An der direkten Ursache für den Untergang der Titanic gibt es eigentlich nichts zu deuteln. Das Schiff mit über 2200 Menschen an Bord rammte auf seiner Jungfernfahrt im Nordatlantik unweit der kanadischen Küste mit voller Geschwindigkeit einen Eisberg und der Rest ist Geschichte. Der Rumpf des angeblich unsinkbaren Schiffes hatte dem Brocken nichts entgegenzusetzen, das Schiff versank in den eisigen Fluten, mehr als 1500 Menschen starben bei der Katastrophe.
Seit jener verhängnisvollen Nacht am 15. April 1912 regte das Schicksal der Titanic die Fantasie zahlreicher Menschen an. Wie konnte es zu dem verheerenden Unglück kommen – menschliches Versagen, Stolz, Pech oder gar eine Verschwörung? Der Ingenieur Robert Essenhigh von der Ohio State University kam kürzlich zu einem völlig anderen Schluss und entlastete Kapitän Edward Smith, der zumeist als einer der Hauptverantwortlichen gilt: Ein Kohlefeuer soll verantwortlich sein dafür, dass die Titanic mit Volldampf in das Eisfeld raste.
Der Brand in einem der Kohlebunker der Titanic ist gut dokumentiert. Schon die Hafenverwaltungen in Southampton und Cherbourg, wo die Titanic ihre verhängnisvolle Fahrt begann, wussten um das Feuer. Schwelbrände waren ein verbreitetes Phänomen auf Dampfschiffen und eigentlich kein Problem. Man schaufelte einfach solange Kohle aus dem betroffenen Bunker, bis man zum Brandherd vordrang. Die glühende Kohle landete ebenfalls im Ofen – alles in allem ein Standardverfahren.
Im Falle der Titanic erwies sich genau diese Methode den neuesten Überlegungen zufolge aber als fatal. Offenbar drohte das Feuer außer Kontrolle zu geraten, und entsprechend energisch waren die Bemühungen der "Black Gang" – jener Leute, die für das Schaufeln der Kohle verantwortlich waren. Durch die erhöhte Kohlezufuhr liefen die Maschinen des Schiffes auf Höchstleistung, als es das Eisfeld erreichte und nach den Recherchen Essenhighs war genau dies ursprünglich nicht geplant.
Wegen eines Streiks englischer Bergleute stand zur Jungfernfahrt der Titanic nicht genügend Kohle zur Verfügung – an eine Rekordfahrt war überhaupt nicht zu denken. Zudem war der Dampfer viel mehr auf Komfort ausgelegt als auf Geschwindigkeit. Selbst die dritte Klasse war für damalige Verhältnisse mondän. Der Plan sah ursprünglich vor, aufgrund der begrenzten Kohlevorräte nur mit halber Kraft und ganz gemächlich über den Atlantik zu schippern. Kam es infolge des Schwelbrandes anders?
Eine Untersuchung der Kohlevorräte ergab, dass die Titanic auf ihrer Fahrt tatsächlich mit Volldampf unterwegs gewesen sein muss. Ein Grund dafür könnte durchaus der Brand gewesen sein. Den Berechnungen zufolge hatte die Schiffsfeuerwehr den Brand, der angeblich in der oberen Hälfte des Bunkers begann, zum Zeitpunkt des Unglücks noch nicht erreicht. Zudem würde das einseitige Abschaufeln der Kohle von der Steuerbordseite zu einem gewissen Teil erklären, warum die Titanic so starke Schlagseite hatte, als sie schließlich sank.