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Geschichte
Zeigt dieses Bild etwas, das wir nicht wissen sollen?
Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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»Sakrileg« heißt ein Bestseller, der weltweit Furore macht. Angeblich unterdrückt der Vatikan bis heute Tatsachen, die unser Jesus-Bild auf den Kopf stellen würden. Einer, der sie noch kannte, soll Leonardo da Vinci gewesen sein. In seinem Werk »Das Letzte Abendmahl« zeigt er angeblich die Wahrheit: Jesus hatte eine Frau an seiner Seite. P.M.-Autor Peter Ripota untersucht die fantastischen Theorien über einen unbekannten Jesus, über Maria Magdalena, die Gralsbotschaft und einen sonderbaren Geheimbund.
Der Bräutigam war mit seinen besten Freunden und nächsten Verwandten gekommen, mit seinen Brüdern und mit seiner Mutter. Auch die Braut kam, traditionell gekleidet und geschmückt. So wurden die beiden nach dem Brauch ihres Volkes getraut, und nachher lebten sie glücklich bis an sein tragisches Ende. Der Name des Bräutigams: Jesus von Nazareth. Der Name der Braut: Maria aus Magdala, auch Maria Magdalena genannt.
So jedenfalls stellen sich die britischen Autoren Michael Baigent, Richard Leigh und Henry Lincoln jenes Ereignis vor, das uns die Bibel als »Hochzeit von Kana« übermittelt hat. Und sie gehen weiter: Jesus war königlichen Geblüts und wollte tatsächlich König in Jerusalem werden. Er und seine Frau hatten mehrere Kinder. Die Ehe zwischen Jesus und Maria Magdalena ist nachzuweisen, denn die Heiratsurkunde ist erhalten geblieben. Bewahrt wurde sie über all die Jahrhunderte von dem geheimen Orden »Prieuré de Sion«. Die Mitglieder dieses Ordens, der etwa um 1000 gegründet wurde, wussten auch, dass der Heilige Gral nicht ein Kelch mit Christi Blut ist, sondern Symbol für den Schoß von Maria Magdalena, die Jesu Blut (im Sinne von Erbgut) empfangen hatte. Auch Leonardo da Vinci gehörte dem Orden an und hat in seinem berühmten Gemälde »Das Letzte Abendmahl« Hinweise auf die erstaunliche Hochzeit gegeben. Außerdem hat er das Grabtuch von Turin gefälscht, mittels einer Art primitiver Fotografie – und würde das alles bekannt werden, gäbe es eine große Krise innerhalb der christlichen Kirchen ...
Soweit die drei britischen Autoren, die 1982 ihre Erkenntnisse in dem Buch »Der Heilige Gral und seine Erben« veröffentlichten. Jetzt, mehr als 20 Jahre danach, machte sich der amerikanische Thriller-Autor Dan Brown einen Teil dieser Erkenntnisse zu eigen und verwob sie mit einer spannenden Mordgeschichte. Zur Verblüffung aller (inklusive Dan Brown) wurde sein Roman »The Da Vinci Code« ein Bestseller; Titel der deutschen Ausgabe: »Sakrileg«. Das Buch ist bereits in 4o Sprachen übersetzt und sorgt in der Christenheit für Aufruhr und Zorn. Anker der Empörung ist die Behauptung, dass Jesus verheiratet war, Kinder hatte wie jedermann und ein ganz irdisches Ziel verfolgte: die Wiederherstellung des jüdischen Königreichs. Damit wird Jesus auf ein menschliches Maß gestutzt. In diesem Buch »ist Jesus nicht göttlich, er ist nicht Gottes Sohn«, ereifert sich Reverend James L. Garlow, Co-Autor des Anti-Buches »Cracking Da Vinci’s Code«. Der gescholtene Dan Brown ist in Deckung gegangen und schweigt sich aus; lediglich auf seiner Website nimmt er vage Stellung: Er begrüße die lebhafte Diskussion und glaube, dass es sehr verdienstvoll sei, diesen Theorien auf den Grund zu gehen.
Also gut, fangen wir an mit der
Hochzeit zu Kana:
Die drei britischen Autoren behaupten, dieses Ereignis erzähle in Wahrheit Jesu Hochzeit mit Maria Magdalena. Wer das entsprechende Bibelkapitel liest (Johannes 2,2), der merkt sofort, dass es bei diesem Bericht gar nicht so sehr um die Hochzeit geht. Dem Evangelist lag viel mehr daran, Jesu magische Fähigkeiten unter Beweis zu stellen, indem er schildert, wie der Mann aus Nazareth Wasser in Wein verwandelte: »So tat Jesus sein erstes Zeichen, in Kana, in Galiläa, und offenbarte seine Herrlichkeit, und seine Jünger glaubten an ihn.« Das ist der Kern der biblischen Geschichte. Die Hochzeit von Kana gibt nur den Rahmen für den ersten öffentlichen Auftritt Jesu als Heiland und Erlöser. Nachdem dies geschehen ist, gibt es denn auch nicht mehr viel zu erzählen. Der Schluss wirkt eher nüchtern: »Danach zog er (Jesus) mit seiner Mutter, seinen Brüdern und seinen Jüngern nach Kafarnaum hinab. Dort blieben sie einige Zeit.« Verlässt so ein frisch vermählter Mann seine eigene Hochzeit? Und was ist mit der Braut? Wo ist sie? Kein Wort über sie.
