Sekten gewinnen Macht über Menschen. Machtgerangel gehört zu unserem Alltag. Doch was bringt Menschen dazu, bis an die Spitze zu kommen? Ist der ideale Sektenführer besonders hart mit sich und anderen, oder ist er einfach klüger als andere?
Der Machtwille ist uns angeboren, und Machtgerangel gehört zu unserem Alltag. Doch was bringt Menschen dazu, bis an die Spitze zu kommen? Sind sie härter? Schlauer? Und wie können wir sie – und uns – vor dem Rausch der Macht schützen?
Die Schlange der Hoffnungsvollen ist lang vor der Nobeldisco, wie üblich an den Wochenenden. Der Türsteher, groß, gut aussehend, charmant und brutal zugleich, hat schon eine halbe Stunde lang niemand hineingelassen. Nicht weil es drinnen zu voll wäre – das Wartenlassen ist Taktik. Ein Machtspiel als Nachtspiel, das dem Münchner Club »P1« den Ruf einbrachte, »die härteste Tür der Stadt« zu haben. Vor dem Machthaber am Einlass wedeln Männer gelegentlich mit großen Scheinen, Frauen setzen andere Mittel ein: »Es passiert nicht selten«, sagt Türsteher Sebastian, »dass sich Mädchen vor der Tür ausziehen und sagen: Hallo, wenn du mich reinlässt, dann gehört das alles dir.«
Nach zehn Jahren Berufspraxis weiß der Mann, wovon er redet – und warum erinnern uns seine nächsten Sätze plötzlich an die hohe Politik? »Viele scheitern an diesem Job«, sagt er, »weil sie mit dem doppelten Druck von unten und von oben nicht zurecht kommen.« Er meint den Druck der Gäste, die hinein und den der Clubchefs, die Exklusivität wollen. Der Satz des Türstehers könnte aber auch von einem selbstkritischen Bundestagsabgeordneten stammen: Von unten machen seine Wähler Druck, denen er dies und jenes versprochen hat, von oben sein Fraktionsvorsitzender, den das überhaupt nicht interessiert.
Zwei Regeln hat Sebastian, Beherrscher der härtesten Discotür, über die Macht gelernt: »Du musst hart sein können. Und du darfst sie nicht missbrauchen.«
Lässt sich das verallgemeinern? Zunächst Regel eins. Aus eigener Kraft hat es ohne Härte tatsächlich vom Altertum bis zur Berliner Republik, von Cäsar bis Schröder, von Dschingis Khan bis George W. Bush und von Kleopatra bis Maggie Thatcher noch keiner und keine bis zur Spitze geschafft. (Auch nicht unser Chef am Arbeitsplatz, genau genommen.) Und ohne Härte kann sich wohl auch niemand oben halten. Aber Regel zwei, kein Machtmissbrauch? Da fallen uns doch sofort reichlich Gegenbeispiele ein, und nicht nur Diktatoren in Nahost.
Das Wort Macht hat keinen angenehmen Klang. Gesprochen kann es knallen wie ein Peitschenhieb, und dem entsprechen die gedanklichen Assoziationen. Macht verdirbt den Charakter, Machtinstinkt ist verdächtig, Machtgeilheit ist unanständig. Machtmissbrauch gehört bestraft. Die Macht der Banken ist unheimlich. Andererseits sprechen wir auch von der Macht der Liebe, der Macht des Glaubens, des Verzeihens. Und im Wort Machtmensch – schwingt da nicht auch Bewunderung mit, manchmal Neid? Macht ist vielschichtig, eine Konstante der Menschheitsgeschichte. Denn Leben heißt Zusammenleben, niemand ist eine Insel. Zusammenleben aber heißt immer und überall: Wer gibt nach, wer setzt sich durch? Wer gewinnt, wer verliert?
In den großen Machtarenen von Politik und Wirtschaft ist das offensichtlich. Dass es genauso zwischen Ehepartnern, Kollegen, Freunden, Geschwistern gilt, wird uns weniger bewusst. Selbst mit völlig Unbekannten verwickeln wir uns in Machtspiele: mit der hochnäsigen Verkäuferin in der Jeansabteilung. Mit dem pampigen Kellner im Touristencafe. Dem Autofahrer, der die Lücke schließt, wenn wir überholen wollen. (Manchmal sind wir selbst jener Autofahrer.) Immer geht es darum, wer sich durchsetzt, und sei es nur für den Moment. Schon im Kindergarten lernen wir danach zu handeln. Doch warum gelingt es manchen, sich über das Kleinklein des alltäglichen Gerangels bis an die Spitze der Macht zu erheben? Haben sie Eigenschaften, die wir nicht haben? Oder sind sie bloß härter, schlauer, rücksichtsloser?
