Um 400 n. Chr. sorgte sie als Mathematikerin, Astronomin und Philosophin für Aufsehen. Doch die Zeit ihrer alten Götter war vorbei – und die Christen hatten Angst vor der Power-Frau.
Wenn das Gespräch auf herausragende Frauen der Antike oder der Bibel kommt, spricht man meist von den großen Verführerinnen wie Kleopatra, Salome und Judith. Die ägyptische Königin lockte die beiden mächtigsten Römer ihrer Zeit ins Bett – erst Gaius Julius Caesar und dann Marcus Antonius; die jüdische Prinzessin Salome becircte ihren Stiefvater Herodes Antipas und erhielt dafür den Kopf von Johannes dem Täufer; und Judith, eine fromme Israelitin, rettete ihre belagerte Heimat, indem sie den assyrischen Feldherrn Holofernes zunächst betörte – und, als er betrunken war, enthauptete. Alle drei haben einen festen Platz in der Geschichte.
Doch es gab auch Frauen, die andere Waffen einsetzten, um einen Platz in der Gesellschaft zu erringen und zu behaupten. Aber diese Frauen erwähnt die Geschichtsschreibung, wenn überhaupt, nur am Rande, nach dem Motto: Bettgeschichten sind interessanter als wissenschaftliche Abhandlungen. Oft stimmt das ja auch. Eine Frau, die zu erwähnen sich aber durchaus lohnt, ist die Griechin Hypatia von Alexandria (um 370–415). Sie war Mathematikerin, Astronomin und Philosophin. Zeitgenossen rühmten sie als »leuchtenden Stern der Wissenschaft«. Sie war schön, gebildet, einflussreich – und unverheiratet. Heute wäre sie wahrscheinlich Professorin an einer weltberühmten Universität, vielleicht auch Chefin eines weltumspannenden Großkonzerns. Mit Sicherheit aber wäre sie eine Ikone der Frauenbewegung.
Hypatias Vater Theon, Mathematiker und Astronom, gehörte dem Museion von Alexandria als Gelehrter an. Vielleicht war er sogar dessen Leiter. Dieses Museion, in dem Philosophie gelehrt wurde, gehörte zur damals berühmtesten Bibliothek der Welt und ist einer heutigen Akademie vergleichbar. Theon muss ein moderner Mann gewesen sein.