Zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert kam es in Nordamerika zu spektakulären Entführungsfällen. Die Opfer waren weiße Frauen, die Täter Krieger der noch frei lebenden Indianerstämme – ein Stoff, der Legenden, Fantasien und Propaganda freien Lauf ließ.
Christoph Kolumbus erreichte 1492 Amerika. Einen neuen Seeweg nach Indien – den eigentlichen Grund für seine Reise – hatte er jedoch nicht gefunden. Dennoch blieben die Spanier in der Neuen Welt. Sie eroberten weite Teile Zentralamerikas und Mexikos und zerstörten die Reiche der Inkas und Azteken. Die Ureinwohner Nordamerikas, die das Land als Erste besiedelt hatten, blieben vorerst von den Eroberern verschont. Noch gab es niemanden, der sie »Rothaut« nannte, und auch der Begriff »Indianer« war noch nicht geläufig. Sie sahen sich als Angehörige ihrer jeweiligen Stämme – Cheyenne, Shawnee, Crow, Sioux, Apache und viele mehr. Und sie unterschieden sich kulturell erheblich voneinander. Ihre Sprachen waren so unterschiedlich, dass sich die Stämme nur mühsam verständigen konnten, weswegen sie eine interkulturelle Zeichensprache entwickelten.
Ihre Lebensweise war entweder sesshaft, nomadisch oder halbnomadisch. Die Organisation innerhalb der Stämme konnte demokratisch sein, mit Ältesten- und Stammesrat, oder diktatorisch – mit nur einem Häuptling, der die alleinige Macht innehatte. Kriege und kleinere Scharmützel unter benachbarten Stämmen waren gang und gäbe. Immer wieder kam es zu Raubzügen, bei denen Vorräte, Waffen, Werkzeuge und anderes erbeutet wurden. Auch Gefangene waren eine beliebte Beute – Männer, Frauen und Kinder. Sie wurden manchmal als Sklaven eingesetzt. Wesentlich öfter mussten die Gefangenen jedoch verstorbene Stammesmitglieder ersetzen. Im Glauben der Indianer traten sie dann an die Stelle der Toten und übernahmen deren Funktion in der Gemeinschaft und in der Familie.