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Hitzestau im Auto
Wellnessoase dank Aircondition
Die Klimaanlage als Wohlfühlfaktor und Alleskönner: Im Sommer kühlt sie, im Winter trocknet sie die Luft. Sie filtert Heuschnupf-Pollen, kann Keime unschädlich machen und Gerüche killen. Sie stärkt die Fitness des Fahrers, erhöht seine Konzentration und dient der Sicherheit.
Klimaanlage? Doch nichts für mich. Ich bin Cabriofahrer. Fahre ich offen, kühlt der Wind. Diese und dergleichen Ablehnungen mehr hört Ulrich Bebion seit Jahren. Für den Autoverkäufer vom gleichnamigen Autohaus pflegen die Frischluftfans ein Vorurteil, weil sie den Nutzen einer Aircondition nicht kennen oder meinen, allein das offene Dach reiche aus und erfülle diese Funktion. Der Kundenberater muss es wissen, denn sein Autohaus ist Spitzenreiter bei den Cabrioverkäufen. Der 207 CC ist seit Jahren das erfolgreichste.
Dennoch muss Bebion einräumen, dass Cabrio und Klimaanlage erstmal paradox klingt. Der offene Himmel über den Köpfen der Fahrer scheint grenzenlos. Nachts funkeln die Sterne, mittags brennt die Sonne. Der Wind bläst ins Innere. Mit steigendem Tempo wird er zum Orkan. Ist das noch kühl erfrischend? „Laue Maitage mögen noch als angenehm empfunden werden“, sagt der Experte, „die drückende Sommerhitze aber wird zur Qual.“ So kann er die Kunden schnell überzeugen. Denn das Oben-Ohne-Modell heizt sich nicht nur bei geschlossenem Verdeck auf. Die Sitze werden brennend heiß und der über die Arme streichende Wind piesackt schlimmer als tausend Nadelstiche.
Die Hersteller haben reagiert. Gegen Stürme im Cockpit helfen Windschotts und spezielle Spoiler wie der bei Mercedes. Aber auch die weit nach hinten gezogene Frontscheibe beruhigt die Turbulenzen, nimmt den sturmbesessenen Piloten aber ihr Hardcore-Erlebnis. Air Condition ja oder nein, ist mittlerweile bei den meisten Cabriolets keine Frage mehr. Denn nur noch bei ganz wenigen, wie auch bei dem 207 CC in karger Grundausstattung, fehlt die Aircondition. Das gilt für Cabriolets wie für Limousinen. Es hat überzeugte Verkäufer und komfortbewusste Kunden bedurft, dass die Vorteile einer Klimaanlage auch in gemäßigten Breiten Anerkennung fand. In den warmen Ländern hat die sommerliche Klimatisierung einen höheren Stellenwert als die Heizung im Winter – so wie mittlerweile der Stromverbrauch in Italien in den Sommermonaten höher ist als zur kalten Jahreszeit.
Man muss nicht durch die Wüste des Death Valley gefahren sein, um die Wohltaten einer Klimaanlage schätzen zu lernen. Aber hier im Hot Spot der Automobilindustrie, wo alle Firmen ihre Modelle ausgiebigen Hitzetests unterziehen, gehören die unter ärztlicher Aufsicht durchgeführten Belastungstests der Insassen zum Pflichtprogramm. Stundenlang müssen die zukünftigen Modelle, „die Erlkönige“, in praller Sonne ausharren, um die Tests zu absolvieren. Wenn dann noch glühendheißer Luftstrom zusätzlich ins Innere strömt und den Glutofen weiter aufheizt, kann es zu ernsthaften von Kreislaufstörungen, Hitzeschlag und dramatischem Nachlassen der Konzentration für die Testpersonen kommen. Nicht jeder Fahrer ist ein durchtrainierter Profirennfahrer, der bei Saunagraden im feuerfesten Overall Schwerstarbeit am Steuer leisten kann.
