Um in Ekstase zu geraten, schlucken sie giftige Pilze und tanzen zum Rhythmus der Trommeln stundenlang vor dem Feuer. In Trance begegnen die Schamanen Dämonen und Geistern. Vor Jahrtausenden dienten sie ihrem Stamm als Magier der Jagd, am Hof Dschingis Khans waren sie weise Ratgeber – und noch heute wirken sie als Heiler, Traumdeuter und Wahrsager.
Liebe Leser, darf ich Sie für einige Minuten in eine fremde Welt entführen, in eine Welt voller Götter und Geister, eine Welt, in der alles beseelt ist – gleichgültig, ob Mensch, Tier, Baum, Fluss oder Stein? Die Rede ist nicht von einer Märchenwelt. Die Welt, die wir besuchen, ist für viele Menschen, die heute unter uns leben, so wirklich und unmittelbar wie unsere eigene.
Dennoch wagen sich die meisten, die an diese Welt glauben, ungern in dieses Reich. Denn diese Region der Geister soll für Unerfahrene höchst gefährlich sein. Die Geister, die dieses Paralleluniversum bewohnen, können nämlich unberechenbar sein, insbesondere, wenn sich ein Reisender mit den dortigen Gepflogenheiten nicht auskennt. Wer Pech hat, kehrt aus dieser Welt nie wieder lebend zurück. So sagt man jedenfalls. In den Kultkreisen, die von der Existenz dieser zweiten, unsichtbaren Wirklichkeit überzeugt sind, verkehrt man aus diesem Grund mit Experten, die darauf vorbereitet sind, dieses Schattenreich zu bereisen und heil aus ihm wieder zurückzukehren.
Die Wissenschaftler nennen solche Spezialisten »Schamanen«. Dieses Wort stammt aus der Sprache der Tungusen, eines der vielen Nomadenvölker, die die weite Steppe Sibiriens bewohnen. »Schamán« bedeutet im Tungusischen wörtlich »der Wissende«. Natürlich bezieht sich dieses Wissen der Schamanen auf seine Kenntnisse über die Geisterwelt. Früher benutzten Völkerkundler die Bezeichnung »Schamane« ausschließlich, um das Tätigkeitsfeld der Seelenreisenden Sibiriens und der Mongolei zu beschreiben. Denn das sind verwandte Völkergruppen aus der gleichen Ecke der Erde. Tatsache ist jedoch: Der Schamanismus ist auf dem ganzen Planeten anzutreffen. Man findet ihn in Australien, Nordamerika, Südamerika, Lappland, Japan, Taiwan und in Afrika. Den gefährlichen Beruf des Schamanen üben übrigens Männer und Frauen gleichermaßen aus.
Die Berufung zum Magier kündigt sich oft durch eine schwere Krankheit an
Die meisten Schamanen, so weiß man aus Interviews, haben sich diesen Beruf nicht freiwillig ausgesucht.