Jüdische Gemeinschaften gibt es heute in aller Welt. Doch was haben diese Juden mit jenem Volk gemeinsam, das in der Antike im Heiligen Land lebte? Mit neuen Methoden der Genanalyse versuchen Forscher, diese Frage zu beantworten.
Gleich vorweg: Wenn ein Thema die Möglichkeit bietet, in etliche Fettnäpfchen zu treten, dann wohl dieses. Es geht hier um die jüdische Ahnenforschung. Schon der Begriff erinnert beinahe zwangsläufig an Formulierungen aus dem längst untergegangenen braunen Vokabular. Man denkt an abstruse Wortschöpfungen wie »Volljuden«, »Halbjuden« und »Vierteljuden« – als wäre das Judesein ein biologisch messbarer Zustand.
Im vorliegenden Bericht ist vielfach von »jüdischen Genen« die Rede. Diesen Begriff darf man aber keinesfalls mit »jüdische Rasse« verwechseln. Nicht jeder Jude ist Träger »jüdischer Gene«. Und nicht jeder, der die besagten Gene hat, ist unbedingt Jude. »Judesein«, sagt der nordamerikanische Molekulargenetiker Karl Skorecki, »ist ein geistiger, metaphysischer Zustand. Desoxyribonucleinsäure (DNS) dagegen ist eine körperliche Eigenschaft wie die Größe der Nase ... Es ist falsch, diese als biologischen Prüfstein für das Judesein anzuwenden.«
Es geht hier also nicht um eine »Rassenkunde«, sondern um neue Erkenntnisse der DNS-Analyse. Schon seit dem Ende der 1970er-Jahre wird das Erbgut unter die Lupe genommen, um den genetischen Fingerabdruck eines Menschen zu ermitteln. Verbrecher werden anhand einer einfachen Speichelprobe überführt, wenn sie am Tatort eine biologische Spur hinterlassen haben. Die Verwandtschaft von Vater und Kind wird durch einen Vergleich der jeweiligen DNS bestätigt. Mit der Genanalyse gelang es, Kaspar Hauser im Jahr 2002 mit hoher Wahrscheinlichkeit als Nachkommen des Hauses Baden zu bestimmen.