Archäologie 7 Dinge, die es nicht geben dürfte - oder?
Noch heute bewegt jene verwunderliche Geschichte die Gemüter, die sich 1927 im Regenwald von Belize (damals Britisch-Honduras) ereignete. Der britische Abenteurer und Archäologe Fredrick Mitchell-Hedges war damals im Urwald unterwegs, um die Spuren einer untergegangenen Hochkultur zu erforschen, die er mit dem sagenhaften Atlantis in Verbindung brachte. Als seine Adoptivtochter Anna an ihrem siebzehnten Geburtstag über das Grabungsgelände streifte, entdeckte sie eine seltsame Leuchterscheinung: Zwischen alten Trümmern blitzte etwas Helles hervor. Die Arbeiter eilten herbei, räumten Schutt und Steine beiseite und fanden darunter einen Schädel, hergestellt aus reinem Bergkristall. Er war so groß wie ein menschlicher Totenkopf, mehr als fünf Kilogramm schwer und unglaublich perfekt gearbeitet.
Sofort strömten die Indios aus dem nahen Dschungel herbei, fielen auf die Knie und beteten. Ein alter Maya erklärte, der Schädel sei über 100000 Jahre alt und ein wertvoller Schatz seiner Kultur. Insgesamt gebe es 13 solcher Schädel. Sie enthielten Informationen über den Ur-sprung der Menschheit und Antworten auf die größten Geheimnisse des Lebens. Wenn man alle Schädel zusammenbringe, würden sie zu sprechen beginnen.
Mitchell-Hedges erklärte, der seltsame Fund sei mindestens 3600 Jahre alt und in einer unbekannten und höchst erstaunlichen Technik hergestellt. Man habe keine Ahnung, wie die Maya ihn hätten erschaffen können. Eine eingehende Untersuchung des Kopfes, die 1970 in den Labors des Computerherstellers Hewlett-Packard durchgeführt wurde, bestätigte seine erstaunlichen Eigenschaften:
? Der Schädel besteht aus reinem Quarz und ist gegen die natürliche Achse gearbeitet. Bei der Bearbeitung hätte er eigentlich in tausend Stücke springen müssen.
? Er wurde vermutlich erst mit Diamantwerkzeugen grob be-arbeitet und anschließend mit einer Mischung aus Sand und Wasser glatt geschliffen. Ge-schätzte Arbeitszeit hierfür: über dreihundert Jahre. »Das verdammte Ding dürfte eigentlich gar nicht existieren«, erklärte einer der Forscher.
Was hat das zu bedeuten? Waren die Mayas tatsächlich in der Lage, Gegenstände herzustellen, die wir auch mit moderner Technik nicht nachbauen können? Waren die frühen Hochkulturen weiter entwickelt als wir heute glauben? Oder sind hier übernatürliche Kräfte am Werk? Hatten die Menschen gar Besuch von Außerirdischen, die die seltsamen Fundstücke dagelassen haben – wie Anna Mitchell-Hedges behauptet.
Die Antworten auf solche Fragen sind nicht einfach, denn überraschenderweise finden die Archäologen immer wieder seltsame Gegenstände, die sich nicht in die bekannte Historie einordnen lassen. Sie fallen aus der normalen Geschichtsschreibung heraus und werden »Out of Place Artefacts« genannt, zu Deutsch etwa: künstlich hergestellte Gegenstände an seltsamen Orten. So gibt es Batteriefunde aus vorchristlicher Zeit, Darstellungen von Glühbirnen im alten Ägypten, menschliche Eisenwerkzeuge, die in Sandsteinschichten eingeschlossen sind, und Computer aus dem alten Griechenland. Sind das alles Fälschungen? Oder müssen wir die Frühgeschichte des Menschen umschreiben?