Diverse Untersuchungen haben nachgewiesen, dass bei einer Steigerung der Innentemperatur um zehn auf 35 Grad Celsius die Konzentration des Fahrers um 20 Prozent nachlässt. Die Gesamthochschule Wuppertal ermittelte in einer Studie für die Bundesanstalt für Straßenwesen, dass bei einer Temperatur von 27 Grad im Innern die Zahl der Unfälle um 11 Prozent, bei 32 Grad sogar um 22 Prozent steigt. Werte, die auch andere Forscher ermittelten und als gesichert gelten. Aus diesem Grund haben die Automobilfirmen nach den Windkanälen jetzt auch Klimakanäle gebaut, um bei exakten und immer wiederholbaren Versuchen die Wirkungen der Aircondition zu erproben. Der Innenraum wird mit einer Fülle von Temperatur- Druck und Strömungssensoren bestückt und sei liefern Messwerte, um ein Klimatisierungsmodell des mathematisch nachzubilden und Schwachstellen aufzuspüren. So fließen Verbesserungen schnell in die laufende Konstruktion ein. die abschließenden realen Testfahrten in die kalten Eis- und die heißen Sandwüsten dienen dann nur noch der Bestätigung.
Energetisch betrachtet ist der Kühlschrank im Auto nicht kostenlos. Klimaanlagen gelten als Benzinschlucker. Ihre Kompressoren lassen den Verbrauch je nach Einsatz um gut 1 bis 2 Liter Kraftstoff auf hundert Kilometer zusätzlich klettern und verschlechtert die CO2-Bilanz des dem Treibhausgases Kohlendioxid. Wieviel eine Klimaanlage mehr verbraucht, hängt von der gewünschten Kälteleistung ab und den äußeren Bedingungen, Temperatur, Sonnenstand, Luftfeuchtigkeit und wie stark sind die Scheiben vor der Wärmestrahlung geschützt sind. Ob schnell oder langsam unterwegs, ist nebensächlich. „Mit 2 km/h im Stau oder Tempo 120 auf der Autobahn“, sagen die Experten des Herstellers für Klimaanlagen Behr, „macht bei gleichen Umweltbedingungen keinen Unterschied.“ Der ist hingegen bei der Angabe des Verbrauchs pro 100 Kilometer nur dann sinnvoll, wenn die Randbedingungen bekannt sind. Der Kraftstoffverbrauch orientiert sich an der Betriebsdauer in Stunden.
Aber es gibt noch andere Vorurteile auszuräumen. Die Motorisierung ist unbedeutend. Diesel oder Benzin machen keinen Unterschied, auch wenn der Energieinhalt des Dieselkraftstoffs um gut 12 Prozent höher ist. Wer in seinem Fahrzeug auf die Aircondition verzichtet oder sie nicht einschaltet und stattdessen die Fenster öffnet, muss nicht wegen der bremsenden Luftwirbel mit einem Mehrverbrauch rechnen, hat der Österreichische Automobil Club, ÖAMTC, nachgewiesen. Aber so gibt der alpenländische Autofahrerclub zu bedenken, wird die Frischluft nie kälter als die Außenluft, treten ab Tempo 50 nervende Windgeräusche auf und der starke Luftzug kann unangenehm sein oder die Ohren schmerzen.
Ähnliches gilt für zu heftigem und zu kaltem Luftzug aus den Düsen der Klimaanlage. Schnell fängt sich der, der es eiskalt liebt, eine Erkältung ein. Er leidet unter Verspannungen oder Halsschmerz, wenn der Polarstrom konzentriert anbläst. Bei Luxuslimousinen wird daher enormer Aufwand getrieben, den Kaltstrahl in einen lautlosen und wohl temperierten Lufthauch aufzufächern. Legendär ist die Anweisung des damaligen VW-Chefs Ferdinand Piech an die Entwickler des Projekts D, dem jetzigen Phaeton, die Klimatisierung auf die Spitze zu treiben, unhörbar zu machen und Zugempfindliche nicht belästigen.
