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Was ist dran am Mythos Dracula?

Der englische Schriftsteller Bram Stoker (1847-1912), der Trotz dem genialen Horrorwurf arm und unbekannt starb, bevor sein schwarzer Graf zum Weltruhm gelangte, schilderte die unheimliche Reise des peniblen Anwaltsschreibers Jonathan Harker anhand des Fahrplanes der Königlich-Ungarischen Staatsbahnen und nach flüchtigem Studium der Landkarten des Königlich Ungarischen Geographischen Instituts.
Er übersiedelte dabei den adligen Vampir aus seiner ursprünglichen Heimat, aus der Walachei südlich der Karpaten, in den Nordosten Siebenbürgens und schenkte ihm nicht nur das verfallene Schloss des Erbgrafen von Bistritz, des ungarischen Nationalhelden Janos Hunyadi, sondern auch seine Siege über die Türken.
Graf Dracula, der tagsüber in der Familiengruft ruht, nachts aber ungeachtet seines hohen Alters von mehr als vierhundert Jahren (laut Eintragung in Harkers Tagebuch), gerne am Kamin plaudert, bezeichnet seinen Vorfahren als Szekler, also Ungarn, Feldherrn, unerbittlichen Feind des Halbmondes. Später kommt Jonathan Harker darauf, dass Dracula, der längst begrabene Held der Türkenkriege, und Dracula, sein aufmerksamer Gastgeber, ein und dieselbe Person sind.
Nach dem letzten Stand der internationalen Draculaforschung tauchte der Name des Vampir-Menschen Drakul erstmalig Mitte des 15. Jahrhunderts in der Walachei, südlich von Kronstadt und Hermannstadt, auf. Er sei ein walachischer Fürst (Wajda) gewesen, lebendig weit grausamer als nach seinem Tode, ein Tyrann, ein unbarmherziger Blutsauger. Im Verhältnis zu seinem grossen Gruselbruder Graf Dracula gebärdete er sich dann als Vampir beinahe harmlos, wie die in der Budapester Szechenyi-Bibliothek aufbewahrte deutsche Chronik "Uan deme quaden thyrane Dracola Wyda" zu berichten weiss.
Er hatte weder Zaubergewalt über Wölfe, noch konnte er blühende Jungfrauen zu seinen blutrünstigen Gespielinnen verwandeln. Die Figur des "lebendigen Leichnams", der nachts aus seinem Grabe steigt, um sich mit frischem Menschenblut zu ernähren, war in Siebenbürgen ein aus dem südslawischen Raum zur Zeit der gro8en Pestepidemien eingeschlepptes Gespenst, das in der Seele des Volkes kaum tiefe Spuren hinterlassen hatte. Die Phantasie der Szekler lehnt den Vampir überhaupt ab. Die Toten der Szekler reiten auf der Milchstrasse, wachen über Heil und Gut der Lebenden, und wenn ein Stern in den klaren Augustnächten über dem Hargita-Gebirge abstürzt, so wurde er von den Hufen einer Geisterpatrouille losgetreten.
Dass Bram Stoker in seiner Londoner Schreibstube Dracula gerade zum Szekler gemacht hatte, ist einer seiner schweren Irrtümer, der ihm zwischen Tirgu Mures und Klausenburg, niemals verziehen wird. Warum er es tat, bleibt wahrscheinlich ein unlösbares Rätsel der Vampir-Literatur.
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