Eines dieser Fundstücke ist die so genannte Batterie von Bagdad. Der österreichische Forscher Dr. Wilhelm König fand 1936 bei Ausgrabungen in Khujut Rabu‘a in der Nähe von Bagdad ein 2000 Jahre altes Tongefäß der Parther, in dessen Innern sich ein Kupferzylinder befand, der einen Eisenstab umschloss. Der Kupferzylinder war mit Asphalt so in die Öffnung des Tonkruges geklebt, dass man ihn hätte mit Flüssigkeit füllen können. Im Zentrum der Flüssigkeit stand dann, vom Kupfer elektrisch isoliert, der Eisenstab. Wozu diente dieser ungewöhnliche Tonkrug?
Die Wissenschaftler hatten keine Ahnung – bis Dr. König 1940 seine kühne These veröffentlichte: Der Krug könnte eine Batterie gewesen sein. Damit wäre dann der elektrische Strom nicht von Luigi Galvani (1737 –1798) bei Froschschenkel-Ver-suchen entdeckt worden – sondern fast 2000 Jahre früher.
Tatsächlich gelang es mehreren Forschergruppen (darunter einer im Roemer- und Pelizaeus-Museum in Hildesheim) nachzuweisen, dass dieser alte Tonkrug einst Elektrizität geliefert haben könnte. Dazu bauten die Wissenschaftler das Fundstück nach und füllten den Hohl-raum zwischen beiden Metallen mit Traubensaft. Ein angeschlossenes Messgerät zeigte: Zwischen Kupfer und Eisen entstand eine Spannung von 0,5 Volt – nicht viel, aber immerhin! Mit geringem Aufwand konnten die Parther also aus der »Batterie« Strom ziehen. Doch wozu bloß? Stromleitungen, Glühbirnen, Telefone, Motoren, all das gab es ja damals noch nicht.
Oder doch? »Schon im alten Ägypten gab es elektrische Beleuchtung«, behaupten die Autoren Peter Krassa und Reinhard Habeck und widmen dieser These ein ganzes Buch. Kernstück ihrer Argumentation: Das Relief von Dendera. Auf diesem Wandbild aus der Zeit von etwa 50 v. Chr. ist ein ägyptischer Priester zu sehen, der einen riesigen, ballonartigen Gegenstand in den Händen hält. Im Innern des Ballons windet sich eine Schlange himmelwärts. Für Krassa und Habeck ist die Indizienlage klar: Das Relief ist eine technische Zeichnung, der Ballon eine Glühbirne, die aufwärts strebende Schlange der Glühfaden. Mit derlei elektrischen Licht hätten die ägyptischen Bauleute die dunklen Gänge be-leuchtet, während sie die Wände bemalten. Somit wäre auch erklärt, wieso sich keine Rußspuren in den Gängen finden.
Eine interessante Vermutung – die allerdings ziemlich unwahrscheinlich ist. Denn die Batterien der Parther liefern zwar Strom, aber sehr wenig. Selbst um eine 1-Watt-Birne zu betreiben (ein sehr schwaches Birnchen!), müsste man vierzig Batterien des Bagdad-Typs zu-sammenschalten – mit einem Gesamtgewicht von achtzig Ki-logramm. »Für die Beleuchtung aller ägyptischen Baustellen wären also 116 Millionen Batterien mit einem Gesamtgewicht von 233600 Tonnen nötig gewesen«, schreibt der Physiker Frank Dörnenburg.
Außerdem: Selbst heute gibt es keine so riesigen Glühbirnen, wie sie auf dem Relief dargestellt wurden. Aus gutem Grund: Sie wären lebensgefährlich. Die Implosionskraft eines luftleer gepumpten Glasbehälters steigt mit seiner Größe – und auf der Glühbirne von Dendera würde allein der Luftdruck mit einer Kraft von 63 Tonnen lasten.
Fragt man Ägyptologen, so liefern sie eine ganz andere Deutung des Reliefs. Sie verweisen darauf, dass ägyptische Darstellungen immer symbolisch ge-meint sind: Die Wirklichkeit wird nie abgebildet. Die Stilisierung geht so weit, dass sich aus kleinen Ausschnitten manchmal komplette Gemälde rekonstruieren lassen.
