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Wagners »Ring«

Großer Auftritt für Wotan und Fricka

Dieser Artikel stammt aus P.M. HISTORY
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In der germanischen Sage geht nun Walhall in Flammen auf, die alten Götter verschwinden, machen Platz für die nächste Weltordnung. Wagner dagegen drückt sich vor einer Entscheidung. Brünnhilde entreißt dem toten Siegfried den Ring und gibt ihn den Rheintöchtern zurück, als liebende Frau folgt sie ihm auf den Scheiterhaufen, wird im Jenseits mit ihm vereint sein. Einer von Wagners Erlösungsschlüssen, der keine klare Antwort gibt. Götterdämmerung. Was danach kommt, weiß niemand.

Als der »Ring« 1874 mit der »Götterdämmerung« vollendet ist, zur ersten Aufführung ansteht, ist der Komponist mit seinem Gesamtkunstwerk weit entfernt von den Germanen oder vom Mittelalter. Historie und Historismus sind Wagner verhasst, wie sehr, das zeigt auch seine Suche nach einem Bühnenbildner, der die erste zyklische Gesamtaufführung des »Rings« 1876 in Bayreuth ausstatten soll. Er sucht eben keinen Routinier, sondern »einen echten Künstler«, der eine Alternative zum bestehenden konventionellen Theater seiner Zeit schaffen würde. Wagner findet seine Idealbesetzung in dem Wiener Landschaftsmaler Josef Hoffmann (1831–1904) und schreibt diesem, wie er sich die Bühnenbilder vorstellt: »wahrhaft künstlerische Erfindungen in einem neuen Style«. Wagner verlangte also viel von den Künstlern seiner Zeit, denn er wollte auf der Bühne nicht die germanische Epoche nachgebildet sehen, keinen Historismus, keinen Realismus – nichts von dem, was im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts modern war. Seinen »Ring« sieht er in der Dramaturgie eines Naturmythos, und in diesem ist der Lebensraum der mythischen Geschöpfe die Natur – also Wasser, Felsengebirge, Bergeshöhen, Flusstäler, Wald. Nur wo richtige Menschen leben, da möchte Wagner eine von Menschen erbaute Architektur sehen. Die Burg Walhall muss aber auch Wagner als Sonderfall akzeptieren.

Als Josef Hoffmann die ersten Entwürfe in Bayreuth vorlegte, war Wagner fast begeistert, hatte nur an Details zu mäkeln. Nach der ersten Aufführung 1876 allerdings war der Komponist vor allem mit der Ausstattung unzufrieden. Doch wann war Wagner jemals ganz zufrieden? Nie, denn nie waren seine theoretisch formulierten Ideen und Ideale auch praktisch realisierbar. Vor allem im »Ring«, in dem er sich ganz zum Mythos hinwandte, dem eigentlichen Thema seines Musikdramas, waren die Theatermacher im aufblühenden Industriezeitalter mit seinem Fortschrittsdenken überfordert.

Wer weiß, ob der »Ring« überhaupt jemals so in Szene gesetzt wurde, wie Wagner es sich dachte, denn die Tetralogie steckt auch voller Widersprüche, aus denen sich unendlich viele Deutungsmöglichkeiten herauslesen lassen. Auch im 20. Jahrhundert entstanden Moden der Inszenierungskunst. Nach der überlangen Mythos-Doktrin aus Bayreuth kam die Wiederentdeckung des Industriezeitalters im 19. Jahrhundert. Fabriken, Schlote, Herrenhäuser und Knechte, die Versatzstücke gipfelten in Patrice Chéreaus Bayreuther »Ring«-Inszenierung von 1976. Man kann fast von einer Schule der »Ring«-Inszenierung sprechen, Chéreau stand für Gesellschaftskritik. Auf der anderen Seite legte Götz Friedrich in den 80er-Jahren an der Deutschen Oper Berlin den Grundstein für die dem Mythos verbundene Deutung. Ihr Extrem erreichte sie wohl 2006 in Bayreuth: Tankred Dorst, der Dichter des »Merlin«, ergab sich als Regisseur des »Ring« szenisch ganz einem Mythos, wie er ihn aus Wagner herausgelesen zu haben glaubte – und das Publikum langweilte sich. Wagner war eben zu sehr Theatermann, als dass seine Theorien nicht doch zuweilen auch Makulatur sein können.

 

 

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