Alles Einbildung, sagen die Psychologen. Alles Synapsensache, sagen die Biologen. Unerhört! – sagen wir, die wir uns so sehr nach der großen Liebe sehnen. Tatsächlich wären wir jedoch gut beraten, dem Schicksal mit kühlem Kopf auf die Sprünge zu helfen. Dann wird's auch was mit den ganz großen Gefühlen.
Romeo und Julia wählten den Freitod, weil sie als Kinder verfeindeter Familien nicht zusammenkamen. Johann Wolfgang von Goethe bekannte sich zur 16 Jahre jüngeren Christiane Vulpius, obwohl sie arm und ohne Bildung war. Liz Taylor und Richard Burton führten eine öffentliche Skandalbeziehung und heirateten zweimal, um sich dann doch wieder zu trennen. Eduard VIII. verzichtete für Wallis Simpson auf den Thron.
Franz Müntefering gab alle politischen Ämter auf, um seine krebskranke Frau in den Tod zu begleiten. Camilla und Prinz Charles führten jahrzehntelang eine geheime Liebesbeziehung unter schwierigsten Bedingungen. Was haben so unterschiedliche Paare gemeinsam? Die große Liebe. Die schicksalhafte, romantische, überwältigende Liebe, für die sie bereit sind, jedes Opfer zu bringen, und über die moderne Wissenschaftler sagen, dass es sie gar nicht gebe.
Liebe – nur eine Iszenierung unseres Gehirns?
Auf der Jahrestagung des Arbeitskreises „Politische Psychologie“ waren sich die Fachleute einig: Die Liebe ist nicht Schicksal, sie wird „gemacht“. Wie die meisten Gefühle sei sie nicht mehr als das Resultat einer gekonnten Inszenierung. „Liebesgefühle entstehen nicht von sich aus“, sagte der Direktor des Frankfurter Sigmund-Freud-Instituts, Rolf Haubl. Liebe komme nicht einfach über einen. „Liebe, die sich durch Naturgewalt einstellt“ sei eine Fantasterei der Romantik. In der Realität reichten meist wenige Symbole aus, um das Gefühl der Liebe zu erzeugen. Ein romantischer Abend mit Candle-Light-Dinner und roten Rosen, passender Musik und Vollmond führe fast immer zum Erfolg.
Tatsache ist, dass in der Biologie der Begriff Liebe gar nicht vorkommt, weil Liebe keine messbare wissenschaftliche Kategorie ist. Sie ist lediglich ein Teil der Biochemie, drei Sekunden dauere es, so der Berner Biologe Claus Wedekind, in denen der Grundstein für Hopp oder Flopp gelegt ist. Kommen in dieser Zeit die richtigen Signale an, beginnt der Tanz der Hormone.
Verliebt sich der Mensch, sorgen die bekannten Botenstofffe wie Dopamin für Euphorie, Adrenalin für Aufregung, Endorphin und Cortisol für Glücksgefühle und tiefes Wohlbefinden. Testosteron verursacht erhöhte sexuelle Lust, bei Männern durch Sinken des Tes-tosteronspiegels, bei Frauen durch dessen Anstieg. Sexualduftstoffe werden vermehrt abgegeben, der Serotoninspiegel hingegen fällt stark ab.
Ist Liebe eine psychische Krankheit?
Andere Wissenschaftler gehen noch weiter: Verliebtheit weise Ähnlichkeit mit psychischen Krankheiten auf. Das trägt dazu bei, dass Verliebte sich zeitweise in einem Zustand der Unzurechnungsfähigkeit befinden und sich zu irrationalen Handlungen hinreißen lassen. Unter dem Einfluss des Hormoncocktails entsteht das, was wir für romantische Liebe halten. Die Ausschüttung der chemischen Botenstoffe und Verknüpfung neuer neuronaler Verbindungen benebeln unseren Verstand und versetzen uns in einem Rausch von Glückszuständen.
