Kulturgeschichte Baumwolle Das flockige weisse Gold
Jeder kennt es, jeder hat es. Manche lieben es vom teuren Designer, andere bevorzugen die zerrissene Punk-Version. Es dient als Unterhemd, als Schlafanzug, als Werbeträger und am Ende seiner Laufbahn nicht selten als Allzwecklappen: das T-Shirt. Es wird aus Jerseystoff genäht, der seinerseits aus reiner Baumwolle hergestellt wird. Bevor der Allrounder seinen Siegeszug durch die Modewelt antrat, hatte die Baumwolle schon viele Hundert Jahre ihre Vormachtstellung in der Bekleidungsindustrie behauptet.
Wann und von wem das T-Shirt einst erfunden wurde, lässt sich heute nicht mehr rekonstruieren.
Manche behaupten, englische Seefahrer mussten Ärmel an ihre Unterhemden nähen, damit die königliche Familie vom Anblick der Achselhaare verschont bliebe. Oder kommt das T-förmige Hemdchen doch aus Amerika? Schließlich waren es die GIs, die es nach dem 2. Weltkrieg auch in Deutschland populär machten.
Fest steht hingegen, dass der Grundstoff des T-Shirts, die Baumwolle, mit knapp sechzig Prozent Marktanteil weltweit auch heute noch das wichtigste Material in der Textilproduktion ist. Ein Blick in den Kleiderschrank bestätigt: Neben einigen Pullovern aus Wolle, ein paar synthetischen Stoffen und einzelnen Stücken aus Leinen oder Seide besteht das meiste aus Baumwolle: Unterwäsche, Hosen, Hemden, Jacken, Bettwäsche, Handtücher und natürlich T-Shirts. Die Baumwolle – lateinischer Name: Gossypium – kann aus zahllosen Garnqualitäten zu so vielen Stoffen verwebt werden, dass man schnell den Überblick verliert: Biber, Fein- und Doppelripp, Frottee, Oxford, Batist, Gabardine, Kretonne, Denim, Samt, Cord, Finette, Nessel, Damast und Renforcé sind nur ein paar Beispiele aus der langen Liste. Der Erfolg der Baumwollstoffe ist nicht verwunderlich: Sie sind angenehm auf der Haut, gut zu färben und leicht zu verarbeiten. Und ein T-Shirt aus Baumwolle verkraftet eine ganze Menge Schweiß: Bis zu zwanzig Prozent seines Eigengewichts kann der Stoff dank seiner hohlen Fasern an Feuchtigkeit aufnehmen, ohne sich nass anzufühlen. Rund um die Erde beliebt, gedeiht Gossypium in tropischen und subtropischen Gebieten. Achtzig Millionen Ballen à 200 Kilogramm, also 16 Millionen Tonnen, werden jährlich produziert, vor allem in China, Usbekistan und Indien.
Der wichtige Rohstoff hat die Geschichte der Menschheit auf allen Kontinenten beeinflusst. Eine Reise durch die historische Entwicklung der Baumwolle beginnt in der Alten Welt auf dem indischen Subkontinent. Etwa 3000 vor Christus hatte sich am Indus, in den Städten Mohenjo Daro und Harappa, eine erstaunliche Zivilisation entwickelt, deren Bewohner archäologischen Funden zufolge bereits mit der Baumwollpflanze und deren Nutzung vertraut waren. Die Kunst verbreitete sich nach und nach über den gesamten Subkontinent und die Stoffe als wichtiges Handelsgut in alle Himmelsrichtungen. Griechen, Römer und Ägypter lernten das weiche Material kennen. Der griechische Philosoph Herodot schrieb verwundert: »In Indien gibt es eine Pflanze, die anstatt einer Frucht Wolle produziert.«
Historischen Berichten zufolge präsentierte sich der chinesische Kaiser Ou-ti vor etwa 1300 Jahren bei seiner Krönung in einem Gewand aus einem völlig neuen Material – Baumwolle. Die Perser brachten Baumwollstoffe nach Nordafrika, Sizilien und Südspanien, und von dort aus traten sie ihren Siegeszug durch Zentraleuropa an. Das englische Wort »cotton« ist übrigens von der arabischen Bezeichnung »qutun« abgeleitet. Anbau, Weberei und Färbung der Baumwolle blieben fest in indischer Hand, bis im 13. Jahrhundert Handwerker aus Konstantinopel diese Kunst erlernten und weitertrugen.
