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P.M. Magazin 05/2002
Die Welten der Philosophen
Ludwig Wittgenstein

Wie sein gleichaltriger Mitschüler Adolf Hitler fiel auch Ludwig Wittgenstein an der Realschule in Linz nicht gerade durch gute Leistungen auf: Note drei und vier in den meisten Fächern. Nur in Religion eine Eins. Vielleicht lag es daran, dass der 1889 als jüngstes von acht Kindern geborene Ludwig schlecht vorbereitet auf die Oberschule kam. Der Grund dafür war sein exzentrischer Vater, der Industriemagnat Karl Wittgenstein, einer der reichsten Männer Österreichs: Er hatte seinen Sohn vorher jahrelang nach eigenem Lehrplan zu Hause unterrichten lassen. Die Wittgenstein-Villa in Wien war dank Ludwigs Mutter ein kultureller Mittelpunkt. Johannes Brahms, Gustav Mahler und Clara Schumann gingen ein und aus. Musik war allgegenwärtig. Ludwig, ein ruhiges, ja nachdenkliches Kind, spielte Klarinette und lernte ganze Sinfoniepartituren auswendig. Als geborener Tüftler entwarf er schon im Kindesalter eine neuartige Nähmaschine. Gerne hätte er Physik bei dem berühmten Ludwig Boltzmann in Wien studiert. Wegen schlechter Noten musste er aber an die Technische Universität in Berlin ausweichen, wo er Ingenieurwissenschaften belegte. 1908 wechselte er an die Universität Manchester und büffelte Luftfahrttechnik; 1911 ließ er einen selbst entworfenen Düsenpropeller patentieren. Die knifflige Arbeit brachte ihn auf die Idee, Mathematik zu studieren – doch bald entdeckte er sein Interesse an der Philosophie, was ihn schließlich nach Cambridge führte, wo er Vorlesungen des Philosophen Bertrand Russell hörte. Die beiden sollte eine lebenslange Freundschaft verbinden.

Vielleicht war es die Philosophie, die ihn – bisher ein Dandy – immer deutlicher einen Hang zur Einsamkeit verspüren ließ. 1913 reiste er nach Norwegen und baute sich eine Hütte auf dem Land, wohin er sich ein ganzes Jahr lang zurückzog. Als er im Sommer 1914 seine Familie in Wien besuchte, brach der Krieg aus. Wittgenstein meldete sich freiwillig und wurde k. u. k. Frontsoldat. Während der vier Kriegsjahre notierte er seine Gedanken in einem Notizbuch, das er im Rucksack immer dabei hatte; bei Kriegsende war das Buch voll geschrieben. In Tirol gefangen genommen, kam Wittgenstein in ein Lager nahe dem Kloster Monte Cassino. Dort berichtete er in einem Brief seinem Freund Russell von dem Manuskript – der war begeistert und ließ den Text sofort ab-holen. Er erschien unter dem Titel »Tractatus logico-philosophicus« 1921 in Deutschland und 1922 in England.

In diesem schwierigen Werk hatte der junge Frontsoldat über den Sinn der Philosophie gegrübelt. Die üblichen Fragen wie »Was ist die Wirklichkeit?« und »Was ist Wissen?« hielt er für irreführend. Um die Probleme der Philosophie zu lösen, so Wittgenstein, bedürfe es nur der Logik des Gedankens und einer Sprache, die diese Logik zum Ausdruck bringe. »Was sich überhaupt sagen lässt, lässt sich klar sagen«, behauptete er im Vorwort seines Traktats. Denken und Sprechen sind nach seiner Auffassung ein Abbild der Welt. In scharf formulierten Lehrsätzen versuchte er, die Philosophie in eine Wissenschaft von der Sprache zu verwandeln. Er beendete seinen Traktat mit dem oft zitierten Satz: »Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.«

Fest davon überzeugt, dass er alle Probleme der Philosophie gelöst hatte, schenkte Wittgenstein 1920 den älteren Geschwistern sein gesamtes – erhebliches – Vermögen und zog sich erneut in die Einsamkeit zurück: In den Bergen Niederösterreichs wurde er Volksschullehrer. Doch das Idyll war brüchig: Der mürrische Eigenbrötler war oft ungehalten und galt als zu strenger Lehrer, was immer wieder zu Konflikten mit den Eltern führte. Schließlich gab er den Beruf auf und verpflichtete sich als Gärtner in einem Kloster bei Wien. Er spielte sogar mit dem Gedanken, Mönch zu werden. Doch dann bekam er einen Auftrag von seiner Schwester: Er sollte ihr eine Villa in Wien entwerfen und bauen. Wittgenstein nahm die Herausforderung an – das Haus wurde ein architektonisches Meisterwerk. 1929 gelang es seinem Freund Russell, ihn nach Cambridge zurückzulocken. Der »Tractatus« wurde zu einer Doktorarbeit erklärt, Wittgenstein erhielt alsbald einen Lehrauftrag. Inzwischen aber hatte der Philosoph sein Jugendwerk über Bord geworfen. Es enthalte, so meinte er jetzt, »schwere Irrtümer«. Die Sprache sei weniger zuverlässig, als er gedacht habe. Zunehmend behauptete er, man könne keinen klaren Gedanken anhand der Sprache ausdrücken – eine radikale Abkehr von seinem Frühwerk!

Ganz im Gegensatz zum »Tractatus« sind in seinen »Philosophischen Untersuchungen« der Gedanke und die Sprache nicht mehr das Abbild der Welt. Das ursprünglich postulierte Ideal der Exaktheit verwirft er total. Die Einsicht des späten Wittgenstein klingt völlig anders: Jetzt erscheinen ihm Worte als mehrdeutig und vage. Die Bedeutung eines Wortes lässt sich nach seiner Meinung keineswegs durch Logik herausfinden – sondern nur dadurch, dass man erkennt, in welchem Sinn es im alltäglichen »Sprachspiel« verwendet wird. Wittgenstein unterbrach seine Arbeit an der Universität, um im Zweiten Weltkrieg als Sanitäter in London zu arbeiten. 1947 legte der unruhige Geist seinen Lehrauftrag endgültig nieder und zog sich wieder zurück – aber sein Einfluss ist bis heute ungebrochen. Am 29. April 1951 erlag Wittgenstein einem Krebsleiden. Seine letzten Worte waren: »Sagen Sie ihnen, dass ich ein wundervolles Leben gehabt habe.«

Autor(in): P.J.Blumenthal

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