P.M. HISTORY 04/2004
Bibel
Aus politischen Gründen verfälscht?

Im Dezember berichteten wir über die Heilige Schrift, ihre Autoren und Übersetzungen. Daraufhin machte uns ein Leser auf eine merkwürdige Textänderung in neueren Bibelausgaben aufmerksam.

Die Bibelstelle aus dem zweiten Buch Samuel, auf die uns
Leser Dietmar Piebruck aus Vineta, Namibia, aufmerksam machte, hat es in sich. Sie schildert, wie König David die feindlichen Ammoniter besiegte und wie er mit den Unterworfenen danach umging (siehe Kästen). Der Stein des Anstoßes: In älteren Ausgaben der Lutherbibel lässt David die feindlichen Ammoniter töten und in Ziegelöfen verbrennen. In neueren Ausgaben dagegen heißt es »nur«, David habe die Ammoniter zur Fronarbeit verpflichtet.

Unser Leser vermutet nun, dass politische Rücksichtnahme hinter der Veränderung des deutschen Textes stehe. »Grausame Taten oder ein negatives Bild der Israeliten sollen verschönt werden«, schreibt er und fragt: »Wer gibt solche Veränderungen in Auftrag und warum?«

Einer, der es wissen muss, ist Dr. Rolf Schäfer. Als wissenschaftlicher Lektor betreut der gelernte Alttestamentler bei der Deutschen Bibelgesellschaft die Übersetzungen und akademischen Ausgaben der Heiligen Schrift. Für HISTORY untersuchte er die betreffende Samuel-Stelle noch einmal selbst und erläuterte die Gründe für die unterschiedlichen Übersetzungen. Den Verdacht, dass Rücksichtnahme für die Veränderung des Textes verantwortlich sei, weist er zurück.

Das Problem liegt seinen Worten zufolge bei einem kleinen Wort im Samuel-Text: dem hebräischen »sim«. Das könne sowohl »setzen«, »stellen« als auch »legen« bedeuten, so Schäfer. Theoretisch sei sowohl die Übersetzung »er legte sie in« oder »zwischen die Sägen« möglich als auch »er stellte sie an die Sägen«. Das Wort »verbrennen« kommt überhaupt nicht vor. Es ist laut Schäfer nur eine Interpretation des Textes durch die Übersetzer im Zusammenhang mit einer Ziegelei. Warum aber glaubte Luther, die Israeliten hätten die Ammoniter getötet, und warum wählen die Theologen heute eine andere Version? »Schuld daran ist eine Parallelstelle im ersten Buch der Chronik«, so Schäfer. Dieses biblische Buch erzählt mit ähnlichen Worten dieselbe Geschichte: David, der um 1000 v. Chr. gelebt haben soll, unterwirft die Ammoniter. Der hebräische Text ist unklar, doch in der schon vor Jesus entstandenen griechischen Bibel, der »Septuaginta«, heißt es eindeutig: »Er zersägte das Volk mit Sägen.« Die Ziegelherstellung kommt in der Chronik-Stelle nicht vor. Schon die lateinische Bibel des Mittelalters und nach ihr Luther haben anhand der grausamen Schilderung aus der Chronik die Samuel-Stelle gedeutet. »Das ist methodisch unzulässig«, so Schäfer. Dass mittlerweile auch die Chronik-Stelle in den Bibeln »entschärft« ist, scheint ebenso fragwürdig, liegt aber an der Vermutung von Alttestamentlern, dass dort ein Schreibfehler im hebräischen Text vorliegt.

Die Archäologie liefert ein weiteres Argument gegen die Deutung der Samuel-Stelle, David hätte die Ammoniter getötet und in Ziegelöfen vernichtet. Denn im Alten Orient wurden Ziegel nur selten gebrannt, allenfalls für repräsentative Bauten – Stadttore, Paläste oder Tempel, wie Professor Dieter Vieweger vom Biblisch-Archäologischen Institut an der Universität Wuppertal erklärt. Schon mangels Brennmaterial verzichtete man für einfache Gebäude auf gebrannte Ziegel: »Häufig verwendete man den gewässerten tonigen Brei auch ganz ohne Form.« Die neueste Ausgabe der vor allem auf Verständlichkeit setzenden »Gute-Nachricht-Bibel« verzichtet denn auch in der betreffenden Samuel-Stelle auf die »Ziegelöfen« und ersetzt sie durch »Ziegelformen«. Doch vielleicht tut man dem Text auch Unrecht, wenn man mit konkreten archäologisch-historischen Erkenntnissen über die Zeit von König David an ihn herangeht. Denn, so Vieweger, »vermutlich überliefert die Bibelstelle in ihrer Ausschmückung der Bedeutung, Macht und kriegerischen Expansion Davids kein historisches Ereignis, sondern eine den König David in späterer Zeit über das historische Maß hinaus lobende Geschichtsinterpretation«. Mit anderen Worten: So, wie Samuel Davids Krieg gegen die Ammoniter schildert, hat er vermutlich sowieso nie stattgefunden. Aber das ist dann keine Frage der Übersetzung mehr.

Lutherbibel 1912, 2. Samuel 12,29 ff. (bis in die 1960er-Jahre »gültig«):
Also nahm David alles Volk zuhauf und zog hin und stritt wider Rabba und gewann es (...) Aber das Volk drinnen führte er heraus und legte sie unter eiserne Sägen und Zacken und eiserne Keile und verbrannte sie in Ziegelöfen. So tat er allen Städten der Kinder Ammon.

Lutherbibel 1984, 2. Samuel 12,29 ff. (aktuelle evangelische Übersetzung):
So brachte David das ganze Kriegsvolk zusammen und zog hin und kämpfte gegen Rabba und eroberte es. (...) Aber das Volk darin führte er heraus und stellte sie als Fronarbeiter an die Sägen, die eisernen Pickel und an die eisernen Äxte und ließ sie an den Ziegelöfen arbeiten. So tat er mit allen Städten der Ammoniter.

Gute-Nachricht-Bibel 1997 (ökumenische Übersetzung):
David bot alle Männer Israels auf, zog mit ihnen vor Rabba, griff die Stadt an und eroberte sie. (...) Die Männer der Stadt führte er weg und ließ sie schwere Arbeiten verrichten – mit Steinsägen, mit eisernen Picken, eisernen Äxten und an den Ziegelformen. Ebenso verfuhr David mit den anderen Städten der Ammoniter und ihren Bewohnern.


HINWEIS: Die Ausgaben der Lutherbibel von 1545, 1912 und 1984 sind ebenso im Volltext im Internet abzurufen wie die katholische »Einheitsübersetzung« und die moderne »Gute-Nachricht-Bibel«. Links und Infos zu diesen und weiteren Ausgaben des »Buches der Bücher« hat die Redaktion zusammengestellt. (Link unten)

Autor(in): Stefan Primbs

Weitere Links
Bibelübersetzungen
http://www.pm-history.de/de/nurinternet/artikel_id177.htm