Auf dem Relief von Dendera erkennen sie die Himmelsbarke des Sonnesgottes Re, die vorne in einer Lotosblüte endet. (Was andere als »Lampenfassung« und »Ka-bel« deuten). In der Mythologie der Ägypter stirbt die Sonne am Abend und wird morgens wiedergeboren. Daher ist ihr Symbol die Schlange, die ebenfalls nach jeder Häutung wiedergeboren wird. Auf dem »Schaltkas-ten« unterhalb der »Glühbirne« streckt der Gott Heh seine Arme empor und geleitet die Sonne über den Himmel. Das umstrittenste Element der Darstellung ist tatsächlich der »Lampenkolben« selbst. Ihn wissen die Ägyptologen auch nicht so recht einzuordnen. Er könnte »Landzunge« oder »Horizont« bedeuten, und dann würde das Relief von Dendera beschreiben, wie der Sonnengott am Morgen des Neujahrstages über den Himmel fährt.
Mit ziemlicher Sicherheit haben jedenfalls die Arbeiter, als sie dieses Relief schufen, nicht bei elektrischem Licht gemeißelt, sondern beim Schein von Öllampen. Aus dem Tal der Könige gibt es detaillierte Aufzeichnungen, an welchen Arbeiter Lampen ausgehändigt wurden, wie viele Dochte jeder erhielt, und wie viele er abends zurückbrachte. Und die fehlenden Rußspuren in den Gängen? Sie sind frei erfunden! In Wirklichkeit sind viele Decken verrußt, es mussten sogar schon ganze Felsenkammern deswegen restauriert werden.
Doch wenn die Batterien von Bagdad nicht zu Beleuchtungszwecken verwendet wurden – zu was dann? Die einzige einigermaßen plausible Erklärung: um Statuen zu vergolden. Zum Galvanisieren genügen nämlich geringe Stromstärken und geringe Spannungen.
Tatsächlich gelang es, mit einem Nachbau der Batterie von Bagdad eine kleine metallene Statue zu vergolden. Dazu wurde die Statue in ein Flüssigkeitsbad mit aufgelöstem Goldsalz gelegt und an die Batterie angeschlossen. Nach zwei Stunden war die Figur mit Gold überzogen. So könnte es gewesen sein.
Dennoch bleiben viele Fragen offen: Wurden die Batterien wirklich für diesen Zweck verwendet? Kannten die Parther ein Verfahren zur Herstellung des Goldsalzes, das zum Galvanisieren nötig ist? Und warum finden die Archäologen dann ganz ähnliche »Batterien«, in denen Kupferstäbe in Kupferzylindern stecken? Mit zwei gleichartigen Metallen ist eine Stromerzeugung nämlich nicht möglich. Taugen die Tontöpfe von Bagdad also nur zufällig als Batterie und dienen in Wirklichkeit einem anderen Zweck?
Doch wir sollten unsere Vorfahren nicht unterschätzen. Was sie wirklich konnten, und was vor allem Einzelne von Ihnen konnten, ist ein paar Jahrtausende später kaum noch zu ermitteln. Womöglich gab es Genies und geniale Erfindungen, deren Spuren komplett verloren sind und von denen wir nie erfahren werden. Womöglich gab es sogar ganze Wissenszweige, von denen allenfalls Bruchstücke überlebten. Stoßen heutige Archäologen auf eines dieser Bruchstücke, stehen sie vor einem Rätsel.
Ein solches Fundstück könnte zum Beispiel der »Computer« von Antikythera sein. Gefunden wurde dieses bemerkenswerte Instrument von der Größe eines Schuhkartons kurz vor Ostern 1900. Schwammtaucher hatten vor der griechischen Insel Antikythera in 42 Meter Tiefe ein antikes Schiff entdeckt. Archäologen aus Athen bargen den Schatz und katalogisierten ihn: Töpferwaren, Wein, Statuen, Amphoren, Marmor- und Bronzefiguren. Offensichtlich ein Frachter aus dem ersten Jahrhundert vor Christus, der mit Luxuswaren beladen war.
