Der Theologe hat intensiv über Jesus geforscht – und damit auch über den Alltag im antiken Heiligen Land. Im Gespräch erklärt Carsten Claußener, was Jesus zu einem ganz besonderen Menschen seiner Zeit machte – und was man ihm erst später andichtete.
P.M. PERSPEKTIVE: Hat der Mensch Jesus wirklich gelebt? Dr. Carsten Claußen: Es wäre absurd, daran zu zweifeln. Zahlreiche Quellen belegen seine Existenz. Auch drei große Historiker der Antike – Plinius der Jüngere, Tacitus und Sueton – beziehen sich in ihren Schriften auf ihn. Das ist für einen Zimmermannssohn, der in einem der hintersten Winkel des Römischen Reichs zur Welt gekommen ist und vermutlich nie Palästina verlassen hat, schon ganz erstaunlich.
Wer aber war er – war er Gottes Sohn?
Er war zunächst mal ein jüdischer Wanderprediger. Sohn Gottes – dieser Begriff kann zur Zeit des 1. Jahrhunderts verschiedenes bedeuten: Damit kann ein König von Israel gemeint sein, es kann sich auf den erhofften Messias beziehen, aber auch auf hellenistische Wundermänner. Seit Augustus wird zudem der römische Kaiser Sohn Gottes genannt. Allerdings: Im Johannesevangelium spricht der Apostel Thomas Jesus mit den Worten an: »Mein Herr und mein Gott!« Das ist noch eine Spur mehr als »Gottes Sohn«.
War Jesus ein Magier, war er ein jüdischer Reformator oder ein politischer Revoluzzer?