Als Teil des Gesamtfahrzeugs ist auch die Klimaanlage dem Kyoto-Protokoll zum Schutz des Weltklimas verpflichtet. Auch sie muss drastische Einsparungen liefern, um nicht als Umweltferkel geächtet zu werden. Gleichzeitig fängt das Sparen schon mit dem Start des Autos an. Es mag simpel und banal klingen, entwickelt aber große Wirkung. Steht das Auto in praller Sonne, alle Türen, falls der Platz vorhanden ist, aufreißen und Frischluft einlassen. Mit geöffneten Fenstern und offenen Luftklappen losfahren, dann kühlen sich die Teile zumindest auf Außentemperatur ab. Dann erst die Klimaanlage auf niedriger Stufe und Umluft hochfahren, raten Experten vom ÖAMTC. Dann Fenster und nach einigen Minuten auch die Umluftklappe schließen. Wichtig auch: Die beste Gesamtkühlung wird durch die Defrosterdüsen an der Windschutzscheibe erreicht. Ist sie herabgekühlt strahlt sie gleichmäßig die Temperatur ab, besser und gesundheitsschonender als die seitlichen Ausströmklappen. Der Vorteil einer Klimaautomatik: Sei regelt den gewünschten Temperaturwert von selbst.
Entwickler für Klimaanlagen aber müssen sich auch auf die geänderte Spritspartechnik im Auto einstellen, etwa auf das Start-Stopp-System. Wenn vor roter Ampel der Motor sich abschaltet, werden die Kältekompressoren herkömmliche Klimaanlagen auch gestoppt. Denn sie sind über einen Keilriemen mit der Kurbelwelle verbunden. Den Klimatechnikern von Behr war es jetzt wichtig, den Insassen ihren gewünschten Komfort zu belassen. Dabei kamen sie auf die Idee, nicht, wie eigentlich nahe liegend, die Temperatur im Innenraum konstant zu halten – denn das hätte den Einspareffekt von Start-Stopp zunichte gemacht – sondern sie orientieren sich an dem als subjektiv empfundenen Komfort. Dafür gibt es in der Klimatechnik den Wert des Diskomforts, die so genannte Schwülengrenze. Sie liegt bei einer relativen Luftfeuchtigkeit von 100 Prozent bei 15 Grad. Luft mit diesen Werten riecht unangenehm nach Waschküche und kein Autofahrer würde sie akzeptieren. Da die Aircondition aber nicht weiterlaufen kann, weil der Motor stoppt, kamen die Techniker auf die Idee eines zusätzlichen Kältespeichers. Er wird im Normalbetrieb „geladen“ und beim Stopp streicht die nachlaufende Kühlluft aus dem Verdampfer über den Kühler und senkt die Temperatur auf 11 Grad.
Natürlich könnte die Klimaanlage auch elektrisch angetrieben werden. Dann aber sind größere und schwere Batterien notwendig, die nur in Hybridmodellen oder den kommenden Elektrofahrzeugen eingebaut sind. Aber auch hier gilt, eine Aircondition kostet viel Energie, hier viel Strom und nimmt damit im Sommer Batteriefahrzeugen dramatisch Reichweite zum Fahren weg.
Prima Klima heißt nicht gleichzeitig auch gesundes Klima. Erkrankungen durch Klimaanlagen, weil sich Erreger, Sporen und Keime in dem feuchtwarmen Biotop der Kältemaschine am Verdampfer ansiedeln und wohlfühlen ist als Gefahr mittlerweile erkannt. Die Kühlkisten im Auto müssen gewartet und vor biologischen Verunreinigungen geschützt werden. Muffiger Geruch ist noch das geringste Übel. Aber spezielle Beschichtungen befreien die einfließende Außenluft von Partikeln, Schadgasen, Gerüchen und Mikroorganismen.
Am Ende macht die Klimaanlage aus den Autos eine Wellnessoase zum Wohlfühlen mit ionisierter, sauerstoffangereicherter Luft und individuell, je nach Stimmung und Laune, wählbaren Düften. Ob da nicht der Cabriofahrer doch lieber das Dach aufreißt, den Geruch des frischen Heus tief einsaugt, sich die Haare vom frischen Sommerwind verwirbeln lässt, der untergehenden Sonne entgegen.
- Peugeot 308 e-HDi
- Peugeots Sportcoupé RCZ
- Peugeot 508
























