Das japanische Aikido gilt als die vollkommenste Form aller Kampfkünste. Doch sein Geheimnis sind nicht die raffinierten Techniken. Hinter Aikido steht eine überraschende Idee: Dein Gegner ist nie dein Feind! Wer das verstanden hat, wird immer weniger kämpfen müssen – egal, wo und mit wem.
Die Beamten eines Spezialkommandos in Tokio waren die ersten Polizisten, die Aikido lernten. Monatelang trainierten sie die Kampfkunst, die so gefährlich ist, dass Wettkämpfe verboten sind, weil es dabei Tote geben könnte. Dann rief der Meister seine Schüler zusammen und sagte: »Jetzt beherrscht ihr die Grundbegriffe von Aikido. Aber die Kunst ist es nicht, Aikido anzuwenden. Die Kunst ist es, Aikido niemals zu benötigen.«
Die japanischen Polizisten setzten ein Pokerface auf – sie wollten nicht zeigen, dass sie eigentlich nicht begriffen hatten, um was es ging. »Ich erzähle euch eine kleine Geschichte«, fuhr der Meister fort, »und ihr werdet verstehen, was ich meine.« Dann berichtete er von einem anderen Aikido-Meister, der in einer üblen Kaschemme von drei aggressiven Männern belästigt wurde. Sie provozierten ihn, und er hätte sie jederzeit mithilfe seiner Techniken meterweit durch die Luft schleudern, ausschalten und demütigen können. Aber der Meister machte etwas ganz anderes. Als zufällig eine Fliege vorbeisurrte, nahm er blitzschnell seine Essstäbchen und tötete das Insekt mit einer kaum sichtbaren Bewegung in der Luft. Die drei Männer brauchten etwas, um sich von ihrer Überraschung zu erholen – dann machten sie sich unauffällig aus dem Staub.
Die Polizisten nickten. Jetzt hatten sie verstanden, was der Meister ihnen sagen wollte. Er sprach von dem, was Polizeipsychologen »Tit-for-Tat«-Strategie nennen (»Wie du mir, so ich dir«): Dem anderen durch sprachliche oder nicht-sprachliche Signale deutlich zeigen, dass man Frieden möchte, aber feindseliges Verhalten nicht akzeptiert – und dass man, wenn das feindselige Verhalten anhält, über Mittel verfügt, ihm schnell und effektiv zu begegnen.