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P.M. Magazin 06/2001
Farbpsychologie & Chemie
Lila. Wie eine Farbe die Welt verändert hat

Der Siegeszug der Farbe Lila beginnt mit einem neugierigen englischen Schüler an der City of London School – und der Gasbeleuchtung in der Oxford Street. Der 13-jährige William Perkin begeisterte sich 1851 derart für das Zusatzfach Chemie, dass er seinen Vater überredete, für den Unterricht zusätzliche sieben Shilling pro Halbjahr zu spendieren – er selbst steuerte den Rest bei, indem er auf das Mittagessen verzichtete. Die wenigen freien Abendstunden, die er sich gönnte, verbrachte er häufig mit Spaziergängen in der Oxford Street, wo ihn die neuartigen Gaslaternen faszinierten, in deren Glanz jetzt ganz London erstrahlte. Von seinen Studien wusste er bereits, dass das Gas für die Straßenbeleuchtung durch die Destillation von Kohle gewonnen wurde – eine Erfindung, die in Forscherkreisen damals einen wahren Boom der Kohlechemie auslöste. Auch Williams Herz schlug höher: Wenn man aus Kohle Gas machen konnte – was barg dieser Stoff noch an Geheimnissen? Dieser Frage ging er in unzähligen Experimenten nach – und die Antwort, die er fand, sollte ihn fünf Jahre später reich machen. Die Antwort lautete: Aus Kohle kann man Farbe gewinnen. Bei der Oxidation von aus Steinkohleteer gewonnenem Anilin trat zu Perkins großer Verblüffung ein purpurvioletter Farbstoff hervor, den er Mauvein, bzw. Anilinpurpur nannte – heute sagen wir dazu Lila, Violett, Mauve, Magenta, Aubergine oder Framboise. Eigentlich war es nichts Besonderes, dass Chemiker auf eine neue Farbe stießen – das gab es fast jede Woche und wurde als belangloser Nebeneffekt ihrer »eigentlichen« Arbeit abgetan. Die Färber interessierten sich kaum für solche Fortschritte: Sie verarbeiteten lieber die bewährten Naturfarben. Aber das war ein teures und mühsames Geschäft. Ob für Kleidung, Malerei oder Druck – jegliche Farbe musste aufwändig aus Tieren, Mineralien und Pflanzen, aus Insekten und Mollusken, aus Wurzeln und Blättern gewonnen werden. Der Ertrag war eher gering, ebenso die Farbvielfalt: Die Textilhersteller mussten die Farben verwenden, die in den Küpen, den Kesseln der Färber, gerade vorhanden waren. Farbmoden wurden weniger vom Geschmack bestimmt als von der Menge der Rohstoffe. Was also war so bedeutend an Perkins Entdeckung? Nicht allein, dass sein Farbstoff sich in beliebigen Mengen herstellen ließ – er war auch von gleich bleibender Färbekraft und bestechender Farbechtheit: Das Lila blieb leuchtend und intensiv, selbst als Perkin ein gefärbtes Tuch wusch und längere Zeit dem Licht aussetzte! Hinzu kam: Lila war der intensivste Farbstoff, den die Färber und Kattundrucker je gesehen hatten. Ein Pfund konnte 200 Pfund Baum wolle färben – eine erstaunliche Ergiebigkeit. Last but not least: Der Farbton war in der Textilherstellung einzigartig, völlig neu. Aber genau das machte Perkin Sorgen: Inzwischen zum angesehenen Wissenschaftler avanciert, wollte er als Erster seiner Zunft eine Erfindung auch kommerziell verwerten – aber würde es überhaupt einen Markt für die massenhafte Produktion des Farbstoffs Lila geben? Wie würden die Färber auf dieses völlig neue Mittel reagieren? Und würde die Gesellschaft Lila akzeptieren? Darüber hinaus galt es noch andere Hindernisse zu überwinden, die auch »Startups« von heute nur allzu gut kennen: Perkin hatte nicht genügend Kapital und keinen Standort für eine Fabrik. Außerdem fehlte den Färbern noch das »Knowhow« für industrielle Färbeverfahren. Doch im Dezember 1857 waren die Anfangsschwierigkeiten überwunden: Die ersten Seidenstoffe wurden in Mauvein getaucht, und das British Colour Council gab dem neuen Farbton im Farbenindex die Nummer 225. Allerdings liefen die Geschäfte auch jetzt noch nicht besonders gut – die Mehrheit der traditionellen Färber reagierte allzu zögerlich. Dann aber geschahen zwei Dinge, die Perkins Leben veränderten. Queen Victoria trug die Farbe Mauve (französisch für »Malve«) zur Hochzeit ihrer Tochter, und auch die französische Kaiserin Eugénie, die einflussreichste Frau in der Welt der Mode, orderte Garderobe in dieser Farbe: Sie meinte, dass Mauve zur Farbe ihrer Augen passe. Diese beiden »Trendsetter« lösten ein wahres Mauve-Fieber in der Damenwelt Europas aus. Auch nach Deutschland schwappte die Welle über; hier nannte man die Farbe Anilinviolett, nach dem Lila-Grundstoff Anilin.

