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Bodenschätze
Zeitbombe Phosphor
Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Dramatischer als der Klimawandel: In ungefähr 20 Jahren wird der Phosphat-Mineraldünger knapp – dann geht die Nahrungsmittelproduktion zurück. Studien sehen Hungersnöte und Kriege voraus.
Manchmal sind es kleine, von der Weltöffentlichkeit kaum bemerkte Geschichten, die uns einen Blick in unsere Zukunft ermöglichen. Ein solcher Moment ereignet sich im Juni 2008 in der indischen Südwest-Provinz Karnataka. In mehreren Städten haben sich Hunderte Bauern zusammengerottet. Sie blockieren die Hauptstraßen, setzen Busse in Brand, plündern Geschäfte und Lagerhäuser. Die Polizei attackiert den Mob mit Schlagstöcken und Tränengas. Schüsse fallen. Zwei Bauern werden getötet, Dutzende verletzt. Das Skurrile daran: Die Plünderer waren nicht auf der Suche nach Nahrung. Sie stahlen kein Geld, keine Wertgegenstände – sondern ganz gewöhnlichen Mineraldünger.
Spinnen die Inder? Ist die Polizei dort außergewöhnlich brutal? Warum riskieren Menschen ihr Leben für einen Sack Kunstdünger? Im Frühjahr 2010 ist eine Reihe wissenschaftlicher Studien erschienen, die eine Antwort auf diese Fragen liefern. Forschungen aus Schweden, Australien und den Vereinigten Staaten künden von einer Katastrophe, die jeden Menschen auf unserem Planeten betreffen dürfte. Die Wissenschaftler sprechen von irrwitzigen Preissprüngen auf den globalen Rohstoffmärkten, von grassierenden Massen-Unruhen und Hungersnöten, sogar Kriegen. Verantwortlich dafür ist ein einziges Element. Es trägt die Ordnungszahl 15 im Periodensystem und das chemische Symbol »P« – die Rede ist von einem Stoff namens Phosphor.
Um diese Geschichte zu verstehen, hilft eine kurze Erinnerung an das Schulfach Biologie. Phosphor, so konnte man dort lernen, findet sich in allen uns bekannten Lebewesen, in jedem biologischen Organismus. Auf den Feldern lässt er als Dünger deshalb Reis, Kaffee und Hirse gedeihen. Jede Alge, jeder Grashalm braucht Phosphor zum Wachsen. Doch auch jede Laus, jeder Lurch und jeder Spatz sind auf dieses Element angewiesen. Jeder Wal, jeder Löwe – und jeder Mensch. Phosphor stabilisiert Zellwände, bildet Knochen, transportiert Energie, ist ein unerlässliches Baumaterial unserer DNA. Alles, was lebt, muss Phosphor zu sich nehmen.
Und ein Ersatz für diesen Grundstoff ist im Plan der Natur nicht vorgesehen.
Phosphor ist das »Nadelöhr des Lebens«, schrieb der Biochemiker Isaac Asimov bereits 1959. Mithilfe einer einfachen mathematischen Formel kam Asimov damals zu der Überzeugung, dass uns dieses Element irgendwann ausgehen müsse. »Lebewesen können sich vermehren, bis der Phosphor vollständig verbraucht ist. Unerbittlich kommt dann das Ende, und niemand kann es verhindern.« Asimov schrieb ansonsten Bücher über Roboter, künstliche Gehirne, Raumschiffe und Ähnliches. Niemand nahm seine Prophezeiung ernst.
Wirklich verdenken kann man das Asimovs Zeitgenossen nicht. Nach dem Ende des 2. Weltkriegs hatten sie die »Green Revolution« erlebt, die Industrialisierung der Landwirtschaft. Bauern auf der ganzen Welt hatten damit begonnen, tonnenweise mineralischen Dünger auf ihre Felder zu kippen – der vor allem die Elemente Stickstoff, Kalium und Phosphor enthält. Seither übertrafen die Ernteerträge alles, was die Menschheit bis dahin gesehen hatte. Man sah Phosphor nicht als endlichen Rohstoff – sondern als Teil einer beispiellosen Erfolgsgeschichte.