Als emsiges Händlervolk transportierten später die Briten Baumwolle über die Weltmeere. Königin Elisabeth I. hatte bereits im Jahre 1600 der späteren »East India Company« das Monopol auf den Handel mit Indien zugesprochen, in dem die Baumwolle eine herausragende Rolle spielte. Indien war bis zum Ende des 18. Jahrhunderts Marktführer und wichtigster Lieferant für Baumwolle.
Problematisch wurden die Beziehungen mit Großbritannien für das indische Volk, als im Rahmen der Industrialisierung in England Maschinen zum Spinnen und Weben entwickelt wurden. Sprunghaft stieg der Bedarf an Rohbaumwolle an. Indische Kleinbetriebe gingen unter dem Druck der billigen großen Konkurrenten zu Grunde. Im Jahre 1818 gelang es den Engländern, Indien zu unterwerfen. Das Land wurde zur britischen Kolonie, und die neuen Herren hatten die Hoheit über das »weiße Gold«. Indien verkümmerte vom Hersteller kostbarer Baumwollstoffe zum reinen Lieferanten von Rohbaumwolle für die europäische Industrie.
In dieser Zeit erwachte der Widerstand gegen die koloniale Ausbeutung, später angeführt von Mahatma Gandhi.
Der charismatische Pazifist rief unter anderem zum Boykott der billigen Importstoffe auf. Er appellierte an die Menschen in Indien, sich wieder auf die eigene Identität zu besinnen und selbst gesponnene Baumwolle, also »homespun«, zu tragen. Letztendlich brach Gandhi mit passivem Widerstand der Kolonialregierung das Genick: 1947 verließen die Briten den Subkontinent.
Für die Staaten Indien und Pakistan ist Rohbaumwolle bis heute eines der wichtigsten Exportgüter geblieben. Leider basiert der Anbau von »king crop« immer noch auf der Ausbeutung einfacher Bauern. Sie haben mit Dürre und ausgelaugten Böden zu kämpfen. Teuer gekaufte Düngemittel und Pestizide mildern diese Missstände kaum und stürzen die Bauern in finanzielle Abhängigkeit. Der Segen Baumwolle wurde und wird den Indern immer wieder zum Verhängnis.
Weiter westlich, in Zent-ralasien, ist die Baumwolle an der Entstehung einer handfes-ten Umweltkatastrophe beteiligt: Der Aralsee trocknet aus. Schon im 19. Jahrhundert wurde in der Region die Baumwolle für das Zarenreich angebaut. Zu Sowjetzeiten kamen die Hemden der Brigaden aus der Steppe um den Aralsee.
In den 1920er Jahren wurde die Landwirtschaft dort auf Baumwoll- Monokulturen mit großflächiger Bewässerung umgestellt. Während 1913 etwa zwei Millionen Hektar landwirtschaftlich genutzt und bewässert wurden, waren es in den 1960er Jahren schon 4,5 Millionen Hektar. Diesen Eingriff konnte die Natur noch verkraften. Doch dann be-gannen die sowjetischen Landwirtschaftsbetriebe, die trockene Steppe im großen Stil mit Kanälen zu durchziehen. Heute werden mehr als acht Millionen Hektar des dürren Landes bewässert, um die Bevölkerung der neuen GUS-Republiken mit den ersehnten T-Shirts, den Symbolen für Freiheit und westlichen Lebensstil, zu versorgen. Den Flüssen Amu Darya und Syr Darya wird das Wasser für die Felder entzogen. Die Ströme, die früher den Aralsee speis-ten, kommen nur noch als klägliche Rinnsale am Ziel an. Einst war der See mit 70000 Quadratkilometern das viertgrößte Binnengewässer der Erde. Heute misst er noch 30000 Quadratkilometer, umschlossen von einem salzigen Wüstenring.