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Abendland

Nörgeln ist der Kitt des Abendlandes

Thomas Grasberger erhebt die Grantologie zur höchsten Lehre des Abendlandes. Karl Valentin, Gerhard Polt und die Marktfrauen des Münchner Viktualienmarktes stellt der Historiker in eine Reihe mit Heraklit, Diogenes und Pyrrhon. Nur Skeptiker, die alles anzweifeln, was von oben kommt, sind mündige Bürger.

Der bayerische Grantler Karl Valentin: Skeptisch sein ist die erste Bürgerpflicht
flickr

Der bayerische Grant ist eine Institution im Süden der Republik. Karl Valentin oder Gerhard Polt, sie sind die berühmten Vertreter dieser Geisteshaltung, des vorwurfsvollen Zweifels an allem. Aber auch unter normalen Bayern ist dies verbreitet, wie sich bei einem Gang über den Münchner Viktualienmarkt im Gespräch mit den Marktfrauen herausstellt.

Das alles hat der Altöttinger Historiker Thomas Grasberger in dem heiter und vergnüglich zu lesenden Buch „Grant. Der Blues des Südens“ (Diederichs) zusammengetragen. Die Temperatur des Bieres passt nicht, das Wetter ist grundsätzlich miserabel, die Finanzen steckten schon immer in der Krise. An allem hat der Bayer etwas auszusetzen.

Grantologie befruchtete die abendländische Philosophie

Die ewige Griesgrämigkeit ist mehr als nur Herumgeschimpfe mit Ausdrücken wie „mei Rua mecht i hamm, schleichts eich, du mi aa, kreizweis“. Grasberger erhebt das Gemoser zur „Grantologie“ und Philosophie, er geht sogar noch weiter: Sie ist das Fundament abendländischen Denkens.

Grantologie ist eine Geisteshaltung, die bis zur Antike zurückreicht, sagt Grasberger. Sie brachte den kritischen Skeptizismus in die Welt. Er verweist auf Heraklit  (520 bis 460 v. Chr), den „Grantulus maximus“. Die meisten Menschen waren in seinen Augen Herdentiere, die alles nur nachplapperten, politisch gänzlich unmündig.

Die Skeptiker sind das Maß aller Dinge

Deshalb giftete Heraklit, dass die Bewohner von Ephesos sich aufhängen „und den Unmündigen ihre Stadt“ überlassen sollten. Damit polarisierte er, überzeugt davon, „dass der Streit der Vater aller Dinge“ sei, womit er das grantologisches Grundgesetz formuliert hat, so der Autor.

Die „Freude am Widerspruch, Sticheln, am Gegenargument, manchmal auch gepaart mit der Freude am Jammern und Frotzeln“, das ist das Maß aller Dinge. Nur so kommen Dynamik und Spannung in den gesellschaftlichen Diskurs.

Diogenes war ein gefürchteter Skeptiker und Spötter

Grasberger verweist weiterhin auf Diogenes (400 – 323 v. Chr.), der den ganzen Tag über schlechte Laune hatte ob der erbärmlichen Zustände in seiner Heimatstadt Sinope. Er hatte den „Zivilisationsblues“, schreibt Grasberger, und formulierte damit, über 2000 Jahre vor Sigmund Freud, dessen „Ungehagen an der Kultur“. Diogenes war der Philosph, der in der Tonne lebte, ein gefürchteter Kritiker und Spötter, der selbst vor höchsten Würdeträgern keinen Respekt kannte.

Er wurde berühmt durch seinen Ausspruch gegenüber dem damaligen Weltherrscher Alexander den Großen. „Geh mir aus der Sonne“, fertigte er ihn ab, als er den Bettelphilosophen einmal fragte, ob er ihm einen Wunsch erfüllen könnte. Auf bayerisch, so Grasberger, heißt das „wer ko, der ko“.

Skeptiker und Grantler bieten Dogmatikern die Stirn

Grasberger bindet auch den Skeptiker Pyrrhon von Elis (360 - 270 v. Chr.) in seine Beweiskette ein. Dessen Philosophie war, dass der Mensch nichts wisse, weshalb er beim Urteilen gleichgültig sein solle. Nur so lasse sich sein philosophisches Ziel erreichen, Gelassenheit und innere Ruhe. „Mia is ois wurscht“, sagt da der wesensverwandte grantelnde Bayer, kommentiert Grasberger.

Grant is ein Heilmittel gegen Dogmatismus und Leichtgläubigkeit, findet der Autor. „Beides sind die Schwächen des Geistes, die am meisten Unheil anrichten“. Die wahren Grantler dagegen, das seien Nomaden des Denkens, die wie Sioux-Indianer ihre Pfeile in alle Richtungen abschießen, vorzugsweise dorthin, „wo die größten Rindviecher herumlaufen“, schreibt Grasberger.

Skeptiker erklimmen die höchste Form philosophischer Freiheit

Somit sind Grantler eine Art von Anarchisten, denen der geistige Mittelfinger locker sitzt, die an scheinheiligen Glaubenssystemen rütteln, sich aber immer wieder fragen: „Was geht mich eigentlich euer Blödsinn an?“

Grasbergers furioser Schlusssatz: Der echte Grant kennt weder Götter noch Vorgesetzte. Vor ihm sind alle gleich. Das ist die höchste Form philosophischer Freiheit. Das alles ist auch den Lateinern nicht fremd, die lernen: de omnibus dubitandum – an allem ist zu zweifeln.

Eigene Bewertung: Keine Durchschnitt: 2.7 (3 Bewertungen)
Autor/in: Wolfgang C. Goede
11.07.2012


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