Die Wissenschaft sagt knallhart: Diese Zeit des Verliebtseins dient einzig und allein der Erhaltung der Art. Deshalb wird zunächst alles eingeleitet, was zur Paarung und Bindung erforderlich ist. Die Botenstoffe erzielen ihre Wirkung, der Nachwuchs ist gesichert, die Art wird fortgepflanzt. Doch was danach zum Erhalt der Art benötigt wird, sind nicht durch den Liebesrausch benebelte Menschen, sondern zwei ganz nüchtern und rational denkende Elternteile. Sie sollen sich mit klarem Kopf der Betreuung des Nachwuchses widmen. Um dieses zu gewährleisten, werden alle Hormone auf das Ausgangsniveau zurückgefahren, ganz allmählich beendet das Gehirn den sensorischen Rausch.
Studien der Weltgesundheitsorganisation WHO zufolge dauert das „Hoch“ 24 bis 36 Monate, maximal vier Jahre. Nach dieser Phase spielen die Hormone Oxytocin und das männliche Gegenstück Vasopressin, die Vertrautheit und Bindungen verstärken, von nun an die tragende Rolle. Die Verliebtheit muss in eine andere Form der Liebe übergehen, in der die Beziehung eher von gemeinsamen Interessen und Verantwortung geprägt ist, statt von berauschenden Glücksgefühlen. Die Folge: Viele zunächst nicht störende Eigenschaften werden jetzt plötzlich beim Partner gesehen. Aus rein hormoneller Sicht wäre nun eine Trennung angesagt.
Was machen Traumpaare richtig?
Steffi Graf und Andre Agassi werden sich nach eigenen Worten immer lieben. „Wir glauben an die ewige Liebe“, versichert das seit 2001 verheiratete Paar. Die beiden gelten als Traumpaar der internationalen Promi-Szene, sie haben offenbar den Dreh raus. Er schwärmt: „Stefanie ist die Frau meines Lebens, die Mutter unserer Kinder, und das wird sie auch in 50 Jahren noch sein.“ Sie schwärmt: „Wir können aufeinander zählen. Das ist für mich das Wichtigste.“ Romantik sei für sie „ein gutes Glas Wein vor unserem Kamin zu Hause in Las Vegas“ und für ihn Nähe und Vertrauen.
„Ich finde es sehr romantisch, mit Stefanie etwas zusammen zu machen. Egal was“, sagte der 35-jährige Amerikaner aus Las Vegas. Agassi: „Obwohl wir nun schon einige Jahre verheiratet sind, entdecken wir uns täglich neu.“ Das Geheimnis ihrer Liebe, so die Mutter von zwei Kindern, sei nicht zuletzt die gleiche Erfahrung im Tenniszirkus. Man wisse und könne nachempfinden, wovon der andere spreche. Die frühere Weltranglisten-Erste im Tennis schwärmte: „Wir ticken gleich, wir verstehen uns auch ohne Worte.“
Gesellt sich am liebsten Gleich zu Gleich?
Das klingt profan, sitzt aber auf dem Punkt: Ähnlichkeiten in Persönlichkeit und Lebenserfahrung sind tatsächlich die wichtigsten Voraussetzungen für das Gelingen einer Liebesbeziehung, was zunächst anziehend wirke, erweist sich dagegen selten als Garant für eine glückliche Beziehung. Dies schreiben Eva Klohnen und Kollegen von der University of Iowa im „Journal of Personality and Social Psychology“.
Auch die alte Volksweisheit, nach der sich „Gegensätze anziehen“, sei unfundiert und schlichtweg falsch. Über Jahre hinweg spielten Ähnlichkeiten in den Persönlichkeiten hingegen die entscheidende Rolle: Das Verhalten bei Gewissensfragen und die Einstellung zu Umwelt, Familie und Kindern müssten übereinstimmen. Ähnliche Vorstellungen von dem, was man für erstrebenswert hält, sei das Fundament für eine lange, harmonische Beziehung und wichtig dafür, dass die Liebe nicht an unterschiedlichen Herangehensweisen bei der täglichen Problemlösung oder der langfristigen Planung zerbricht, fand das Forscherteam in einer Studie heraus.