»Die größte Freude im Leben ist es, seine Feinde erbarmungslos zu schlagen und zu töten, ihre Pferde zu reiten und ihre Frauen und Töchter zu schänden.« Mit dieser Motivation hat der »Genussmensch« Dschingis Khan um das Jahr 1200 die halbe damals bekannte Welt erobert. Seine Erfolgsgrundlagen waren, in dieser Reihenfolge: Faustrecht und skrupellose Unterdrückung; ausgefeilte Kriegskunst seiner Reiterheere; strategische Allianzen zum Machterhalt. Dschingis Khan ist Geschichte, lang vergangen. Aber wenn man seine Prinzipien (schlagen, töten, schänden, erobern) von dieser Ebene körperlicher Gewalt auf eine psychisch-strukturelle hebt – gelten sie nicht bis heute?
Machthunger, das Bestreben, Kontrolle auszuweiten, ist ein zentrales menschliches Motiv«, sagt der Münchner Sozialpsychologe Dieter Frey. Der Stärkere überlebt, fressen oder gefressen werden – ein Grundgesetz der Evolution wirkt bis heute, wenn auch zivilisiert und in Nadelstreifen. Professor Frey vermutet hinter mancher großen Firmenfusion weniger wirtschaftliche Vernunft als irrationalen Eroberungshunger. Größenwahn, Eitelkeit, Selbstbereicherung: Die gegenwärtige Entzauberung der Managerkaste bestätigt, wie klein der Schritt von produktivem Machtwillen zu destruktivem Machtmissbrauch ist. Eine Einsicht, so alt wie die Menschheit.
Als in der Vorzeit alle Macht noch vom körperlich Stärksten ausging, stellte sich die Frage von Machtmissbrauch erst gar nicht. Wenn er sich einmal an die Spitze gekämpft hatte, konnte sich der dominante Alpha-Mann alles herausnehmen – bis ein Nachfolger der nächsten Generation ihn erschlug oder verjagte. Dementsprechend blutig erzählen die Mythen – wie die germanische Edda, die griechischen Göttersagen – von Rivalenmord, von Vater-, Bruder-, Gatten- und vorausschauendem Kindermord in schier unfasslicher Folge. Die menschliche Frühgesellschaft ist aus einer tyrannischen Affengesellschaft entstanden, darüber sind sich Anthropologen und Biologen heute weitgehend einig. Doch auch bei unseren tierischen Verwandten hat sich das nackte Faustrecht allmählich verfeinert: Während Rhesusaffen vom Stärksten der Sippe ganz einfach terrorisiert werden, haben Schimpansen ein wechselseitiges Kontrollsystem entwickelt. Nur wenn seine Führung als nützlich für alle anerkannt wird, kann der Alpha-Schimpanse sich langfristig halten. Der Vergleich mit Diktatur und Demokratie in der Menschengesellschaft liegt nahe. In aktueller Umkehrung der Analogie wäre dann der Folterer Saddam Hussein als Rhesusaffe anzusehen. George Bush, rein metaphorisch, als Schimpanse.
Die Primatenforschung hat die animalischen Wurzeln unseres Machtdrangs bloßgelegt. Aber anders als bei Tieren spielen körperliche Größe und Stärke beim Menschen keine entscheidende Rolle mehr. Was ist es dann, das menschliche Alpha-Männchen und -Weibchen dazu befähigt, die Macht zu ergreifen und sie im Griff zu behalten? Eine Art ausblendende, partielle Intelligenz scheint Bedingung zu sein: Wer zu viel nachdenkt, kommt nicht zum Arbeiten, sagte Gerhard Schröder, bevor er Kanzler wurde. »Mangel an Menschenkenntnis ist in der Politik Führungsvoraussetzung«, sagte Holger Börner, nachdem er Ministerpräsident war. »Im Abstoßen und Bekämpfen von anderen müssen Sie brutal sein, und das halten Sie nur aus, indem Sie menschliche Regungen sich selbst und anderen gegenüber ausblenden.« Sagte Karlheinz Blessing, einst SPD-Geschäftsführer. Starke Worte.
