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P.M. Magazin 12/2007
Internet
Das Web bald in 3-D?

Detailgetreue Aufnahmen und Modelle der Erde lassen im Internet allmählich ein digitales
Universum entstehen, in dem Realität und virtuelles Leben völlig miteinander verschmelzen

Als in den 1990er Jahren die große Internet-Euphorie ausbrach, fiel häufig auch der Begriff »Cyberspace«. Gemeint war ein neuer Raum der unbegrenzten Möglichkeiten, in dem wir die Realität hinter uns lassen können. Inzwischen ist das Wort ein wenig aus der Mode gekommen. Geblieben ist das »Web«: kein Raum, sondern ein Geflecht aus Texten, kleinen Video-Bildschirmen, Schaufenstern und Fotoalben, in dem man schnell den Überblick verliert.

Wenn einige Visionäre recht behalten, dürfte uns das heutige Web aber schon in einigen Jahren ziemlich altbacken erscheinen. Dann kommt eine digitale Welt, durch die wir per Tastendruck hindurchgleiten, in der wir andere Nutzer von Angesicht zu Angesicht treffen und in der wir Inhalte wie Objekte bewegen können: das »3-D-Internet«. Es sind vor allem zwei Dienste, die die Vision dieses künftigen Internets beflügeln: der virtuelle Globus »Google Earth« und die virtuelle Welt »Second Life«. Sie sind nicht die Einzigen ihrer Art, wohl aber die derzeit Populärsten.

Der virtuelle Globus wurde vor einigen Jahren von der kalifornischen Firma Keyhole als »Earth Viewer« entwickelt, 2004 vom Suchmaschinenbetreiber Google aufgekauft und entsprechend umbenannt. Es ist eine Erdkugel für den PC, deren Oberfläche mit hochauflösenden Satellitenbildern belegt ist. Über eine Schaltfläche kann sich der Betrachter so nahe heranzoomen, dass mitunter sogar noch Sonnenanbeter auf der Dachterrasse eines Hauses erkennbar sind.

Doch wirklich revolutionär wurde Google Earth erst durch die Möglichkeit, den Satellitenbildern Markierungen hinzuzufügen. Möglich macht das ein Datenformat namens KML (»Keyhole Markup Language«): In KML-Dateien werden Informationen mit geografischen Koordinaten verknüpft. Lädt man eine solche Datei in das Programm, erscheinen die Markierungen an der entsprechenden Stelle auf dem Globus. Ein Klick öffnet dann eine Sprechblase, in der Bilder, Texte oder Weblinks stehen können. Wer etwa die Südseeinsel Rarotonga heranzoomt, bekommt nicht nur eine gestochen scharfe Luftaufnahme der Vulkaninsel, sondern kann an der ganzen Küste Fotos von den Stränden anklicken – und so vielleicht ein neues Urlaubsziel entdecken.

Über 21000 solcher Zusatzinformationen, von bebilderten Reisereportagen über die aktuelle Bewölkung bis zu Illustrationen der Pyramiden, bietet die Sammlung Googleearthhacks.com an. Diese »Geotags«, wie sie im Fachjargon heißen, verorten all die Informationen, die bisher im diffusen Web nur als einzelne Seiten nebeneinander existierten, in der realen Welt – Web und Welt werden gewissermaßen kurzgeschlossen. So ist aus der Kartografie von einst über die digitalen Geoinformationssysteme und Online-Kartendienste der 1990er plötzlich ein eigenes Medium geworden.

Und es geht noch weiter: Seit einigen Monaten sind die ersten Großstädte mit dreidimensionalen Modellen der Innenstadtgebäude versehen – in Deutschland etwa Hamburg, Berlin und Dresden. Indem man die Google-Earth-Ansicht aus der Draufsicht in die Spaziergänger-Perspektive kippt und ganz tief herunterfährt, kann man plötzlich durch die Straßen Hamburgs von der Alster bis zu den Landungsbrücken in St. Pauli gleiten. Was damit vorstellbar wird, hat der US-Informatiker David Gelernter bereits in seinem 1991 erschienenen Buch »Mirror Worlds« beschrieben: »Das digitale Modell einer Stadt wird, sobald es fertiggestellt ist, allen Bürgern zur Verfügung stehen – wie ein öffentlicher Park.«

Zumindest allen Bürgern mit einem ausreichend schnellen Internet-Anschluss, denn noch bauen sich die 3-D-Städte recht langsam auf. Der amerikanische Zukunftsforscher James Cascio sieht eine weitergehende Möglichkeit heraufziehen: »Würde man die Software mit Millionen von Sensoren auf der ganzen Welt koppeln und Echtzeit-Daten einspeisen, etwa Livebilder oder Informationen aus der Atmosphäre, würde dies etwas ganz Neues schaffen.« Wir würden Zugriff auf den Zustand der Welt in Echtzeit bekommen – und möglicherweise zum ersten Mal ein Verständnis dafür entwickeln, dass die oft doch abstrakten Umweltprobleme auf dem Globus äußerst real sind.

