Eine völlig neue Konstruktion der britischen Antarktis-Station Halley soll Forschungsprojekte in der unwirtlichen Region erleichtern.
Die neue Station Halley VI wird auf dem Brunt-Eisschelf entstehen, einem 150 Meter mächtigen Eisfluss, der sich, vom antarktischen Festland kommend, mit gut 400 Metern pro Jahr über das Weddellmeer schiebt und schließlich in Eisberge zerfällt. Um zu verhindern, dass dieser Prozess in Zukunft die alte Station Halley V auf das Meer trägt, schrieb die Behörde British Antarctic Survey einen Wettbewerb um die Konzeption der Nachfolgestation aus. Ausgewählt wurde das futuristisch anmaßende Modell der Architekten Faber Maunsell und Hugh Broughton, weil es allen Anforderungen an eine moderne antarktische Forschungsstation gerecht wird.
Und diese Anforderungen sind hoch: Das Gebäude muss Temperaturen zwischen minus fünf und minus 40 Grad aushalten und Stürmen von bis zu 140 Kilometer pro Stunde trotzen. Wegen der großen Schneemengen (80 Zentimeter Schneezuwachs pro Jahr) wird es auf Stelzen stehen, die wiederum in übergroßen Kufen enden. So versinkt die Konstruktion nicht im Schnee und bleibt beweglich, wenn die Eisscholle zu driften beginnt. Die Station kann stets in sicherem Abstand zur Eiskante auf der schwimmenden Eisscholle gehalten werden. Wird die Station, ähnlich ihrer Vorgängerin, zu nahe an die Eiskante getragen, schleppt man sie einfach wieder landeinwärts. Über die mechanischen Beine können auch die einzelnen Gebäudeteile bewegt werden. Das flexible Konzept sieht hier ein zentrales Wohn- und Freizeitmodul mit Aufenthaltsräumen vor, an das eine Reihe von Arbeitsmodulen für die verschiedenen Forschungsprojekte angekoppelt ist. Hier sollen im Südpolarsommer 52, während des Südpolarwinters 16 Forscher und Techniker leben und arbeiten. Das Gebäude wird auch modernen ökologischen Vorgaben gerecht: Erneuerbare Energien sollen ebenso Verwendung finden wie eine umweltgerechte Entsorgung von Kraftstoffen und Abfall.
Für die Architekten stellt sich bei der Planung auch die Frage nach der Zukunft der Antarktisforschung, denn wie sich die Polarforschung in den nächsten 20 Jahren entwickeln wird, welche neuen Untersuchungsmethoden dann angewandt werden, ist nach Einschätzung des Architekten Hugh Broughton völlig ungewiss. Daher wird die Station nach Broughton "so flexibel wie möglich" konstruiert, so dass zum Beispiel "Labors zu Schlafräumen umgestaltet werden können und umgekehrt". Mit der Station Halley VI, die im übrigen auch als Vorbild für die Neukonstruktion der deutschen Antarktisstation Neumayer II des Alfred-Wegener-Instituts dient, wird ein neues Zeitalter der Polarforschung eingeleitet. Die derzeitige Basis Halley-V, das mittlerweile fünfte Gebäude, steht seit 1956. Die Station spielt eine große Rolle in der Erforschung von globalen Veränderungen, da von dort aus erstmals das antarktische Ozonloch entdeckt wurde. Probleme bereitet den Planern von Halley VI derzeit noch die Logistik. Die einzelnen Bauteile der Basis müssen 16.000 Kilometer per Schiff von Großbritannien in die Antarktis gebracht werden. Dort bleiben den Handwerkern gerade mal acht Wochen, um die Station im Südpolarsommer zusammenzubauen. Mit der Errichtung von Halley VI soll im Januar 2007 begonnen werden, bezugsfertig soll die Station im Dezember 2008 sein – pünktlich zum Internationalen Polarjahr.
|