Was aber sind die Konsequenzen des Machtwillens? Darüber denken Philosophen schon seit 2500 Jahren nach. Mit Machtmissbrauch und Menschenrechten, Korruption und Herrscherwillkür, mit der Balance zwischen gesellschaftlicher Ordnung und individueller Freiheit haben sich von Aristoteles und Platon über Thomas von Aquin und Macchiavelli bis hin zu Nietzsche und Marx alle beschäftigt – es war wohl auch zu allen Zeiten nötig.
Die Denker betrachteten die Herrscher, und was sie sahen, war »Die Torheit der Regierenden«, so ein bekannter Buchtitel der amerikanischen Historikerin Barbara Tuchman. Sie gab ihm die aufschlussreiche Unterzeile »Von Troja bis Vietnam«. Die Trojaner zogen das sehr verdächtige hölzerne Pferd in ihre Stadt, obwohl sie allen Grund hatten, eine List der griechischen Belagerer zu vermuten. Törichte Zerstrittenheit der Herrscherkaste ließ Spanien den Mauren anheimfallen, törichte Dekadenz der Renaissancepäpste setzte die Reformation ins Recht. Dümmlicher Adelsdünkel provozierte den Unabhängigkeitskrieg der Amerikaner gegen die englische Kolonialmacht, wahnhafter deutscher Dünkel – »wir sind die Herrenrasse« – setzte Europa in Brand. Und so weiter, und so fort. Warum riskierte Hitler die Invasion in Russland, obwohl die Versuche des Vorgängers Napoleon und des Vorvorgängers Karl XII. von Schweden katastrophal geendet hatten? Warum ignorierten Johnson, Nixon, Kissinger, Dulles die noch blutfrische Niederlage der französischen Kolonialmacht in Indochina und befahlen Krieg gegen Vietnam? Ein fernes Land, das nichts wollte als seine Unabhängigkeit? Die Machthaber in Washington ließen 1,5 Millionen Vietnamesen töten und 45000 amerikanische Soldaten sterben, bevor sie gedemütigt den Schwanz einzogen. Zählt Erfahrung nichts in der Geschichte? »Welche Lehren könnte sie uns erteilen!« klagte der englische Dichter Samuel Coleridge vor 200 Jahren. »Aber Leidenschaft und Parteigeist machen unsere Augen blind, und das Licht, das die Erfahrung spendet, ist eine Laterne am Heck, die nur die Wellen hinter uns erleuchtet.«
Leidenschaft und Parteigeist. Ehrgeiz, Herrschsucht, Selbsttäuschungen. Vorurteile, Angst vor Gesichtsverlust – die Torheit der Regierenden hat viele Gesichter. Eines davon: sexuelle Verführbarkeit. »Macht ist das stärkste Aphrodisiakum«, bekannte der amerikanische Außenminister Henry Kissinger kokett. Soweit das bloß den Sex betrifft – warum nicht; legendäre Amouren der Herrschenden haben auch uns, die Beherrschten, in der Regel gut amüsiert, von Cäsar und Kleopatra bis Kennedy (1600 Quickies!) über Mao (5000!! täglich eine Jungfrau!!!) und Clinton (2 Blowjobs) – so jedenfalls wird kolportiert. »Ich kenne keinen Staatspräsidenten«, sagte Francois Mitterand, »der nicht wenigstens ein Stück weit der sexuellen Verlockung nachgegeben hat. Das allein ist ein Grund zu regieren.« Macht macht potent.
Doch wenn diese Potenz sich zur Omnipotenz auswächst und Allmachtsfantasien gebiert, dann wird es gefährlich, für den Herrscher und die Beherrschten. Denn mit dem Allmachtsgefühl kommt die trügerische Gewissheit, im Besitz der Wahrheit zu sein. Der ehemalige US-Verteidigungsminister Robert S. McNamara beschreibt in seinem Buch »Vietnam – Das Trauma einer Weltmacht« sehr selbstkritisch die verhängnisvollen Auswirkungen dieser Besserwisserei. Sie alle fegte Warnungen und Gegenargumente vom Tisch, diffamierte jeden Andersdenkenden und führte so zu völlig irrationalen Entscheidungen, die – wie schon erwähnt – Hunderttausenden Menschen das Leben kostete. »Das heilige und goldene Leitzeug der Vernunft«, das Platon den Mächtigen einst hoffnungsvoll in die Hand wünschte, entglitt ihnen. So ist McNamaras Buch zu einem Lehrstück über Torheit und Verblendung geraten.