Die Ähnlichkeiten, die zu Beginn einer Beziehung vielleicht die Funken sprühen lassen, sind ganz andere als jene, die auf Dauer für Glück und Zufriedenheit sorgen. Anfangs sind es vielleicht ähnliches Temperament und Interessen, später dann die grundsätzlichen Wertvorstellungen bis hin zur Religion, die verbinden. Ohne entscheidende Übereinstimmungen im Charakter hat die Liebe auf Dauer keine Chance.
Muss mein Partner mich glücklich machen?
Die andere wichtige Voraussetzung für eine dauerhafte Beziehung ist das Wissen beider Partner, für das eigene Glück selbst verantwortlich zu sein. Schon in dem Bestseller „Die Kunst des Liebens“ vertritt der Autor Erich Fromm die These: „Die meisten Menschen sehen das Problem der Liebe in erster Linie als das Problem an, selbst geliebt zu werden, statt zu lieben und lieben zu können.“ Doch lieben könne nur, wer sich auch selbst liebe. Zu sich selbst und anderen ein Gefühl der Bezogenheit zu entwickeln, sei nicht nur ein menschliches Grundbedürfnis, sondern Voraussetzung für seelische Gesundheit und höchste Erfüllung in der Liebe. Dies sei der einzige Weg, „mit der Welt eins zu werden und gleichzeitig ein Gefühl der Individualität zu erlangen“.
Auch die Hamburger Psychologin Bärbel Raulf bestätigt, dass nur wer sich selbst liebt, jemand anderen lieben kann. Dazu gehöre, dass jeder erwachsene Mensch in der Lage sein sollte, aus sich selbst heraus glücklich zu sein. „Wenn man erwartet, dass der Partner dazu da ist, einen selbst glücklich zu machen, wird die Beziehung schiefgehen. Für sein Glück ist jeder selbst verantwortlich.“ Dazu gehört auch, sich selbst ausgefüllt beschäftigen zu können und eigene Interessen zu haben, die man ohne Zutun des Partners ausüben kann. Nichts ist tödlicher für eine Beziehung als der Satz: „Ich weiß nicht, was ich ohne Dich anfangen soll!“
Andere Kulturen – andere Liebe?
Liebe wird nicht überall auf der Welt gleich verstanden, viele Kulturen und Gesellschaften fassen ihn ganz anders auf als wir. Verlässt man den abendländischen Kulturraum, bleibt die Suche nach der großen Liebe als lebensprägendes Schicksal oft vergebens. Der schweizerische Schriftsteller Denis de Rougemont zitiert in seinem 1939 erschienenen Werk „Die Liebe und das Abendland“ einen jungen Chinesen: „Der Begriff Liebe existiert in China nicht. Er wird im Chinesischen nur verwendet, um die Beziehungen zwischen Mutter und Söhnen zu definieren. Der Ehemann liebt seine Frau nicht.“
Kann die Liebe nach der Heirat kommen? Wenn man einen Türken oder einen Inder fragt, eindeutig ja. Hier wird die Ehe vielfach von den Eltern der Brautleute arrangiert, und man geht selbstverständlich davon aus, dass die Liebe nach der Heirat wächst durch das vernünftige Zusammenfügen zweier Menschen, die von Herkunft, Erziehung, Persönlichkeit und ihren Familien her miteinander harmonieren. Man definiert die Liebe hier nicht als permanentes romantisches Hochgefühl, sondern als Verantwortungsbewusstsein und Zuverlässigkeit. Liebe steht nicht für überschwenglichen Gefühlstaumel, sondern für Verbundenheit, die sich mit der Zeit entwickelt. Und sie bedeutet vor allem Treue und Loyalität.
Westliche Wissenschaftler glauben, wir könnten von diesen Ehen viel lernen. Eine indische Studie hat gezeigt, dass die Liebe in diesen Ehen die Liebe in Liebesheiraten ab dem fünften Jahr übertrifft. In arrangierten Ehen wird die Liebe stärker, in Liebesheiraten wird sie geringer. Tatsächlich sind solche Ehen, wie auch internationale Untersuchungen gezeigt haben, vielfach haltbarer.