Welch spektakulärer Fund darunter war, entdeckten die Forscher erst zwei Jahre später, als durch Trocknung ein verkrus-teter Holzfund aufplatzte und darunter ein verwitterter Zahnrad-Mechanismus zum Vorschein kam. Weitere 70 Jahre dauerte es, bis der Mechanis-mus durch Röntgenaufnahmen, Schriftstudien und sorgfältiges Restaurieren vollständig verstanden war. Es handelte sich um nichts weniger als ein astronomisches Vorhersageinstrument, ein Astrolabium, mit dem man die Sonnenaufgänge, die Bewegungen der fünf damals bekannten Planeten, die verschiedenen Mondphasen und die Tagundnachgleichen bestimmen konnte. Fast 30 Zahnräder griffen ineinander, alle aus demselben Stück Bronzeblech mit geringem Zinnanteil gefertigt, alle mit gleichartigen 60-Grad-Zähnen umkränzt.
An der Seite des Geräts befand sich eine Kurbel. Drehte man daran, so rotierten vier Zeigernadeln mit unterschiedlicher Geschwindigkeit und verdeutlichten auf außen angebrachten Skalen die Positionen der Planeten am Nachthimmel.
Der Fund ist deshalb sensationell, weil es kaum glaubhaft erscheint, dass die Griechen solch ein kompliziertes Räderwerk herstellen konnten. Es ist in seiner Komplexität vergleichbar mit den ersten Uhrwerken – die aber erst 1400 Jahre später erfunden wurden. Außerdem enthält der Gestirnsrechner von Antikythera ein Differenzialgetriebe: Zahnräder, deren Achsen auf anderen Zahnrädern kreisen. Erst 1828 wurde dieses Prinzip zum Patent angemeldet. Wieso kannten es die Griechen bereits 1900 Jahre früher?
Ist damit bewiesen, dass die Griechen ihrer Zeit um fast 2000 Jahre voraus waren? Oder sollte man Erich von Däniken folgen, der suggestiv fragt: »Von welchem astronautischen Paten stammt dieses kleine aufmerksame Geschenk?« Doch warum stellten dann die technologisch überlegenen Außerirdischen nur jene fünf Planeten dar, die die Griechen zur damaligen Zeit kannten und nicht gleich alle neun?
Da ist die ziemlich plausible Erklärung, dass die Entwicklung der Menschheit nicht so geradlinig verläuft, wie wir das ge-wöhnlich annehmen. Es gibt ein Auf und Ab des Wissens und der Fertigkeiten – und es gibt Kenntnisse, die verloren gehen und später mühsam wiederentdeckt werden müssen. So erfand der Mathematiker Hero von Alexandria schon im ersten Jahrhundert nach Christus die Dampfmaschine und baute sogar zwei funktionierende Modelle. Doch wir kennen die Dampfmaschine heute nur als Erfindung von James Watt, der damit 1765 den Startschuss zur Industriegesellschaft gab. Auch Beton gibt es nicht erst seit der englische Fabrikant James Parker 1796 ein Patent darauf anmeldete, son-dern bereits seit römischen Tagen. Selbst die Sicherheitsnadel, angeblich 1849 erfunden, existierte bereits 3000 Jahre früher. Was also wussten Menschen vor 2000 Jahren wirklich?
»Sie kannten schon Flugzeuge«, behaupten einige Forscher. Als Beweis führen sie kleine Goldamulette aus Südamerika an. Diese nur knapp vier Zentimeter großen Miniaturen stammen aus der Tolima-Kultur und wurden vor rund 1500 Jahren als Grabbeigaben geschaffen. Man weiß nicht viel über die alten Völker im Gebiet des heutigen Kolumbien und noch weniger über die Orte und Umstände, unter denen die Goldamulette gefunden wurden. Die meisten können eindeutig zugeordnet werden: Es sind Haarnadeln, Ohren- und Nasenschmuck, Anhänger. Und dazwischen gibt es jene seltsamen »Nachbildungen von Insekten« – die dem Space-shuttle ähnlicher sehen als jedem Insekt! Ein moderner Beobachter kann sich dem Eindruck kaum entziehen, Flugzeuge vor sich zu haben.