Und es ist kein Einzelfall. Die Geschichte ist voll davon. Klassisches Beispiel der Antike ist Cäsar. Er besaß glänzende geistige und körperliche Fähigkeiten, Mut, Charme und Machtwillen; militärisches Talent ebenso wie volksnahe Großzügigkeit und Skrupellosigkeit bringen ihn an die Spitze des römischen Weltreichs. Nach erfolgreichen Feldzügen, von Spanien bis Kleinasien und Nordafrika bis zur Nordseeküste, lässt er sich 46 v. Chr. die größte Triumphfeier ausrichten, die Rom je gesehen hat – Fanfarenbläser, Elefanten mit Leuchtern auf den Köpfen, Gefangene in Ketten, Beutegut in endloser Wagenkolonne. Cäsar wird maßlos. Er lässt sich zum Diktator auf Lebenszeit ernennen, versucht die Jahrhunderte alte Republik abzuschaffen, demütigt die Senatoren. Zwei Jahre später verblutet Cäsar – im Senat, den er entmachten wollte – unter 23 Dolchstichen.
Mit dem großen Cäsar ist der große Napoleon oft verglichen worden, gern auch von sich selbst. Auch er hat den Bogen der Macht überspannt und sich als Opfer seiner Hybris selbst zugrunde gerichtet. Historikerin Barbara Tuchman zieht die Linie herrscherlicher Selbstüberhebung – »wenn wir ins Auge fassen, dass auch das Amt des amerikanischen Präsidenten ein Übermaß an Macht verleiht« – bis hin zu den Vietnamkriegsherren Lyndon Johnson und Richard Nixon. Beide glaubten, ihre Stellung berechtige sie zu lügen und zu täuschen.
Ein Gedankenspiel: Wer wäre aus deutscher, aus europäischer Sicht in eine aktualisierte Fassung von Tuchmans 1984 erschienenem Standardwerk aufzunehmen? Der brillante Kieler Abiturient Uwe Barschel nannte 1963 als Berufsziel »Bundeskanzler«. Er promovierte in Jura und Politologie, war im Alter von 34 Jahren CDU-Justizminister, mit 38 Ministerpräsident von Schleswig-Holstein. Als 1987 seine Wiederwahl gefährdet schien, verleumdete er seinen SPD-Konkurrenten Björn Engholm mit sexuellen Unterstellungen; als der »Spiegel« dahinterkam, leugnete er im Fernsehen mit »Ehrenwort«; als seine Lüge entlarvt wurde, nahm sich Uwe Barschel in einer Hotelbadewanne das Leben.
Helmut Kohls Abgang von der politischen Bühne ist mit diesem schockierenden Ende eines Machtbesessenen nicht vergleichbar, vom Altkanzler schwand die Macht durch das normale demokratische Verfahren. Doch Kohls guter Ruf schwand durch Anmaßung, als er in der Parteispendenaffäre mit seinem dubiosen angeblichen »Ehrenwort« an anonyme Spender die rechtlich vorgeschriebene Offenlegung verhinderte. Und eine gewisse Margret Härtel demonstrierte gerade, dass Platons Erkenntnisse zur Torheit mächtiger Männer auch für Frauen gelten. Die Oberbürgermeisterin der Stadt Hanau war beliebt und erfolgreich, dann wurde sie überheblich und gemein. Vetternwirtschaft und Missbrauch von Steuergeldern hielt sie für ihr höheres Recht, sie fälschte Familienessen in Dienstspesen um und riet einer krank- geschriebenen Mitarbeiterin (in Aneignung allerdümmsten Macho-Denkens) sich therapeutisch mal richtig durchbumsen zu lassen. Und alle Macht wich von ihr. Mit mehr als 90 Prozent der Stimmen haben Hanaus Bürger die Dame aus dem Rathaus geworfen.
Man mag Genugtuung verspüren, wenn die Machtsucht die Mächtigen selbst beschädigt – grauenvoll wird es, wenn sie unschuldige Opfer zahllos in Tod und Verderben stürzen. Das zeigt die Geschichte tyrannischer Individuen und Ideologien bis heute, von Nero bis Hitler, von der Inquisition bis zum Kommunismus der Stalinära. Schwacher Trost für die Ausgelieferten, dass mörderische Tyrannen stets in Angst vor Tyrannenmord leben; Stalin wurde darüber irre, Ceausescu hat die Rache seines Volks in aller Öffentlichkeit ereilt. Wie Saddam Hussein auf der Flucht sich davor fürchtet, lässt sich gut vorstellen.
