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Timo Scheider hilft seinem Kollegen Ekström beim Festzurren der Sitzgurte |
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Automobilhersteller unternehmen allergrößte Anstrengungen, um zusammen mit Spezialisten den idealen Sitz zu bauen. Komfort trifft auf Sicherheit.
 |  | Das digitale Rechenmodell "Casimir" testet den Komfort der Sitze |  | Für den Rennfahrer Timo Scheider beginnt die Meisterschaft immer mit dem gleichen Procedere. „Wir starten in die Saison mit der Sitzprobe“, sagt der amtierende DTM-Champion. Dann steigt er in feuerfestem Overall und voller Montur in eine Kiste aus Karbon, rutscht hin und her, drückt die Schultern an, fasst das Lenkrad an und rückt sich so zurecht, wie er sich auch beim Rennen hinter dem Steuer platzieren würde. „Ich sitze auf einem Plastiksack, ähnlich wie ein Müllbeutel, spanne meine Muskeln und warte, bis der Mechaniker flüssigen Zweikomponentenschaum einspritzt“, sagt der 29-Jährige Profi. Während sein Hosenboden immer heißer wird und die Temperaturen im Rennanzug steigen, „muss ich mich ein bis zwei Minuten vollkommen ruhig verhalten. Nur so kann der flüssige Kunststoff sich überall ausbreiten.“ Er fließt den gesamten Rücken bis hin zu den Oberschenkeln des 1,75 Meter großen Sportlers runter, schäumt auf und härtet aus.
Ein Sitz, maßgeschneidert für den Arbeitsplatz im Cockpit des Audi-Rennwagens der Deutschen Tourenwagen Masters. In diese mit feuerfestem Stoff überzogenen Schalen, sind die Fahrer bewegungslos festgezurrt. Wie ein Korsett schnüren die vier Gurte den Körper ein. Nur der Kopf, die Arme und Beine lassen sich frei bewegen. Allein der Sicherheitspanzer garantiert, die Belastungen während des Rennens zu überstehen. „Ich fühle mich in meinem Sitz richtig wohl und sicher“, meint Scheider. Die ungepolsterte Rennschale schützt nicht nur den Fahrer, sie vermittelt ihm auch das Gefühl, Teil des Fahrzeugs zu sein. Durch den direkten Kontakt spürt er ungefiltert, wie sich das Auto „anfühlt“ - besonders dann wenn er am Limit fährt. Dann kann er schneller reagieren, wenn der Wagen auszubrechen droht. Der Sitz wird zur Schnittstelle vom Rennfahrer zum Auto. Das mag Timo schon mal wechseln, seinen Sitz aber nie.
 |  | Variable Sitzanlage: Die hinteren lanssen sich hochklappen |  | Anders Casimir. Er testet sie alle, vom billigen einhundert Euro Gestühl bis zum Luxusthron für 2000 €. Casimir deckt schonungslos ihre Schwächen auf und spuckt blitzschnell Verbesserungsvorschläge aus. Er ist so flexibel, dass er sich auf große wie kleine, dicke wie dünne Menschen einstellen kann. Testpilot Casimir ist kein realer Mensch aus Fleisch und Blut. Er ist ein digitaler Prototyp, die Software-Auflösung eines Menschen, den ein zum Schwarzen Humor neigender Programmierer die Gestalt eines Knochenmanns gegeben hat. Das Skelett jedoch ist nicht vollkommen nackt. Casimir trägt knielange Shorts. Sein Rücken ist mit einem halben T-Shirt bedeckt. Der Rest des Gerippes sind blanke Knochen. Was makaber und abstoßend anmutet, ist für die Entwickler ein Werkzeug, das digitale Bild des sitzenden Menschen, aus einer Unzahl einzelner Punkte errechnet. Wie ein Netz sind sie über die Oberschenkel, den Unterleib und den Rücken gespannt. Daher der digitale Anzug.