Und heute? Seit dem Jahr 1900 hat sich die Weltbevölkerung mehr als vervierfacht. Ohne mineralische Düngung wäre es unmöglich, knapp sieben Milliarden Menschen zu ernähren. Die Hälfte dessen, was wir heute an Nahrungsmitteln produzieren, geht auf diese Düngung zurück, schätzen Experten. Die australische Umweltforscherin Dana Cordell findet dafür eine andere Formulierung: »Die Menschheit ist süchtig nach Phosphor.«
Ohne permanente Phosphat-Düngung würden die Erträge auf den Feldern unseres Planeten rapide zurückgehen – und das innerhalb kürzester Zeit. Abermillionen von Menschen würden ganz einfach verhungern. Unsere Spezies verhält sich wie ein Phosphor-Junkie. Und kein Methadon-Programm der Welt wird uns jemals wieder weg von der Nadel bringen.
Staub wirbelt auf über der steinigen Ödnis der westlichen Sahara. Mächtige Bagger schaufeln sich durchs knochentrockene Erdreich – eine karge Mondlandschaft unter der sengenden Sonne Afrikas. Die Phosphorminen von Bou Craa gehören zu den unwirtlichsten Orten der Erde. Ein schmutziger Vorposten der Zivilisation. Doch schon in wenigen Jahren könnte er zum wichtigsten Hotspot der Weltpolitik werden – umkämpfter als die Ölfelder am Persischen Golf. Denn auf diesem von Marokko beanspruchten Territorium lagert einer der größten und reichhaltigsten Vorräte an Phosphor.
Lediglich drei Länder – Marokko, China und die USA – kontrollieren heute mehr als zwei Drittel der globalen Phosphor-Förderung. So steht es in der neuesten Statistik des United States Geological Survey. »Machen Sie sich klar, dass Phosphor für uns so lebenswichtig geworden ist wie Trinkwasser«, erklärt Dana Cordell. »Doch wie sicher würden Sie sich fühlen, wenn nur drei Länder darüber entscheiden, ob Sie morgen noch sauberes Wasser bekommen?« Cordells US-Kollege David Vaccari geht sogar noch einen Schritt weiter. »Dieses Ungleichgewicht«, schreibt er, »macht den Phosphor zu einer geostrategischen Zeitbombe.«
Nicht allen Experten scheint das den Schlaf zu rauben. »Die Zugänglichkeit zu Phosphor stellt für die Zukunft – auch politisch – kein besonderes Risiko dar«, lautet eine Einschätzung des deutschen Industrieverbandes Agrar. Die Agrar-Weltmacht USA sieht die Sache weniger gelassen. Bereits in den 1970er Jahren bezeichnete eine US-Militärstudie Phosphat als »lebenswichtig für die nationale Sicherheit« und diskutierte mögliche Schritte, um »eine angemessene Versorgung« zu sichern. »Wir sollten dabei bedenken, dass viele dieser Rohstoffquellen außerhalb des NATO-Gebiets liegen«, heißt es dort. Die Autoren erwägen dabei ausdrücklich eine mögliche »militärische Lösung«, um die Quellen für Amerika offenzuhalten.
Im Sommer 2002 sprachen Vertreter der Bush-Regierung unverblümt davon, dass einige Rohstoffe auf dem afrikanischen Kontinent von »nationalem strategischem Interesse« für die USA seien. Folgt dem »Krieg um Öl« bald ein »Krieg um Phosphor«? Fest steht: Phosphor ist längst zum »strategischen Rohstoff« geworden. Einem Rohstoff, für den man notfalls Raketen in Stellung bringt und Flugzeugträger über Ozeane schickt.
