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P.M. Magazin 03/2006
Medizin
Schluss mit dem Gesundheitsterror

Auf der einen Seite unsere Sehnsucht nach einem langen Leben. Auf der anderen eine geschäftstüchtige Medizin-Industrie. So ist ein völlig neues Phänomen entstanden: Gesundheit ist zur Religion geworden. Aber diese Religion setzt ihre Gläubigen unter Druck und macht sie krank. Welches sind die Tricks der Gesundheits-Lobby? Und wie können wir uns wehren?

Haben Sie ein reines Gewissen? Sind Sie sicher, dass Sie heute wirklich alles für Ihre Gesundheit getan haben? Sind Sie ausreichend gejoggt, selbstverständlich nach vorschriftsmäßigem Aufwärmen und Stretching? Haben Sie dabei den Puls kontrolliert? War nicht der Blutdruck nach dem Aufwachen etwas zu hoch? Musste das zusätzliche Knäckebrot beim Frühstück unbedingt noch sein? Haben Sie auch Ihre tägliche Ration an Vitaminpillen und den cholesterinsenkenden Fitnessdrink nicht vergessen? Enthielt die Fischmahlzeit am Mittag die richtigen Omega-3-Fettsäuren? Das Gläschen Weißwein – war es wirklich notwendig? Und Hand aufs Herz: Zeigte die Waage nicht ein paar Gramm mehr an als gestern?

Für das höchste Gut, die Gesundheit, ist uns keine Mühsal zu groß. Denn die Belohnung für alle Entbehrungen ist ein langes, gesundes Leben. Wirklich?

Das oberste Gebot für die Aufnahme in den strengen Orden der Gesundheitsapostel ist die schlanke Linie: Du sollst kein Übergewicht haben, und wenn doch, sollst du es mit allen Mitteln bekämpfen. Aber wie vorgehen? Bis vor kurzem galt Fett mit seinen neun Kalorien pro Gramm als das Böse schlechthin – verschrien als Hauptverursacher von Übergewicht und Herz-Kreislauf-Krankheiten. Also schworen wir der Schweinshaxe und der Sahnetorte ab und begnügten uns mit Pasta, Reis und Brot. Bereitwillig nahm die Nahrungsmittelindustrie die Low-Fett-Lehre an und beglückte uns mit entfetteter Leberwurst, LightkäseSchöpfungen und Magermilchjoghurt-Kreationen. Doch der Erfolg ist – langfristig – ausgeblieben.

»Was ist, wenn alles nur eine dicke fette Lüge war?«, titelte die New York Times am 7. Juli 2002, denn maßgebliche Studien hatten ergeben, dass fettarme Kost auch nichts Wesentliches gegen das Übergewicht ausrichten kann. Nach zwanzig Jahren Fett-Verteufelung geriet das Dogma ins Wanken. Immer mehr Fachleute vertreten jetzt die Meinung, dass die Fettspar-Empfehlungen ebenso wirkungslos wie falsch waren. Denn wie sich herausstellte, waren es in den westlichen Gesellschaften nicht etwa die renitenten Fett-Konsumenten, die häufiger unter Herzbeschwerden litten – sondern die Folgsamen, die hauptsächlich Kohlenhydrate aßen. Noch bevor unser Gehirn die volle Brutalität der Erkenntnis, dass Fett gar nicht so schädlich ist, akzeptieren konnte, wurde bereits ein neuer Feind ausgemacht: Diesmal waren es die eben noch heilig gesprochenen Kohlenhydrate – und die konnte man natürlich nur vermeiden, indem man fleißig »Low-Carb«-Produkte kaufte.

Autor(in): Marianne Oertl

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