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P.M. Magazin 12/2003
Wissenschaft aktuell
Im Raketenauto auf 1300 km/h

Rekordversuch mit umgebautem Starfighter: Mit 39 000 PS will der »North American Eagle« die Schallmauer durchbrechen und als
schnellstes Landfahrzeug Geschichte machen.

Anruf bei Ed Shadle in der Nähe von Seattle. An der amerikanischen Pazifikküste ist es fünf Uhr morgens, doch der Mann ist sofort am Apparat. »Ich habe durchgearbeitet«, sagt er gut gelaunt. Seit sechs Jahren baut er an einem Auto, das als schnellstes der Welt in die Rekordgeschichte eingehen soll. »Das ist wie eine Expedition auf den Mount Everest«, erzählt der ehemalige IBM-Manager. Nachdem das Basislager errichtet sei, ticke jetzt der Countdown für den »Gipfelsturm«. Sein 39000 PS starker »North American Eagle« wird mit der Power von fünfzig Formel-1-Rennwagen demnächst die ersten Probefahrten antreten und, wenn alles klappt, im nächsten Jahr auf einem Salzsee im benachbarten Nevada die Schallgrenze durchbrechen – und dabei etwa 1300 km/h erreichen.

Für dieses Unternehmen hat Shadles Rennteam einen ausgemusterten F-104A-Starfighter gekauft und in ein Raketenauto umgebaut. Das Mach 2 (doppelte Schallgeschwindigkeit) schnelle Kampfflugzeug des Lockheed-Konzerns war in Deutschland von 1960 bis 1985 ständig in den Nachrichten: Von den mehr als 900 Maschinen, die die Bundeswehr angeschafft hatte, stürzte über ein Viertel auf Grund von Wartungsfehlern und Überladung ab. Zum Landfahrzeug mutiert, wartet der Starfighter jetzt auf seinen allerletzten Einsatz: Shadle will mit ihm den Geschwindigkeitsrekord des Briten Andrew Green von 1997 in den Schatten stellen. Dieser durchbrach in seiner am Computer entwickelten und im Windkanal optimierten »Thrust SCC« mit Mach 1,002 (1224 km/h) als erster Mensch auf dem Boden die Schallmauer. Die zwei Rolls-Royce-Turbinen entfalteten 100000 PS; das Fahrzeug war allerdings mit über zehn Tonnen Gewicht so schwer, dass seine »Straßenlage« von über Hundert Sensoren überwacht, korrigiert und stabilisiert werden musste. Anders dagegen die »Eagle«-Strategie: Das Team setzt mit der F-104A auf bewährte Überschalltechnologie. Der siebzehn Meter lange Rumpf wurde nahezu unverändert übernommen, ebenso der Antrieb: eine J-79-15-Gasturbine, die bei Vollgas eine bis zu 20 Meter lange Feuerflamme ausstößt. Die bis zu 500 km/h schnellen Probefahrten werden auf Betonpisten stattfinden und erfordern bereifte Räder, vorn eines und hinten zwei. Beim Rekordversuch steht das Geschoss dann auf zwei Paar unbereiften Aluminiumrädern, die Geschwindigkeiten bis 1700 km/h und über 40000 Umdrehungen in der Minute verkraften. Die Radlager stammen aus den Getrieben von Hubschraubern. Allein die vier Räder – Einzelgewicht 35 Kilogramm – kosten 17000 Dollar; insgesamt kommt das Düsenauto, von seinen Erfindern respektvoll auch »Bestie« genannt, auf zehn Millionen Dollar.



Autor(in): Wolfgang C. Goede

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