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Rätsel um Munch-Bild

Warum hat Edvard Munch auf seinem Bild „Mädchen auf der Brücke“ die Spiegelung des Monds nicht gemalt?

Wer in eine Galerie geht, um sich Gemälde alter Meister anzusehen, der tut dies oft, um die reale Welt zu vergessen und in eine Welt aus Farben und Formen einzutauchen. Nicht so zwei Forscher aus Texas: Sie analysierten mit wissenschaftlichen Methoden ein Bild des norwegischen Malers Edvard Munch und kamen zu überraschenden Ergebnissen. Edvard Munch ist heute vor allem durch sein Gemälde „Der Schrei“ in aller Welt bekannt. Vor hundert Jahren allerdings, wurde Munchs Name mit einem anderen Bild in Verbindung gebracht: dem Gemälde von den „Mädchen auf der Brücke“, von dem es mindestens 20 verschiedene Versionen gibt.

Das Bild zeigt drei Frauen auf einem Seesteg und ein Dorf im Hintergrund. Knapp über den Dächern der Häuser ist am Himmel etwas zu sehen, was manche Betrachter für die Sonne und andere für den Mond halten. Doch was es auch immer sein mag: Im ruhigen Wasser, in dem sich die Häuser spiegeln, fehlt von der Sonne oder dem Mond jede Spur. Um nun diesem Rätsel auf den Grund zu gehen, machten sich die Wissenschaftler auf den Weg nach Åsgårdstrand in Norwegen, wo Munch in der Entstehungszeit der Bilder gelebt und gemalt hat. Als wäre die Zeit stehen geblieben, fanden sie dort die Häuser, Bäume und Zäune fast genauso wieder, wie Munch sie einst gemalt hatte. Nur der hölzerne Seesteg auf dem Gemälde war inzwischen durch eine modernere Version ersetzt worden. "Åsgårdstrand liegt südlich des Polarkreises, also wussten wir, dass es sich bei dem gelben Objekt auf dem Bild nicht um die Mitternachtssonne handeln konnte", erläutert Don Olson, Professor an der Texas State University. "Allerdings wird es in diesen Breiten um die Sommersonnenwende in der Nacht nicht vollkommen dunkel." Deswegen, so folgerten die Forscher, konnte es sich bei dem Objekt tatsächlich entweder um die Sonne oder den Mond handeln. Ausreichend Licht, um die Farben zu erklären wäre immer vorhanden gewesen.

Als Olsen und sein Kollege Russell Doescher sowie die Studentin Beatrice Robertson aber die möglichen Positionen von Sonne und Mond über den Dächern von Åsgårdstrand berechneten, war die Sachlage klar: "Die Sonne würde im Sommer viel weiter im Norden untergehen, also rechts vom Maler. Der Vollmond im Sommer allerdings würde exakt dort untergehen, wo Munch ihn gezeichnet hat. Das gelbe Objekt kann also nur der Mond sein."

Später entdeckten die Forscher alte Briefe von Munch, in denen er dem Gemälde den Titel "Sommernacht" gibt – ein weiterer Hinweis darauf, dass die Theorie der Forscher stimmt. Doch warum sieht man im Wasser keinerlei Spiegelbild des Mondes, obwohl die Reflexioneen der Häuser im Wasser des Fjords klar zu erkennen sind? Viele Kunstwissenschaftler haben die fehlende Spiegelung mit der künstlerischen Freiheit des Malers erklärt, der dadurch beispielsweise das Vergessen symbolisieren wollte. Doch damit gab sich Olsen nicht zufrieden. Er durchsuchte ein altes Optik-Lehrbuch und fand hier eine Grafik, die sofort erklärte, warum im Wasser der Mond nicht zu sehen war. "Als wir das Diagramm sahen, das genau den Sachverhalt auf dem Munch-Gemälde zeigte, war das schon ein wenig unheimlich", so Olsen. "Der entscheidende Punkt ist, dass sich das Auge des Betrachters über drei Meter über der Wasseroberfläche befindet. Das Licht des Mondes kann also den Betrachter direkt erreichen, von der Wasseroberfläche aus gesehen aber wäre der Mond vom Haus verdeckt." Der fehlende Mond ist also nur eine Folge der Perspektive des Betrachters und hat keine symbolische Bedeutung. "Wir sind nicht die ersten, denen dieser optische Effekt aufgefallen ist. Der ist gut bekannt. Wir haben ihn aber erstmals auf ein Gemälde von Munch angewandt." Die erhöhte Perspektive erklärt auch das eigentümliche Aussehen der Spiegelung des Hauses im Wasser des Fjords.

So führte die Enträtselung des Bildes von den Mädchen auf dem Pier zu einem unerwarteten Zugang zum Werk von Edvard Munch: Die Wissenschaftler beeindruckte vor allem, wie präzise Munch die Ereignisse einer Sommernacht am Fjord und die Spiegelungen im Wasser festgehalten hat.



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Originalartikel bei Freenet
Gesucht: Der Schrei. Die Geschichte eines brutalen Geschäfts




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