Die Liste seiner Affairen ist endlos, aber er spricht nicht darüber. Stattdessen widmet der kanadische Sänger-Poet den Frauen melancholische Liebeslieder, die sie seit über 40 Jahren dahinschmelzen lassen. Spirituell gereift, gelang ihm jetzt ein sensationelles Comeback.
Da hopst er doch tatsächlich wie ein kleines Mädchen von der Bühne, dieser 75 Jahre alte Mann, hopst mit Hut und dunklem Anzug vergnügt aus dem Bild, als beende er gerade ein nettes Spiel mit anderen Kindern, nicht ein Großkonzert vor Zehntausenden in der riesigen Münchner Olympiahalle. Drei Stunden lang hat uns Leonard Cohen um den Finger gewickelt. Er hat sein Publikum beschmust und beschnurrt wie ein verliebter Kater, hat gepredigt, geschmeichelt, gespöttelt (nicht zuletzt über sich selbst) und uns mit abgrundtiefer Bassstimme in klugen Songs die Bilanz seines Lebens erzählt. Es ist das widersprüchliche Leben eines preisgekrönten Lyrikers und eigensinnigen Pop-Außenseiters, eines Gottsuchers und Sexbesessenen, eines humorvollen Asketen und depressiven Wüstlings. Nicht selten hielten wir, sein Publikum, den Atem an. Noch öfter lachten wir, wie erlöst.
Denn obwohl dieser Anbeter der Frauen – „Suzanne“, „Marianne“, „Nancy“, „Heather“, um nur ein paar seiner Song-Liebsten zu nennen — zuletzt von einer Frau um sein ganzes Vermögen betrogen wurde, obwohl er das Alter nun spürt und sich wenig mehr rührt, obwohl er von Endzeit singt, wie aus dem Grabe klingt — trotz seiner melancholischen Reime und molldunklen Melodien wirkt Leonard Cohen wie ein glücklicher Mensch. Dies ist seine erste Großtournee seit 15 Jahren, er hatte sich eigentlich schon zur Ruhe gesetzt. Allerdings nicht in Florida oder auf einer Karibikinsel, wie üblich bei Popstar-Rentnern: Während der Neunziger lebte Cohen acht Jahre lang im buddhistischen Mount Baldy Kloster auf einem Berg im einsamen Hinterland von Los Angeles. Er war ein Mönchsnovize unter vielen, asketisch und diszipliniert: Aufstehen um drei, Arbeitsdienst in der Küche, täglich sechs bis acht Stunden Meditation. Und hin und wieder ein Reis-Schnäpschen mit Joshu Sasaki Roshi, dem japanischen Abt des Zen-Klosters.
Während der Mann auf dem Berg an seiner spirituellen Vervollkommnung arbeitete, stahl eine Frau im Tal ihm unbemerkt sein Geld. 2004 entdeckte Cohen, dass Kelley Lynch, seine langjährige Managerin und Exgeliebte, all seine Geldanlagen geplündert hatte. Acht Millionen Dollar waren verschwunden, ihm blieben 150000. Cohen war geschockt.