Um die Plausibilität dieser These zu testen, machten sich der Zahnarzt Dr. Algund Eenboom und der Luftwaffenoffizier Peter Belting an die Arbeit: Sie bauten aus Styropor und Balsaholz vergrößerte Kopien der Amulette im Maßstab 16:1, rüsteten sie mit Motor und Propeller aus und begaben sich damit auf einen Modellflugplatz. Die Sensation: Die Nachbauten der alten Amulette flogen perfekt und waren in der Luft sogar außerordentlich wendig. Ist dies ein Hinweis darauf, dass es sich bei den Amuletten tatsächlich um Flugzeugdarstellungen handelt?
Schwer zu sagen – schließlich waren die Balsaflieger keine wirklichen Kopien. Die Forscher hatten in ihren Nachbau einiges an modernem Wissen über das Fliegen hineingesteckt: Sie hatten Motor und Propeller er-gänzt, Knubbel ausgespart, die den Windwiderstand erhöhen, einen spiralförmigen Riss im Flügel weggelassen, den Tragflächen ein aerodynamisches Profil verliehen und natürlich moderne Leichtbau-Materialien verwendet. Mit solchen Verbesserungen fliegt vielleicht auch der eine oder andere Nasenschmuck.
Und woher schließlich sollten die Inkas Flugzeuge kennen? Dass eine längst untergegangene Hochkultur bereits Flugzeuge gebaut haben soll, ohne dass wir davon heute Spuren finden, ist mehr als unwahrscheinlich. (Man bedenke nur: Metallgewinnung, Motorenbau, Treibstoffversorgung, Landebahnen; ein ganzer Industriezweig. Wir müssten Tausende von Spuren entdecken!)
Da ist es wahrscheinlicher, dass Außerirdische vorbeigeflogen sind und dieser Anblick Eingang in den Kunstschatz gefunden hat. Doch auch das ist nicht wirklich glaubhaft. Schließlich bräuchten fremde Besucher auf der Erde ja Raumschiffe, mit denen sie die luftleeren Weiten des Alls durchqueren können. Da machen Flügel einfach keinen Sinn.
Selbst die Annahme, die Außerirdischen hätten Aufklärungsflugzeuge mitgeführt, um die Erde erkunden zu können, ist nicht sehr plausibel. Dann hätten sie schon vor dem Aufbruch zur Reise wissen müssen, dass die Erde eine Atmosphäre besitzt, woraus sie besteht, und von welcher Dichte diese Atmosphäre ist. Sonst funktioniert die ganze Flugzeugkonstruktion ja nicht.
Sind die Amulette also doch Darstellungen von Insekten? Auch das ist unwahrscheinlich. Insekten ha-ben keine Deltaflügel, ihre Flügel setzen oben am Rumpf an und nicht unten. Außerdem haben weder Vögel noch Insekten ein senkrecht stehendes Schwanzruder. Die größte Ähnlichkeit hat das Amulett noch mit fliegenden Fischen. Aber Deltaform oder eine Kerbe hinter dem Kopf haben auch diese nicht.
