Sie waren die größten Räuber der Weltmeere: Mit einer Länge von bis zu zwei Metern, riesigen Augen, zwei großen, mit Stacheln bewehrten Greifarmen am Kopf und einer runden, mit Platten umsäumten Mundöffnung, boten die sogenannten Anomalocariden einen furchterregenden Anblick. Spektakuläre Fossilfunde sind unter anderem aus Fundstellen in Kanada, China und Grönland bekannt.
Doch vor 500 Millionen Jahren verliert sich die Spur dieser ungewöhnlichen Jäger. Seitdem galten sie als ausgestorben. Forscher der Universität Bonn und der US-amerikanischen Yale University haben nun eine überraschende Entdeckung gemacht: Unter Fossilien aus dem Hunsrück stießen sie auf einen nahe verwandten Urzeit-Jäger.
Schinderhannes bartelsi heißt der neu entdeckte Urzeit-Räuber aus dem Hunsrück – so benannt nach dem berühmten Banditen, der im 18. Jahrhundert in eben diesem Gebiet sein Unwesen trieb. Sein „Nachname“ bartelsi ist dagegen eine Hommage an einen der besten Kenner der Hunsrück-Fossilien, Dr. Christoph Bartels. Der Mitarbeiter des Bergbau-Museums in Bochum hatte das Fossil aus dem Schieferstück präpariert, in dem es verborgen war. Von Bochum ging der Fund dann an das Naturhistorische Museum in Mainz. Worum es sich dabei genau handelte, erkannte jedoch niemand.
Es war die Bonner Doktorandin Gabriele Kühl, die dieses Rätsel lüften sollte. Für ein Forschungsprojekt zur Entwicklungsgeschichte der Gliederfüßer hatte sich die Bonner Universität jede Menge Material aus Mainz geliehen. Darunter war auch das rätselhafte Fossil eines gerade einmal zehn Zentimeter langen Tieres mit bizarr vergrößerten Vordergliedmaßen. In dem Präparat war neben zwei riesigen kugelförmigen Augen auch der kreisrunde Mund mit den Zähnen zu erkennen.
Gabriele Kühl analysierte Röntgenaufnahmen, fertigte Zeichnungen von dem Fund an und rekonstruierte das Tier in einem Wachsmodell. Ihre Ergebnisse diskutierte sie unter anderem mit dem Anomalocariden-Experten Derek E. G. Briggs. Der Professor aus Yale verbrachte gerade ein Humboldt-Forschungstipendium bei den Bonner Paläontologen. „Briggs erkannte sofort, wie sehr Schinderhannes den anderen Anomalocariden ähnelte“, erinnert sich Kühl. In EDV-gestützten Stammbaumanalysen bestätigte sich das.
„Es handelt sich ohne Zweifel um einen räuberischen, gut schwimmenden Gliederfüßer“, erklärt die Paläontologin. „Seine Beute spürte er mit seinen großen Augen auf und packte sie mit seinen Greifarmen. Diese sind ebenso wie die mit Platten umsäumte ovale Mundöffnung und die riesigen Augen Merkmale, die Schinderhannes mit den Anomalocariden teilt.“ Einzigartig ist das große Paar flügelähnlicher Anhänge. Sie verleihen Schinderhannes bartelsi ein ungewöhnliches Aussehen. (27.04.2009)