Die USA wählten im Jahr 2004 allerdings eine preisgünstigere Methode, um an den wertvollen Dünger aus der Sahara zu kommen. Man schloss ein großzügiges Freihandelsabkommen mit Marokko. Das Pikante an der Sache: Weil Marokko seit den 1970er Jahren weite Teile der West-Sahara besetzt hält, diskutiert man bei den Vereinten Nationen immer wieder über mögliche Maßnahmen gegen den Maghreb-Staat. Doch werden die USA auch dann noch gegen Sanktionen stimmen, wenn Marokko den großen Phosphor-Deal eines Tages platzen lässt? Auf politischer Ebene hat der Kampf um den Rohstoff Phosphor jedenfalls längst begonnen.
Aber warum interessieren sich die USA überhaupt für ausländische Phosphor-Minen? Schließlich war man jahrzehntelang Produzent Nummer eins für den mineralischen Wunderdünger. »Unser Phosphor ernährt die Welt«, lautete der stolze Slogan der US-Industrie. Heute liefern die Minen von Jahr zu Jahr weniger Erträge. Bereits 2007 mussten US-Landwirte 14 Prozent des einst so reichlich vorhandenen Rohstoffs aus Marokko beziehen. Glaubt man neuesten Schätzungen, werden die USA in 25 Jahren über keine nennenswerten Phosphor-Ressourcen mehr verfügen.
Und wann sind die Phosphor-Vorräte unseres gesamten Planeten erschöpft? In 125 Jahren, wie Experten bis vor Kurzem glaubten? »Unsere Berechnungen zeigen, dass schon im Jahr 2030 die weltweite Nachfrage nach Phosphor das Angebot überholen dürfte«, sagt Dana Cordell. Ihre Dissertation mit dem Titel »The Story of Phosphorus« erschien im Februar 2010. Wenn Cordells Zahlen stimmen, dann wird der weltweite Phosphat-Abbau in 20 Jahren seinen Höhepunkt erreichen. Danach gibt es nur noch eine Richtung – und die weist bergab.
»Peak Oil« nannte man ein entsprechendes Szenario für den Erdöl-Markt. Sobald die Welt mehr Öl benötigt, als die versiegenden Quellen zu liefern imstande sind, so die Experten, wird es zu extremen Preisschwankungen kommen, zu Wirtschaftskrisen, Aufständen und blutigen Konflikten. »Genau das Gleiche dürfte bald mit dem Rohstoff Phosphor geschehen«, warnen jetzt mehrere Experten.
»Peak Phosphor ist das größte Problem«, sagt etwa der US-Biologe James Elser von der Arizona State University. »Wenn wir tatsächlich nur noch Zeit bis 2030 haben, dann werden die Konsequenzen viel dramatischer sein als alles, was wir derzeit etwa zum Thema Klimawandel diskutieren.« Denn einer immer weiter wachsenden Weltbevölkerung droht der Phosphor just in dem Augenblick auszugehen, in dem sie ihn am nötigsten braucht. Anders als beim Öl sind es dann aber nicht die Autos, denen das Futter fehlt. Sondern die Menschen selbst.
Die ersten Vorboten dieses apokalyptischen Szenarios erschütterten die Welt bereits im Juni 2008. Die Nachfrage nach mineralischem Dünger war in den Monaten zuvor stetig gestiegen. Dann verhängte China – der größte Player im internationalen Phosphor-Handel – einen Ausfuhrzoll von satten 135 Prozent. Der Markt reagierte hysterisch. Es kam zu Hamsterkäufen und waghalsigen Spekulationsgeschäften. Noch keine zwei Jahre zuvor hatte eine Tonne Phosphor auf dem Weltmarkt 44 Dollar gekostet. Plötzlich war der Preis auf unfassbare 430 Dollar gestiegen.
