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P.M. Magazin 08/2006
Falten
Kein Grund geknickt zu sein

Man hat uns eingeredet, in Gesichtsfalten ein Problem zu sehen. Wir können uns davon einschüchtern lassen und uns unters Messer legen – oder wir ändern unsere Einstellung zu den Falten: Das große Knittern findet nämlich nicht nur in unserer Haut statt, sondern überall in der Natur. Vom Himalaja bis zur DNA – alles gefaltet. Forscher wollen dieses universale Bauprinzip jetzt enträtseln: Wer die Falte versteht, hat den Schlüssel zu bahnbrechenden Innovationen in Händen.

Einige graben sich tief in die Haut ein, andere wirken wie fein aufgetragene Bleistiftstriche. Einige sind wie mit dem Lineal gezogen, andere legen sich kühn in die Kurve. Wenn ich vor dem Spiegel Grimassen schneide, scheine ich diese Topografie, die mein Gesicht ist, vollkommen zu beherrschen. Schaue ich wieder normal, wird mir klar, dass ich in Wahrheit die Herrschaft über mein Gesicht gar nicht mehr habe: Das Leben hat darin seine Spuren hinterlassen. Und das heißt vor allem: Falten. Da ich nicht unters Messer will, werde ich sie als ständige Begleiter akzeptieren müssen.

Das kommt aber nicht von allein – die Falten im eigenen Antlitz zu akzeptieren will gelernt sein. Da hat jeder so seine Methode. Ich zum Beispiel sage meinem Spiegel bei jedem Kontrollgang ins Gesicht: Ich bin ja nicht allein mit meinen Hautfurchen – irgendwann beginnt der Faltenwurf bei jedem. Und wenn mein Spiegel gut drauf ist, gibt er mir zurück: »Stimmt, davon können wir Spiegel ein Lied singen. Und außerdem: Weißt du denn nicht, dass es Falten nicht nur in eurer Haut gibt, sondern praktisch überall auf der Welt? Fast nichts ist ohne Falte – wenn du genau hinschaust!«

Macht er geschickt, mein Spiegel. Will mich trösten, indem er runterbetet, was auf diesem Globus noch so alles in Falten liegt außer meinem Gesicht. Röcke und Servietten zum Beispiel: Hat man denen je Vorwürfe gemacht wegen ihrer Falten? Die Flügel der Heuschrecken oder unsere Großhirnrinde: Auch hier herrscht das Prinzip Falte. Ganz zu schweigen von den Gebirgen: Sie sind der erhabenste Ausdruck des allumfassenden Knitterns. Ob die gigantischen tektonischen Platten des Erdmantels beim Aufeinanderkrachen den San-Andreas-Graben in Kalifornien formen oder den majestätischen Himalaja in Asien: Stets wird hier mit Urgewalt gefaltet. Mit mehr Zartgefühl, aber derselben Methode geht die Natur im Mikrokomos vor. Der DNA-Strang im Kern jeder Körperzelle – gefaltet. Die Eiweißmoleküle in unserem Körper – gefaltet. Falten, wohin man guckt.

Autor(in): Manon Baukhage

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»Eyeglass« – Faltbare Teleskoplinse

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