Virtuelle Globen sind allerdings immer noch recht statisch: Es werden Daten verknüpft, die neue Ansichten der Welt erzeugen, in die Informationen eingeblendet sind. Nun haben sich aber im Web 2.0 ganz neue Formen der sozialen Interaktion entwickelt. Freundeskreise, die sich quer über den Globus mittels Blogs, Fotoalben oder Videoseiten austauschen. Diese soziale Seite des Internets ebenso wie eine dreidimensionale Darstellung werden in virtuellen Welten wie Second Life auf die Spitze getrieben.

Die Nutzer wandeln oder fliegen hier in Form von Avataren – digitalen Darstellungen ihrer selbst – durch eine 600 Quadratkilometer große Fantasiewelt, die sie selbst erweitern: etwa um Kleidung, Schmuck, Häuser oder Gärten. Verständigten sich Avatare lange Zeit nur über eingetippte Texte, die in einem kleinen Fenster eingeblendet wurden, können sie seit dem Sommer über die »3-D-Voice«-Technik richtig miteinander reden.

Wirklich spannend würde es aber, wenn die Verknüpfung auch in der umgekehrten Richtung stattfinden könnte: wenn die Avatare aus Second Life auch über den Globus von Google Earth fliegen und dort virtuelle Bekannte treffen könnten. Oder man mal eben an einem Sonntagnachmittag in die digitale Version der neuesten Ausstellung des Museum of Modern Art in New York gehen könnte – was bislang nur Superreichen vorbehalten war, die sich einen Concorde-Flug über den Atlantik leisten konnten.

Bislang ist das noch nicht möglich, weil die Softwareformate der verschiedenen virtuellen Umgebungen nicht zusammenpassen. Google selbst soll nach Branchenmeldungen aber an einer eigenen virtuellen Welt arbeiten. Sollte diese tatsächlich an den Start gehen, wäre es wohl recht naheliegend, die Google-Avatare so zu programmieren, dass sie auch Google Earth besuchen können.

Second-Life-Betreiber Linden Lab hat seinerseits kürzlich auf einer Konferenz angekündigt, dass ab 2008 nicht nur Webinhalte vollends in die virtuelle Welt integriert werden sollen, sondern auch Programme wie Textverarbeitung oder Tabellenkalkulation. Dort kann man zwar auch jetzt schon Webtexte oder Videos anschauen, aber sie werden bislang noch auf Wänden angezeigt, auf die man mit seinem Avatar zugehen muss. Wer in der zweiten Welt sein Zuhause gefunden hat, müsste dann nicht mehr zwischen Webbrowser und der Darstellung der virtuellen Welt hin und her wechseln.

Diese Verbindungen zwischen virtuellen Globen, virtuellen Welten und Web wären dann die erste Stufe des 3-D-Internets der Zukunft. Langfristig könnte daraus ein »Metaversum« entstehen: eine grenzenlose digitale Welt, in der sich reale und erfundene Welten zu einem Ganzen mischen, in der Nutzer mehrere Leben in Gestalt verschiedener Avatare führen – und in der sie nicht nur ihre Freizeit verbringen, sondern auch arbeiten. Zugang zum Metaversum hätten sie nicht nur über einen neuartigen 3-D-Browser auf dem Computer, sondern womöglich auch über Datenbrillen, wie sie seit den 1990er Jahren für Virtual-Reality-Anwendungen entwickelt worden sind.

Das mag für viele wie die Horrorvision einer Gesellschaft mit ultimativem Realitätsverlust klingen, die Manipulation Tür und Tor öffnet und vielleicht gar Datenjunkies produziert. Dessen sind sich auch jene bewusst, die derzeit an den Bausteinen des 3-D-Internets arbeiten. Beflügelt werden sie jedoch von einer Vision, die kürzlich ein Experte in der »Metaverse Roadmap 2007« so formulierte: »Das vielleicht höchste Ziel für die Entwicklung eines Metaversums ist die Erschaffung von Welten, in denen bessere Umgangsformen gelten und eine größere Wertschöpfung möglich ist als in unserer gegenwärtigen physischen Welt.«





Autor(in): Niels Boeing

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