Das Klonen von Menschen zum Zweck der Fortpflanzung: Dieses Tabu wurde am 14. März 2003 gebrochen – von einem Mediziner, der jetzt gegenüber P.M. sein Schweigen gebrochen hat. Unser Bericht zeigt: Der biotechnische Fortschritt ist juristisch nicht aufzuhalten.
Am Morgen des 14. März 2003 macht sich Karl Oskar Illmensee auf den Weg, einen Menschen zu klonen. Der Frühaufsteher, der gedankenversunken die Straße entlangspaziert, gilt als einer der renommiertesten Embryologen der Welt. Sein Ziel ist ein Labor an einem geheimen Ort. Gegen sieben Uhr beginnt Illmensee hier, wie er mir vier Jahre später in einem langen Interview sagen wird, das Experiment vorzubereiten, das die Welt verändern wird.
Immer wieder haben Forscher behauptet, sie könnten Menschen klonen: Ein greiser Physiker aus Chicago, der umstrittene italienische Reproduktionsmediziner Severino Antinori und die UFO-gläubige Sekte der Raelianer. Sie alle haben sich als »Sprücheklopfer« erwiesen, sagt der Stammzellforscher Hans Schöler vom Max-Planck-Institut für molekulare Biomedizin in Münster. Illmensee jedoch sei ein »ganz anderes Kaliber«. Lange wurden dem heute 68-Jährigen in Fachkreisen »begnadete Hände« nachgesagt. Es soll ihm sogar gelungen sein, als Erster ein Säugetier zu klonen – 16 Jahre vor »Dolly« . Dann wurden ihm Fälschungen vorgeworfen, und er fiel in Ungnade. Seitdem schweigt der inzwischen pensionierte Forscher. Auch über seine Versuche, Menschen zu klonen, hat er kein öffentliches Wort verloren.
Doch jetzt sitzt er mir am steinigen Strand von Patras, der drittgrößten Stadt Griechenlands, auf einem Plastikstuhl gegenüber und bricht zum ersten Mal sein Schweigen. Hinter ihm plätschert das türkisblaue Meer zwischen Peloponnes und Balkan. Ab und zu nippt er an seiner Diät-Cola und plaudert: über das Klonen und über sein Leben – was allerdings nicht voneinander zu trennen ist. Nur die Bewegungen sei ner Beine und Hände verraten Nervosität, als er spricht. Von Triumph und Niederlage, von Hochmut und tiefem Fall.