Besonders wenn Metalle durchleuchtet werden müssen, sind Neutronen-Strahlen den bekannten Röntgenstrahlen gegenüber im Vorteil: Während schon wenige Millimeter Blei für Röntgenstrahlen unüberwindbar sind, würden selbst zehn Zentimeter Blei einen Neutronen-Strahl nur um 60 Prozent schwächen. Das sagen Physiker an der Forschungs-Neutronenquelle FRM II der Technischen Universität München, die auf diese Weise das Innenleben der vermutlich 1800 Jahre alten Merkur-Statuette erkundet haben.
Zum Einsatz kam dabei das Instrument ANTARES (Advanced Neutron Tomography and Radiography Experimental System): Für die Schichtenaufnahme werden die Neutronen zunächst durch ein zwölf Meter langes Flugrohr zum untersuchten Objekt geleitet. Je nach Material und dessen Dicke werden dabei einige Neutronen von den Atomkernen im Gegenstand gestreut oder aufgenommen. Auf diese Weise entsteht im Detektor hinter dem Objekt ein Schattenbild von dem Gegenstand.
Während dieses Vorgangs dreht sich die Statuette zudem um 360 Grad, so dass Bilder aus verschiedenen Winkeln aufgenommen werden können. Nach einigen weiteren Zwischenschritten entstehen so hunderte Projektionen, die schließlich zu einer 3D-Ansicht des Objekts rekonstruiert werden können.
Auf diese Weise entdeckten die Forscher einen Hohlraum im Inneren der Figur sowie ein loses Kügelchen, das vom ursprünglichen Gusskern stammen könnte. Dieser sei vermutlich durch eine Öffnung entfernt worden – auch dieses Detail zeigte die Neutronen-Aufnahme. Von außen nicht sichtbar, wurde nach dem Gießen offenbar ein kleines Türchen in den Rücken der Gottheit gestemmt und mit Blech abgedeckt. Auch die Beine der Statuette dürften getrennt angefertigt worden sein.
Für Rupert Gebhard, Professor für Vorgeschichte, deutet all das auf eine Serienproduktion hin: Mit dem Hohlraum hätten die Hersteller Kupfer gespart, und die extra angestückelten Beine wären weniger zerbrechlich als bei Figuren, die aus einem Stück gegossen sind. (28.01.2009)