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Wagners »Ring«

Großer Auftritt für Wotan und Fricka

Die deutsche Romantik entdeckte die alten Götter und Sagen wieder. Komponist Richard Wagner setzte ihnen mit seinen Opern ein zeitloses Denkmal

Dieser Artikel stammt aus P.M. HISTORY
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Richard Wagner, hier als Büste, knüpfte mit seinem »Ring« an die deutsche Romantik anRichard Wagner, hier als Büste, knüpfte mit seinem »Ring« an die deutsche Romantik an
Richard Wagner, hier als Büste, knüpfte mit seinem »Ring« an die deutsche Romantik an
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Die Germanen wollten von dem fortschrittlichen Staatswesen und der lateinischen Sprache der alten Römer nichts wissen, sie hatten etwas Eigenbrötlerisches, liebten ihre Unabhängigkeit von den Nachbarn – und irgendwie auch von ihren Göttern. Das sind Charakterzüge, die auch die Nachfahren dieser Germanen über die Jahrhunderte hinweg kultivierten. Hätten die Germanen damals die Römer nicht besiegt, dann würden wir heute die Romantik, diese schillernde Epoche des 19. Jahrhunderts, nicht kennen. Diese Romantik ist eine rein deutsche Angelegenheit, die im Gegensatz zu früheren Epochen in Europa keine Entsprechungen findet. Wer weiß, vielleicht gäbe es ohne sie unser heutiges Deutschland nicht. Und sie kennt auch nur einen einzigen Künstler, der bis in die Gegenwart polarisiert: Richard Wagner.

Im ersten Viertel des 19. Jahrhunderts entdeckte man in Deutschland die Geschichte. Napoleon war zwar besiegt, aber nun wollten die Deutschen auch einen Nationalstaat haben, so mächtig wie Frankreich und die anderen Nachbarn, und man suchte in der Geschichte nach den Wurzeln eines solchen Staates. Dieses bis dahin kaum bekannte historische Bewusstsein ließ Sprachforscher, Literaten und Philosophen das Mittelalter wiederentdecken – und damit die Germanen, auf die man einst durch den römischen Historiker Tacitus (um 55–116) gestoßen war. Das »Nibelungenlied« und die nordischen Sagensammlungen der »Edda«, aber auch die germanische Mythologie wurden um 1820 zum Lesestoff für eine breite bürgerliche Schicht.

Die Philosophen der Zeit – Arthur Schopenhauer, Ludwig Feuerbach, Friedrich von Schlegel – vertieften sich in die Mythen der Germanen, in den Kosmos jener Götter, Riesen, Zwerge und Nymphen also, mit deren Hilfe einst die Germanen ein geordnetes Weltbild für sich geschaffen hatten. Im deutschen 19. Jahrhundert war – vor allem durch die Französische Revolution – die bisher fest gefügte politische Ordnung ins Wanken geraten, auch die christliche Religion hatte nicht mehr die bindende Macht wie bisher. Daher hofften nun die Philosophen, mit den Mythen der Germanen dem Geist, will sagen dem Verstand des Menschen, einen neuen Halt zu geben. Nicht indem man ihn wie im Christentum auf die Offenbarung von Engeln stützte, sondern durch einen Mythos, den man sich selbst geschaffen hatte. Weil aber die Philosophie nie sonderlich populär ist, sollte auch den Romantikern die Kunst helfen. Am ehesten natürlich die Literatur mit ihren Romanen. Was die Menschen nun lesen konnten, das fügte sich auch zu dem, was sie mit dem beginnenden 19. Jahrhundert als blanke Realität erlebten: Eine Umbruchszeit, die an der Macht des Adels rüttelte, gleichzeitig aber auch nur das Nützliche für sinnvoll und wichtig hielt. Dazu kam das beginnende Industriezeitalter, das glauben ließ, dass technisch alles machbar sei – und damit Wohlstand für jedermann bringe. In der Romantik, wie wir diese Zeit nennen, entstand der Geist des Machens, der als Ausgleich jene mythologischen Geschichten brauchte, für die die Germanen die Vorlage lieferten.

Die jungen Menschen, die jetzt die alten Germanen kennen lernten, begeisterten sich für solche Ideen. Sie kämpften für den deutschen Nationalstaat, ereiferten sich für die Eisenbahn und sonstige Dampfmaschinen, sie schwärmten aber auch für alles, was sich aus dem Mittelalter erhalten hatte. Und man schaute sich die Germanen auf der Theaterbühne an; die »Hermannsschlacht« von Heinrich von Kleist (1808) oder Christian Dietrich Grabbe (1838). Auch der junge Richard Wagner (1813–1883), der seine Zeit mit wachen Augen sah, musste nur zugreifen, um Lektüre zu finden – lange bevor er daran dachte, sich selbst als Dramatiker, Theatermacher und Komponist mit dieser fernen Zeit auseinanderzusetzen. Schon daheim in Leipzig las er Ernst Raupachs »Nibelungenhort« (um 1834) oder Friedrich de la Motte Fouqués Siegfried-Roman »Der Held des Nordens« (1810). Er kannte Komponisten wie Max Maretzek oder Heinrich Dorn (»Die Nibelungen«, 1841 und 1854), von denen man heute nichts mehr weiß, aber auch Friedrich Hebbels »Nibelungen«-Trilogie (1861).

Für das 20. und 21. Jahrhundert ist von der Germanen-Wiederentdeckung der Romantik aber kaum mehr auf den Bühnen geblieben als Richard Wagners »Der Ring des Nibelungen«. Jede Generation muss sich seitdem mit dieser Tetralogie, diesen vier Opern von insgesamt circa 16 Stunden Dauer auseinandersetzen. Gewiss, der Hörer wird dabei an die alten Germanen erinnert, ein wenig auch an das »Nibelungenlied«. Aber Wagners »Ring des Nibelungen« ist kein Historiengemälde, sondern hat sich unbemerkt aus den Fesseln der romantischen Philosophie gelöst. Der »Ring« ist allgemeingültig geworden, bis in eine ferne Zukunft modern.

Im deutschen Revolutionsjahr 1848 ist Wagner Kapellmeister in Dresden; der streitlustige Dirigent schreibt Pamphlete gegen die Aristokratie und die bürgerliche Geldherrschaft, er geht auf die Barrikaden, soll sogar Kampfgesänge komponieren. Das allerdings ist nicht die Kunstwelt Wagners. Er ist inzwischen überzeugt davon, dass seine Kunst die Welt durch das Geschehen auf der Bühne verändern kann. »Jesus von Nazareth« heißt das Drama, das er nun dichten und komponieren will: Jesus soll als Sozialrebell und Erlöser vom Privateigentum dargestellt werden. Sehr viel weiter ist Wagner allerdings nicht gekommen, denn seine Revolutionsaktivitäten beschäftigen ihn anderweitig. Der Aufstand in Dresden wird 1849 niedergeschlagen, und Wagner muss fliehen. In Zürich findet er Asyl. Doch während der Revolutionszeit hat sich Wagner weit intensiver noch mit seinem »Jesus«-Projekt beschäftigt und fragt sich, ob dieser die geeignete Figur ist, um die Befreiung vom falschen, schlechten Zustand dieser Welt theatralisch zu entwickeln. Offenbar nicht. Wagner findet wieder zum »Nibelungenlied« und der Figur des Siegfried.

 

 

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