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P.M. Magazin 10/2003
Archäologie & Anthropologie
Der Streit um den Kennewick Man

Indianer in Aufruhr: Wissenschaftler wollen ein 9300 Jahre altes, bei Kennewick/Washington gefundes Skelett untersuchen. Das Verblüffende: Dieser Steinzeit-Mensch war vermutlich kein Indianer. Somit wären die Indianer nicht die Ureinwohner Amerikas. Deshalb wollen sie weitere Untersuchungen verbieten lassen.

Das ist die Geschichte von einem Skelett, das den Namen »Kennewick Man« bekommen hat. Seit sieben Jahren wird kompromisslos um die historischen Knochen gestritten. »Kennewick Man« vereinigt Indianerstämme einerseits gegen Anthropologen und Archäologen andererseits. Die einen fordern das Recht, spirituellen Traditionen zu folgen und den Toten als einen ihrer Vorfahren zu bestatten, die anderen klagen das Recht auf Forschung an den Gebeinen ein. Religion steht gegen Information, anekdotische Überlieferung gegen faktenorientierte Wissenschaft. Anwälte und Gerichte haben bereits Unsummen gekostet, ein Ende ist nicht abzusehen.

Kennewick ist eine Stadt am Columbia River im US-Bundesstaat Washington; dort, vergraben im Schlick am Flussufer, wurde der Ureinwohner gefunden. Schädel, Brustbein, Hüft-, Hand- und Fußknochen, alles ist gut erhalten und erstaunlich vollständig. Toll, freute sich der forensische Anthropologe James Chatters, auf dessen Untersuchungstisch die Gebeine landeten. Sieht nach einem Pionier aus oder einem Trapper, vielleicht Mitte vierzig, der vor ein paar Hundert Jahren in der Wildnis umkam. Den Schädel charakterisierte Chatters zweifelsfrei als »kaukasoid«*, also von vage europäischem oder südostasiatischem Aussehen. Dafür sprachen der markante Nasenrücken, eher schmale Wangenknochen und der leicht vorstehende Oberkiefer. Dass der Mann kein Indianer war, hielt Chatters für eindeutig.

»Kennewick Man« hatte augenscheinlich ein raues Leben gehabt. Er hatte einen Schädelbruch und diverse Rippenbrüche überstanden; wegen einer alten Verletzung am Ellenbogen konnte er seinen linken Arm nicht richtig gebrauchen. Und tief in seiner rechten Hüfte steckte ein Fremdkörper, vielleicht eine Kugel oder ein Stück eines Schrapnells. Chatters ließ den Hüftknochen röntgen, doch zu seiner Überraschung war auf der Aufnahme nichts zu erkennen: Das Projektil war nicht aus Metall. Die Computertomografie löste das Rätsel: Das Objekt im Knochen war eine blattförmige Speerspitze aus Stein. »Cascade-Spitze« wird dieser Typ genannt, mit ihr bestückten frühindianische Jäger ihre Waffen. Nur: Diese Speerspitze war seit über 5000 Jahren aus der Mode...

Autor(in): Maria Biel

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