Eine überzeugende Antwort gibt es nicht. »Das ist aber nicht schlimm«, meint dazu Dr. Willibald Katzinger, Direktor des Stadtmuseums in Linz und Organisator der Ausstellung »Die Welt des Unerklärlichen«, »wenn alles erklärt wäre, bräuchten wir nur Verwalter und keine Wissenschaftler mehr. Und wenn die Wissenschaft selbst nicht in Frage stellen würde, was sie als bewiesen sieht, gäbe es keinen Fortschritt. Manchmal ist es geradezu notwendig, auch ein wenig zu spekulieren.«
Also spekulieren wir ein wenig: Was ist zum Beispiel mit dem Dolch des Pharao? Am 6. November 1922 fand ein Grabungstrupp unter Leitung von Howard Carter im Tal der Könige in Ägypten das unversehrte Grab des Tut-ench-Amun. Sarkophage, Totenmasken, Truhen, Mumien, Goldschmuck: einen gewaltigen Schatz mit mehr als 5000 Fundstücken förderten die Ausgräber zu Tage. Das Mysteriöseste unter all diesen Fundstücken: ein wohl erhaltener Eisendolch ohne Rost. Eisen war zur damaligen Zeit wertvoller als Gold, selbst für den Pharao war es eine Kostbarkeit. Sein immenser Wert zeigt sich auch daran, dass er es noch im Tode an seinen rechten Oberschenkel gebunden trug.
Doch wie kam der Dolch in den Besitz des Pharao? Ist es tatsächlich ein »Out of Place Artefact«, wie es verschiedene Quellen im Internet behaupten? Dort kann man geradezu Un-glaubliches über den Dolch lesen: dass er aus rostfreiem Edelstahl gefertigt ist, dass er seltsamerweise nicht katalogisiert wurde, dass wir solch eine hohe Legierungsqualität heute nur unter Vakuumbedingungen herstellen können und dass ja die Ägypter damals weder Kenntnisse der Vakuumherstellung noch der Eisenproduktion hatten. Also ein mystisches Fundstück?
Manfred Sachse, Meisterschmied aus Deutschland und Präsident der Damaszener-Stahl-Forschungsgesellschaft, hat sich intensiv mit dem Fund beschäftigt. Doch aus welchem Material der Dolch besteht, weiß auch er nicht – niemand weiß es: »Dr. Lukas, der die Funde damals untersucht hat, hat die Zusammensetzung des Eisens nicht analysiert, und das ist bis heute nicht geschehen.« Die Verwaltung des Ägyptischen Museums in Kairo verweigert die Herausgabe des Dolches zu Untersuchungszwecken. Alle Behauptungen über die verwendeten Legierungen sind daher frei erfunden. Dass der Dolch in 33 Jahrhunderten nicht gerostet ist, findet Sachse wenig verwunderlich. »Es muss in der Grabkammer beste trockene Bedingungen gegeben haben, denn alle Fundstücke waren ja in hervorragendem Zustand«, sagt er.
Und wie kam der Pharao an das gute Stück? Er könnte es im Ausland gekauft haben: Die Hethiter kannten zur damaligen Zeit schon die Technik der Eisenverhüttung. Zweite Möglichkeit: Es könnte sich um Eisen von einem Meteoriten handeln. Tatsächlich hieß Eisen zur da-maligen Zeit »schwarzes Kupfer vom Himmel«, und wenn man einen Meteoritenbrocken aus Eisen findet, braucht man ihn nur noch in die passende Form zu schleifen, und fertig ist der Dolch. Mit einigem Recht könnte er dann selbst als Außerirdischer bezeichnet werden!
Dieser Dolch besäße dann vielleicht sogar Kristallstrukturen, wie wir sie heute auf der Erde nicht herstellen können, denn manche Strukturen entstehen tatsächlich nur in Vakuum und Schwerelosigkeit. Wie gewöhnlich oder ungewöhnlich der Dolch wirklich ist, werden wir allerdings erst wissen, wenn es eine Untersuchung des Eisens gegeben hat. So lange bleibt alles Spekulation.
Wieder mal werfen die alten Funde mehr Fragen auf, als sie beantworten. Fest steht nur: Wer will, dass eine außergewöhnliche Er-klärung anerkannt wird, muss dafür auch außergewöhnliche Beweise präsentieren. Solange das nicht geschieht, ist die Erklärung nur eine Vermutung – meist eine von vielen.