 |  | Montagesitz bei der Audifertigung: Er ist weniger komfortabel als im Autoi |  | Casimir ist der Freund der Entwickler und, - so erklärt es Udo Guetlein, verantwortlicher Ingenieur für Sitze und Rückhaltesysteme beim bayerischen Autobauer BMW -, „ein Software-Tool mit dem wir schneller konstruieren, ohne immer wieder neues Gestühl aufbauen zu müssen.“ Das könnte Tage dauern, bis schließlich die nächste Sitzprobe angesetzt werden kann. Denn der Sitz im Auto ist zu einem hochkomplexen Bauteil geworden, das mehr als zwei dutzend Funktionen in sich birgt, sich in 18 Freiheitsgraden mit über zehn Elektromotoren verstellen lässt, aus einem bunten Materialmix besteht, in dem Airbags ebenso untergebracht werden wie Klimaanlagen, und sogar Sprengladungen versteckt sind. Der Sitz ist ein Alleskönner – Lounge Chair wie Massagebank, Sicherheitspanzer wie Polstersessel, in dem man sich fläzen kann.
 |  | Komfortsitz mit Klimaanlage, Massagefunktion und, Einlagen aus Leder, Schaumstoff und Vlies |  | Casimir beherrscht alle Disziplinen der Sitzkonstruktionen. Was er den Entwicklern etwa zurückspielen kann, ist die Kritik an zu harten Schaumauflagen, die Druckstellen bilden, einen Nerv einklemmen und zu Taubheitsgefühlen führen können. Bei dieser Alarmmeldung wird der Konstruktionscomputer wieder angeworfen und blitzschnell bietet er neue Varianten an. Casimir ist geduldiger als Timo. Der hält es nie lange in seiner engen, heißen Sitzkiste aus. Hingegen beschäftig sich der Ingenieur stundenlang am Bildschirm mit dem knöchernen Freak des Simulationsprogramms, während Timos Mechaniker schon nach wenigen Minuten den ausgehärteten Schaum im Feinschliff nachschneidet, bis der Sitz passt.
 |  | Schalensitze für den Hobby-Racer: Trotz Vierpunktgurt für dne Rennsport nicht zugelassen |  | Ohne aufwendige Rechenprozesse sind moderne Captain-Chairs auch gar nicht mehr zu bauen. Der größte Zulieferer für Innenausstattung und Sitzanlagen, die nordamerikanische Firma Johnson Controls, hat über 100 Vordersitzprogramme in ihrer Datenbank abgespeichert. Mit Hilfe der modularen Bauweise werden einzelne Funktionsgruppen zusammengestellt, die Ausstattung festgelegt und der Sitz komplettiert. Nach wie vor gilt in der Branche, jedes Fahrzeugmodell hat seinen eigenen Sitz. „Die Sitzanlage spiegelt den Charakter des Autos wider“, sagt BMW-Mann Guetlein. Aber damit nicht genug. Bei all dem Variantenreichtum können mehrere hundert unterschiedliche Sitze kombiniert werden, die sich in Funktion, Farbe und Material unterschieden. Keiner ist wie der andere.
 |  | Festgezurrt und konzentriert: Für Timo Scheider kann das Rennen beginnen |  | Casimirs Welt ist die von Komfort und Sicherheit, Gesundheit und Wohlbefinden. Wer auch nach langen Strecken fit aus dem Auto steigen will, braucht ein angenehmes Raumklima. Es nutzt nichts, wie die Physiologen und Orthopäden von BMW und Johnson Controls herausgefunden haben, dem Fahrer im heißen Sommer frontal kalte Luft aus Klimaanlagen auf den Oberkörper zu blasen und den Rücken im Schweiß baden zu lassen. Auch hier muss Kühlung her und das Schwitzwasser aus dem Polster geblasen werden. Je nach Aufwand messen zwei Temperaturfühler in Rückenlehne und Sitzpolster das Mikroklima und steuern die trocknende Kühlluft so, dass Rippen und Nierenbecken nicht zu kalt, das Gesäß ausreichend temperiert wird. Mit geringerem Aufwand können auch spezielle Vliese als Teil der Polsterung die Feuchte abführen.
Folgt Auto 2: Der Autositz muss auch Sicherheit bieten
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