Blutige Perversionen von Diktatorenmacht sind in der Demokratie unmöglich – psychische Deformationen auf dem Weg zur demokratischen Macht aber unumgänglich. Vom tschechischen Präsidenten und Dichter Vaclav Havel stammt der Satz: »An der Macht bin ich mir ununterbrochen verdächtig.«
Auch uns sind die da oben, die Mächtigen, verdächtig. Und doch knicken wir vor ihnen ein. Lieben sie vielleicht sogar. Ist es ihr Charisma? Ihre Chuzpe? Wählen und bewundern wir denjenigen, dessen »Frechheit siegt«? Jedenfalls den, in dem wir uns vorteilhaft spiegeln können. In George W. Bush´s Cowboystiefeln mit dem groß eingeprägten Präsidentenemblem und in seinem fest vorgetragenen Glauben an sich selbst erkennt sich Amerikas Mehrheit wieder. In Italien zählt »bella figura«, die elegante Außenhülle. Dort regiert eine zeitlos typische Erscheinungsform von Machtarroganz. Das unverschämteste Beispiel diesseits von Afrika bietet gegenwärtig – mit seinem dubios erworbenen Wirtschafts- und Medienimperium, seiner Umbiegung missliebiger Gesetze – der Ministerpräsident unseres meistgeschätzten Urlaubslandes, Italiens Silvio Berlusconi.
Die Torheit der Regierenden: Platon entwarf gegen dieses »Übel für die Staaten« um 400 v. Chr. eine schöne, groß gedachte Vision: Entweder müssten die Könige Philosophen oder aber die Philosophen Könige werden. Doch zweifelte er später selbst an ihrer Realisierbarkeit und kam zu dem Schluss, Gesetze seien der einzige Schutz gegen Machtanhäufung, die selbst kluge Herrscher maßlos, ungerecht und willkürlich werden lasse. Keines Menschen Seele sei fähig, der Versuchung übermäßiger Macht zur Selbstherrlichkeit zu widerstehen.
Das gilt noch heute und für jeden. Machtsucht war und ist »das schändlichste der Laster«(Tacitus), doch wird die prinzipielle Ablehnung von Macht deshalb nicht zur Tugend. Ohne Macht wird zwar keine Stadt zerstört – ohne den Willen zur Macht ist aber auch noch keine Stadt erbaut worden. Politik ohne Macht ist nicht möglich, Machtwille deshalb nötig. Mahatma Ghandi hat Indien in die Unabhängigkeit geführt – machtvoll UND gewaltfrei. Gerade tritt eine charismatische Frau, die Schriftstellerin und Aktivistin Arundhati Roy sein Erbe an und gibt den Machtlosen eine mächtige Stimme.
Macht führt nicht zwangsläufig zu Machtmissbrauch. In der Demokratie haben wir, das Wahlvolk, die Mittel zur Kontrolle in der Hand. Mächtige müssen zu allen Zeiten vor sich selbst geschützt werden, vor dem wahnhaften, zerstörerischen Gefühl: Jetzt bin ich der Größte und darf alles.
Im alten Rom machte man das so: Wenn der Imperator oder ein siegreicher General auf seinem Triumphwagen durch die Stadt fuhr, sangen seine Soldaten rituelle Spottlieder auf den Gefeierten, und hinter ihm stand ein Sklave, der ihm angesichts der begeisterten Menge immer wieder die Mahnung zuflüsterte: »Bedenke, dass du ein Mensch bist«.
Das könnte auch Silvio Berlusconi nicht schaden. Roms gegenwärtiger Prinz der Eitelkeit, in seinen TV-Sendern bis zur Peinlichkeit hofiert, lässt sich auf Zeitungsfotos seine Glatze wegretuschieren. Er wird jetzt auf öffentlichen Versammlungen einfach ausgelacht. »Buffone!« ruft sein Volk. »Du Narr, du Clown!« Solches irritiert den Ministerpräsidenten mehr als alle Bestechungsprozesse. Ausgelacht werden – das können Machtverliebte überhaupt nicht leiden.
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