Ähnliches gilt für die These, dass die Menschen schon vor Hunderten von Millionen Jahren auf der Erde existierten. Manche glauben, dies mit dem »Hammer von London« belegen zu können. Dieses höchst ungewöhnliche Stück wurde 1936 von Spaziergängern in einem Flussbett nahe dem texanischen Dörfchen London in den USA gefunden. Das Gestein des Flussbetts ist über 100 Millionen Jahre alt, und hier fand sich ein fast kopfgroßer Stein, in dessen Inneren ein metallener Hammer mit ehemals hölzernem Stiel eingeschlossen war. Für die hauptsächlich in den USA aktiven Kreationisten ein Beweis, dass die Menschen schon vor 100 Millionen Jahren auf der Erde lebten! Kreationisten glauben an die unbedingte Wahrheit der Bibel und daran, dass es keine Evolution gibt. Nach ihrer Auffassung hat Gott den Menschen nach seinem Ebenbild geschaffen; Veränderungen finden deshalb nicht statt.
Sollten also wirklich zu den Zeiten der Dinosaurier Menschen auf unserem Planeten herumgelaufen sein? Haben sie sich gar mit Eisenwerkzeugen gegen die Bestien gewehrt? Ist der Fund ein Beweis für diese These? Auf jeden Fall ist das Fundstück beeindruckend: Eingeschlossen wie ein frühzeitliches Fossil findet sich ein Metallkopf, der gut von einem Hammer aus dem 19.Jahrhundert stammen könnte. Wie kommt er in jahrmillionenalten Stein?
Des Rätsels Lösung könnte in diesem Fall ganz einfach sein: Vielleicht ist der Stein sehr jung. Unter bestimmten Bedingungen können nämlich flüssige Sedimente in nur wenigen Jahren zu festem Stein zusammenbacken. Bricht ein Teil davon ab und wird in ein Tal mit anderem Gestein gespült, ist die scheinbare Sensation perfekt. Und tatsächlich wurde der versteinerte Hammer nicht aus festem Gestein herausgebrochen, sondern lag als Findling im Tal herum. Es kann also entweder der Hammer außerordentlich alt oder der Stein außerordentlich jung sein. Nur eine genaue Untersuchung des Steins hilft hier weiter.
Es ist wirklich nicht so einfach, im Chaos widerstreitender Theorien den Überblick zu bewahren. Eigentlich hilft nur eines, das Richtige vom Falschen zu unterscheiden (und dabei sein Vergnügen zu haben): wundern und staunen! Es ist vielleicht eine Art Zaubermedizin gegen geistige Verengung. Wer das Staunen beherrscht, wirft jeden Morgen eine Lieblingsthese über Bord – wie es der Verhaltensforscher Konrad Lorenz jedem guten Wissenschaftler empfohlen hat. Mit Faszination sieht der Staunende, wie immer neue Erklärungen an der Wirklichkeit zerschellen. Was am Ende bleibt, ist die (zugegeben unbequeme) Erkenntnis, wie wenig wir wissen – und dass vieles ein Rätsel bleibt.
Das kleinste Rätsel ist übrigens der anfangs erwähnte Kris-tallschädel: Er ist eine schlichte Fälschung; auch das kommt vor. Der Abenteurer Fredrick Mitchell-Hedges hat ihn nicht 1924 im Urwald gefunden, sondern 1943 auf einer Auktion in London für 400 Pfund ersteigert. Unter polarisiertem Licht zeigen sich eindeutige Spuren der maschinellen Bearbeitung, und auch die Untersuchungen im Labor des Computerherstellers Hewlett-Packard lieferten reinen Unsinn: Bergkristall hat keine besondere Kristallachse, und deshalb gibt es auch keine falsche Bearbeitungsrichtung. Heutzutage kommt man übrigens bequem an solche Schädel: Man kann sie übers Internet bestellen.
In diesem Fall bleibt nur ein einziges Rätsel ungelöst: Wie konnte sich die Mär vom wunderkräftigen Schädel so lange halten?