Die Kräfte hinter Obama Graue Eminenz: Saul Alinsky
»Yes, we can!« Der Aktivist lehrte die Armen, sich selbst aus dem Sumpf ihres Elends zu ziehen. Seine Mittel: Vernetzung und Konfrontation.
Kurz nach 20 Uhr explodiert Seattle im Freudentaumel: Feuerwerksraketen zischen in den Himmel, Fremde fallen einander weinend in die Arme, während ich langsam begreife: Heute, am 4. November 2008, hat das neue Jahrtausend begonnen. Zehn Tage lang habe ich im 37. Distrikt der Pazifikmetropole für die Obama-Kampagne als Helfer gearbeitet, mehrere tausend Wähler angerufen, an den Abenden viele hundert persönlich besucht und Dutzende andere Freiwillige instruiert, wie sie die Obama-Botschaft rasch am Telefon und an der Haustür absetzen. Unser Einsatz und der einer Million weiterer Wahlkampfhelfer im ganzen Land ist von Erfolg gekrönt: Barack Obama ist der neue Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika.
Wie war das möglich? Das fragten wir uns verdutzt bei der rauschartigen Wahlparty, die bis in die Morgenstunden dauerte. Selbst die US-Bürger konnten es nicht fassen: ein multikultureller Afroamerikaner ohne politische Hausmacht, der Bushs Republikaner und die Clinton-Dynastie beiseite wischte, ohne ein richtiges Programm zu haben, einfach mit »Hope for Change«. Der Krieg im Irak und in Afghanistan, die Wirtschaftskrise, die ungelösten Energie- und Umweltfragen: Mit Charisma und Rhetorik allein hätte Obama seine politischen Gegner nicht kleingekriegt. Auch das Internet, das seine Mannschaft so meisterhaft einsetzte und das die Kampagne mit einem Geldregen von 600 Millionen Dollar an Kleinspenden segnete, taugte allein nicht, um den kometenhaften Aufstieg dieses Außenseiters zum mächtigsten Mann der Welt zu erklären.