Unterstützt wurde die Mauve Bewegung durch eine andere Modeerscheinung, die Ende 1856 erstmals auf den Straßen von London und Paris gesichtet wurde: die Krinoline, den victorianischen Reifrock. Sein eingearbeiteter »Eisenkäfig« machte aus dem Rock geradezu ein Zelt — der ideale Werbeträger für die neue Farbe, die man jetzt einfach nicht übersehen konnte. 1859, als Krinolinenkleider den größten Umfang erreichten und aus bis zu vier übereinander getragenen Röcken sowie unzähligen Borten bestanden, brauchte man zig Meter gefärbten Stoff für ein einziges Exemplar. Die Farbenhersteller konnten ihr Glück gar nicht fassen: Ihre Auftragsbücher wurden dicker und dicker. Und Perkin kam zu ungeahntem Reichtum. Doch der Boom dauerte nur zehn Jahre. 1869 war Mauve fast vergessen, nur noch per Brief reiste es um die Welt – auf der violett kolorierten englischen Half-Penny, Penny und Six-Pence Marke. Perkin hatte das Ende des Mauve-Fiebers vorausgeahnt und sich rechtzeitig neu orientiert: Die Chemiker konnten inzwischen die Stoffe, die aus dem Steinkohleteer gewonnen wurden, aufbrechen – das Ergebnis war ein dunkelöliges Derivat, aus dem Perkin künstliches Kumarin herstellte. Dieser erste künstliche Duftstoff spielte eine große Rolle bei der Parfümierung von Seifen, Waschmitteln, Lebensmitteln und Tabak. Damit begann die Farbe Lila ihren zweiten Siegeszug. Denn zunehmend stellte sich heraus, dass man mit dem Mauvein viel mehr anstellen konnte, als nur Kleiderstoffe färben und Seifen parfümieren – auch in der Medizin, beim Militär und in der Kunst entdeckte man bald seinen Nutzen. Heute wissen wir: Keine andere Farbe hat unsere Welt so verändert wie Lila. Bereits 1860 wurden erstmals Körperzellen lila gefärbt, um Gewebeproben unter dem Mikroskop besser analysieren zu können. Dem Berliner Chemiker Robert Koch gelang durch die Färbung eine medizinische Sensation: Mithilfe der Anilinfarbe Methylenblau entdeckte er im Gewebe von Kranken den winzigen stäbchenförmigen Tuberkulose Bazillus. »Wichtige Fortschritte in der Medizin hätten sich ohne Perkins Leistungen um bis zu eine Generation verzögert«, urteilt Frank L. Rose, Forschungsdirektor von IC Pharmaceuticals/ USA. Tatsächlich mittels GenTest zu überführen.

Autor(in): Manon Baukhage

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