was man hören wollte.

Vermutlich war auch Galileis Richtern klar, dass der Gelehrte mindestens einen Meineid geschworen hatte. Aber das spielte nur eine untergeordnete Rolle. Viel wichtiger als Wahrheit und wissenschaftliche Erkenntnisse war die Tatsache, dass die katholische Kirche die Auslegungshoheit über die Heilige Schrift behielt. Während die Forschungsergebnisse von Galilei, Kopernikus und Kepler nahelegten, die Schöpfungsgeschichte neu zu interpretieren, beharrte die Kirche auch weiterhin darauf, die Bibel wörtlich zu nehmen. Dieses Dogma war seit dem Konzil von Trient (1545–1563) unumstößlich.

Die Richter sind mit dem Ergebnis des Prozesses offensichtlich so zufrieden, dass Galilei nur die erste Nacht nach dem Urteil im Gefängnis der Inquisition verbringen muss. Bereits am nächsten Tag wird er in die Villa Medici, die Botschaft der Toskana in Rom, gebracht und dort unter strengen Hausarrest gestellt. Aber auch das ist nur vorübergehend. Mit Genehmigung von Papst Urban VIII. darf Galilei seinen Arrest wenig später unter Aufsicht von Erzbischof Ascanio Piccolomini in Siena antreten. Und im Dezember 1633 kehrt der Florentiner endgültig heim: Seine Villa „Il Giojello“ („Das Juwel“) in Arcetri, einem kleinen Ort an der Stadtgrenze von Florenz, wird nun sein Gefängnis.

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Autor/in: Rembert von Samson

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