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Formel 1: Der reine Stress

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Normalerweise gelten Formel-1-Piloten als Männer ohne Nerven. Doch in der heißen Phase vor dem Start fällt es so manchem Favoriten schwer, einen kühlen Kopf zu bewahren. In der Startaufstellung herrscht, medizinisch gesehen, der Ausnahmezustand. Nicht nur für die Muskeln und das Herz der Piloten, sondern auch für die Seele. Der Psychostress, sagen Experten, ist oft größer als die körperliche Belastung. Auch beim Großen Preis von Ungarn gilt: Nur wer auch mental absolut fit ist, ist gut genug für diesen Job.

Der Psychostress macht die Formel 1 zu einem einzigartigen Kraftakt. Wie groß die Anspannung ist, verrät der Puls der Fahrer. In der Box, wenn sie sich auf den Moment der Wahrheit vorbereiten, liegt ihr Ruhepuls noch bei 60 Schlägen pro Minute. Sitzen sie dann im Cockpit, klettert der Puls auf 90, während der Einführungsrunde auf 110. Die Piloten stimmen sich mental auf den Start ein, indem sie alle störenden Gedanken verdrängen. Durch Konzentration und Psychotraining gelingt es Spitzenfahrern, den Puls beim Losfahren auf 130 zu halten. Doch dann übernimmt der Körper die Kontrolle über den Geist. Während sie auf die erste Kurve zurasen, steigt der Puls auf 180. "In dieser Phase", sagt der Österreicher Josef Leberer, einer der erfahrensten Fitnesstrainer in der Formel 1, "ist der mentale Stress am größten."

Kein Wunder - das Fahren im Pulk erfordert vor allem kurz nach dem Start volle Konzentration. Die Fahrer müssen ihre Konkurrenten vorne, hinten und neben sich im Auge behalten. Und sie müssen versuchen, sich die beste Position im Kampf um die erste Kurve zu sichern, weil nicht selten schon da eine Vorentscheidung fällt. Dazu kommt eine extreme körperliche Belastung: Ein Formel-1-Bolide beschleunigt in 3,7 Sekunden von 0 auf 160 und legt aus dem Stand in zwölf Sekunden einen Kilometer zurück - etwa fünfmal soviel wie ein normales Straßenauto. Um von 160 auf 0 abzubremsen, braucht ein Formel-1-Auto weniger als zwei Sekunden. Dabei werden bis zu 4 g gemessen, der Körper des Piloten wird also mit dem Vierfachen seines Gewichts in die Gurte gedrückt.

Die Fahrer stehen allerdings nicht nur während des Rennens ganz gewaltig unter Druck. Mentale Stärke und volle Konzentration ist schon bei der Vorbereitung gefragt, denn durch die eingeschränkten Testfahrten muss für alle Streckenverhältnisse schnell die richtige Abstimmung gefunden werden. Eine Ausnahmesituation ist auch das Qualifying, wo die Startposition von einer einzigen schnellen Runde abhängt, in der alles passen muss. Schon der kleinste Fehler kann die Siegchance kosten.

Um dem Stress einer Grand-Prix-Saison mit 18 Rennen auf vier Kontinenten gewachsen zu sein, gehört regelmäßiges Fitnesstraining unter professioneller Anleitung zum Alltag eines Formel-1-Fahrers. Aus gutem Grund: Je besser die Ausdauer eines Fahrers ist, umso niedriger ist sein Puls und desto leichter kann er Stress verarbeiten. Und Stress haben sie reichlich: Adrenalin und Nor-adrenalin versetzen sie in den körperlichen Ausnahmezustand, etwa doppelt so stark wie bei einem Athleten, der auf dem Fahrrad-Ergometer an seine Leistungsgrenze geht. Im Kurvenlabyrinth von Monaco ist der Stress am größten, weil es dort am Streckenrand keine Kiesbetten, sondern nur Mauern und Leitplanken gibt. Das treibt den Puls der Piloten auf den Spitzenwert von 210 Schlägen.

Für den Grazer Sportwissenschaftler Michael Reinprecht sind Formel-1-Fahrer der lebende Beweis, "dass psychisch-emotionale Belastungen eine ähnlich hohe Pulsfrequenz bewirken können wie große physische Anforderungen." Umso wichtiger ist es, dass die Fahrer mit Hilfe mentaler Techniken lernen, Situationen gelassener einzuschätzen und Emotionen unter Kontrolle zu bringen, also zum Beispiel Gefühle wie Resignation nach einem Fehler und Ärger auf sich selbst oder einen Konkurrenten zu beherrschen. "Bei Spitzensportlern, die nicht mental an sich arbeiten, entsteht leicht ein Alles-oder-Nichts-Gefühl", so der Münchner Sportpsychologe Dieter Hackfort. "Das erhöht den Stress, macht verbissen und stört die Konzentrationsfähigkeit."

Auch im normalen Straßenverkehr ist Stress ein nicht zu unterschätzender Risikofaktor. Gerade das Kolonnenspringen, das Überholen um jeden Preis mit dem zweifelhaften "Gewinn" von wenigen Metern und Sekunden, treibt den Blutdruck des Überholenden und auch des Überholten kräftig in die Höhe. "Gepaart mit Stress und Ärger aus Job und Familie kommt es nicht selten zu lebensgefährlichen Situationen", so Dr. Hartmuth Wolff vom Allianz Zentrum für Technik. "Gelassenheit im Umgang mit den anderen Verkehrsteilnehmern ist die richtige Formel für Stressbewältigung und für mehr Sicherheit auf unseren Straßen."

Auch Weltmeister tun sich gelegentlich schwer mit der Stressbewältigung. Damon Hill zum Beispiel zog sich, drei Jahre nach seinem Titelgewinn 1996 mit Williams und einer anschließenden Serie von Misserfolgen mit anderen Teams, eher verbittert aus der Formel 1 zurück. "Die Einzigen, die sich an dich erinnern, wenn du Zweiter wirst", sagte er zum Abschied "sind deine Frau und dein Hund."

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