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Ödipus
Zwischen Vatermord und Inzest
Dieser Artikel stammt aus P.M. HISTORY
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Die Geschichte liest sich wie ein Polizeibericht. Da setzen Eltern ein Kind aus, und es wird von anderen als eigener Sohn erzogen. Dann erschlägt dieser Sohn ahnungslos seinen leiblichen Vater. Und schließlich schläft er, ebenfalls ahnungslos, mit seiner leiblichen Mutter und zeugt mit ihr vier Kinder. Verhältnisse sind das, wie man sie eigentlich nur als kriminell bezeichnen kann. Doch in unserem Fall handelt es sich nicht um Kriminelle. Das ausgesetzte Kind trägt den Namen Ödipus und ist eine zentrale Figur der griechischen Mythologie, jenes gewaltigen Gebäudes aus religiösen Glaubenszügen und den Elementen einer Sagenwelt, in dem nie die Linien klar gezogen sind, wo der Glaube aufhört und die dichterische Fantasie anfängt. Der Mythos von Ödipus enthält alle Schrecklichkeiten und Grausamkeiten, deren der Mensch fähig ist. Er hat, wie anzunehmen ist, auch einen realen Kern, der freilich schon in altgriechischer Zeit im Dunkel der Vergangenheit versunken war.
Ödipus wird zu den Heroen gezählt, jener Gruppe von Wesen, die zwischen den Göttern und den Menschen angesiedelt sind. So erscheint es ganz natürlich, dass ihr Handeln so menschlich wirkt, auch wenn es noch so extrem ist. Den Griechen erschien dieses Verhalten als ein übersteigertes Sinnbild für menschliche Verhaltensweisen. Im Falle von Ödipus wirkt eine solche Interpretation bis in unsere Zeit: Bekanntlich hat Sigmund Freud (1856–1939) die Gefühle von Liebe und Hass eines Kindes seinen Eltern gegen-über einschließlich Inzestwünschen in der frühen genitalen Phase als »Ödipuskomplex« definiert .
Dieser Ödipus war der Sohn von Laios, dem Herrscher von Theben in der böotischen Ebene, und seiner Gattin Iokaste. Laios galt den alten Griechen auch als der Erfinder der Knabenliebe. Weil er einst einen Knaben geraubt hatte, war er mit einem Fluch behaftet: Nie dürfe er einen Sohn zeugen, sonst werde er später von diesem getötet.
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