Ist die Vernunftehe haltbarer?
Die Vernunftehe, in unserer Kultur derzeit ein gar nicht angesagtes Modell, ist der arrangierten Ehe nicht unähnlich. Neueste Forschungsergebnisse geben dem Modell durchaus eine Chance. Sie basiert auf gegenseitiger, durchaus auch körperlicher Zuneigung, und gemeinsamen Interessen der beiden Ehepartner. Verliebtheit, wie sie bei der romantischen Liebesbeziehung auftritt, spielt eine sekundäre Rolle. Folglich stehen Lustgefühle und Sexualität nicht im Vordergrund. Stattdessen wägen beide Partner sorgfältig ab, ob genug anderweitige Gemeinsamkeiten vorhanden sind, die eine sichere Basis für eine langlebige Beziehung bilden können. Sie gehen davon aus, dass ihre Gefühle füreinander im Laufe der Beziehung wachsen, bis tatsächlich Liebe daraus wird.
Geschichtlich betrachtet ist die Liebesheirat denn auch ein relativ junges Phänomen. Das Ideal, dass Zuneigung und Liebe, und nicht wie bis dahin die Pflicht Basis eines gemeinsamen Lebens bilden sollte, wurde erstmals 1761 von Jean-Jacques Rousseau in seinem Erfolgsroman „Julie oder Die neue Heloise“ formuliert und von der beginnenden Romantik übernommen. Durch die Romane „Paul und Virginie“ von Bernardin de Saint-Pierre (1787, dt.) und „Lucinde“ (1799) von Friedrich Schlegel wurde die Heirat aus Liebe zwar immer populärer, in der Praxis aber in den allermeisten Fällen weiterhin nach sachlichen Kriterien wie Vermögen, Status und Herkunft eingefädelt.
Befürworter der Vernunftehe standen und stehen auf dem Standpunkt, dass die Liebesheirat allzu oft mit übersteigerten Erwartungen und falschen Vorstellungen verbunden ist, dass viele Paare körperliche Lust mit Liebe verwechseln und aus völlig falschen Gründen heiraten. Daraus könne letztlich nur eine unglückliche Beziehung werden. Das sei zwar verständlich, aber falsch, erklärt der populäre US-Psychologe Robert Epstein: „Wir sehen im Kino, dass sich zwei schöne Menschen treffen, sie werden von ihren Gefühlen überwältigt, haben wilden Sex, und in der nächsten Szene heiraten sie. Das ist naiv, und dennoch suchen wir alle danach. Und daher halten unsere Ehen nicht, denn nur auf Lust und Romantik lässt sich keine dauerhafte Beziehung errichten.“
Kann man Liebe lernen?
Wissenschaftler bejahen das ganz klar. Sie sagen, Voraussetzung sei, dass die Lust und Romantik nicht im Vordergrund stehen und alles andere überdecken. Stattdessen müsse eine Basisübereinstimmung in den alltäglichen und praktischen Dingen da sein. Beispielsweise, dass beide Kinder mögen, liebevoll und fürsorglich sind, dass Persönlichkeit und Wertvorstellungen übereinstimmen.
Psychologe Epstein: „Wenn es dazu noch eine begleitende Paarberatung gibt, dann bin ich zutiefst davon überzeugt, dass Menschen lernen können, sich zu lieben. Da kann man sich viel von arrangierten Ehen abgucken.“ Alles, was man für eine gute Beziehung brauche, sei heute messbar und trainierbar. Man dürfe nur am Anfang nicht zu hohe Erwartungen haben. „Wir könnten unsere Erfolgsquote massiv vergrößern, wenn wir das Zufällige und Schicksalhafte in der Liebe verringern würden. Wir müssen nur wieder die Kontrolle über unser Liebesleben gewinnen und es nicht dem Schicksal überlassen.“
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