Die Landwirte in den Industrienationen wurden darüber nervös. Für die Bauern in vielen Schwellenländern hingegen war es eine richtige Katastrophe. Preise für Lebensmittel schnellten in die Höhe. In mehr als 40 Ländern kam es zu Hunger-Rebellionen – und zu den eingangs zitierten Plünderungen in Indien. Der Mensch, zeichnet sich ab, tötet im 21. Jahrhundert nicht mehr für Gold. Sondern für Phosphor.
Doch es gibt auch gute Nachrichten. Phosphat ist zwar nicht ersetzbar. Im Gegensatz zum Erdöl kann es aber mehrfach verwendet werden. Das ist ein Kreislauf, der in vergangenen Jahrhunderten spielend gelang. Bauern verbesserten ihre Felder mit Pflanzenresten, mit menschlichem und tierischem Dung. Die Ackerpflanzen gediehen, wurden geerntet und verzehrt – der Kreislauf der Nährstoffe schloss sich.
Darauf könnten die Bauern wieder zurückgreifen. Von solchen echten Kreisläufen ist in der modernen, globalisierten Landwirtschaft jedoch längst keine Rede mehr. 80 Prozent des ausgebrachten Phosphors gehen verloren: Der wichtige Dünger verbleibt in den Ackerböden in chemischen Verbindungen, die für Nutzpflanzen unerreichbar sind. Der Phosphor wird ausgewaschen und gelangt über Bäche und Flüsse in die Ozeane. Erst in 15 Millionen Jahren könnte der geologische Phosphorkreislauf sie wieder verfügbar machen. Ein Teil des Phosphors landet in unseren Toiletten. Gigantische drei Millionen Tonnen Phosphor pro Jahr, so schätzen Experten, verschwinden einfach in der Kanalisation.
»Es gibt keine Einzelmaßnahme, mit der wir das Problem lösen können«, schreibt Dana Cordell. Derzeit kämpfen die Wissenschaftler an verschiedenen Fronten, um Phosphor zu recyceln. Am ehrgeizigsten unterstützt werden sie dabei in Schweden. Dort hat die Regierung das Ziel ausgegeben, bis zum Jahr 2015 stolze 60 Prozent des ausgebrachten Phosphors wieder zurück auf die Felder zu bringen.
Eine der Maßnahmen ist die sogenannte Urin-Separierung. Dabei verschwindet unser Harn nicht mehr in Kanalrohren, sondern über Spezialtoiletten in Sammeltanks. Derzeit fahnden Forscher noch nach der optimalen Methode, um die enthaltenen Phosphate aus dem Urin herauszufiltern.
Biologen versuchen derweil, neue Pflanzensorten zu züchten, die den im Boden verbliebenen Phosphor besser über ihre Wurzeln aufnehmen oder effizienter in Wachstum umsetzen können. Auch der phosphorhaltige Klärschlamm ist mittlerweile ins Visier der Experten geraten. In einem halben Dutzend Versuchsanlagen in Europa und Nordamerika erproben sie mögliche Verfahren, um dem Schlamm seinen Phosphor zu entreißen.
All diese Maßnahmen haben jedoch eines gemeinsam: Um eine globale Katastrophe rechtzeitig abwenden zu können, sind die Lösungsversuche dramatisch unterfinanziert. »Phosphor steht nicht besonders weit oben auf der Prioritätenliste unserer Politiker«, klagt die Umweltforscherin Dana Cordell.
Freilich kosten nicht alle Maßnahmen Geld. So könnte zum Beispiel unser alltägliches Einkaufsverhalten den weltweiten Phosphorbedarf auf einen Schlag um 45 Prozent senken: Die Menschen in den westlichen Industrienationen müssten einfach darauf verzichten, Fleisch zu essen. »All diesen Herausforderungen müssen wir uns stellen«, schreibt James Elser. »Sollten wir scheitern, werden wir Hungersnöte erleben, wie sie die Menschheit noch nie gesehen hat.«
- Energieversorgung
- Bodenschätze
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