Jesus als Bräutigam – also doch ein reines Hirngespinst? Nein, ganz so einfach ist es nicht. Die Autoren argumentieren: Jesus war ein Rabbi, und als Rabbi musste er verheiratet sein. Ein Argument, das schwer wiegt. Der renommierte jüdische Theologe Schalom Ben-Chorin schreibt in seinem Buch »Bruder Jesus – Der Nazarener in jüdischer Sicht«: »Ein unverheirateter Rabbi ist kaum denkbar. Mit scharfen Worten verurteilt der Talmud die Ehelosigkeit: Wer kein Weib hat, ist ohne Freude, ohne Segen, ohne Glück... ohne Frieden, ein Mann ohne Weib ist kein Mensch.« Ben-Chorin weiter: »Wir müssen uns fragen: Wenn Jesus unverheiratet gewesen wäre, hätten dann nicht seine Jünger ihn nach diesem Mangel befragt, hätten aber nicht vor allem seine Gegner ihm vorgeworfen, dass er die erste Pflicht ›Seid fruchtbar und mehret euch‹ des rabbinischen Pflichtenkatalogs in seinem Leben unerfüllt gelassen hat?« Tatsächlich muss-te sich Jesus von seinen Gegnern viel anhören; dass er sich mit Zöllnern und Huren abgab, zählt noch zu den milderen Vorwürfen. Von einem Vorwurf, nicht verheiratet zu sein, ist nirgendwo die Rede. Das ist ziemlich merkwürdig. Denn wenn der Rabbi Jesus – und vergessen wir nicht: Er war ein strenggläubiger Jude – unverheiratet war, dann hätte er sich offen gegen den Talmud und die jüdische Tradition gestellt. Das wäre für jeden Gegner ein gefundes Fressen gewesen. Dennoch wird dies nie erwähnt! Könnte es vielleicht daran liegen, dass Jesus doch eine Frau hatte? Aber warum wurde sie dann verschwiegen? Weil das Bild des göttlichen Jesus, umringt von Ehefrau und Kindern, unmöglich ist, ein Skandal? Tatsächlich sind wir wohl alle allergisch, wenn ein Gottesbild in die Niederungen des Alltäglichen herunter gezogen wird (siehe auch Kasten »Sah Jesus so aus?« - Seite 28).
Jesus als Familienvater – diese Vorstellung ist keineswegs so absurd wie es gerne dargestellt wird. Auch Petrus, von Jesus als Nachfolger erwählt und der erste Papst, war laut Bibel verheiratet, nur redet man nicht so viel da-rüber. Wenn aber Dan Brown in seinem Buch »Sakrileg« die Eheschließung Jesu als »historische Tatsache« hinstellt, dann muss man das richtig einordnen: Diese Aussage wird nämlich von einer Romanfigur gemacht, die genauso eine Erfindung ist wie ihre Aussage selbst. In den Texten des Neuen Testaments gibt es nicht eine einzige Stelle, die auch nur die leiseste Vermutung zulässt, dass Jesus verheiratet war. Und zeitgenössische Berichte von jüdischen, römischen oder griechischen Schriftstellern über Jesus existieren nicht. Über die schon erwähnte Heiratsurkunde reden wir später.
Beschäftigen wir uns zunächst mit der Frau, die Jesus geheiratet haben soll – mit
Maria Magdalena:
So, wie ihre Geschichte in der christlichen Tradition kolportiert wird, ist sie wirklich herzergreifend: Da kommt die stadtbekannte Prostituierte Maria Magdalena zu Jesus, wirft sich vor ihm nieder, wäscht ihm mit Tränen der Reue seine Füße, trocknet sie mit ihren Haaren und salbt ihn mit wohl duftendem Öl. Jesus vergibt ihr alle Sünden, und sie folgt ihm fortan treu und ergeben ... Eine schöne Geschichte – nur, in der Bibel wird nicht mit einem Wort erwähnt, dass diese junge Frau Maria Magdalena war. Auch nicht, dass sie sich pros-tituierte. Was wir der Bibel entnehmen können, ist, dass Maria aus Magdala (daher: Magdalena) stammte und Jesus sie von sieben bösen Geistern befreite; von da an war Maria Magdalena eine wichtige Person im Umkreis von Jesus, vielleicht sogar eine Vertraute. Sie weicht nicht von seiner Seite, auch nicht im grausamen Augenblick seines Todes – und sie ist die erste, der sich der auferstandene Jesus offenbart. Und es ist wiederum Maria Magdalena, die den verzagten Aposteln und Anhängern die wichtigste Botschaft des Christentums überbringt: Jesus lebt!
Verantwortlich für das schlechte Bild der Maria Magdalena machen The-ologen vor allem einen: Papst Gregor I., der im Jahre 591 in einer Predigt mehrere biblische Frauengestalten zu einer Person verschmolz. So entstand die reuige Hure Maria Magdalena. Kann sein, dass dahinter das alt- bewährte Saulus-Paulus-Prinzip steht: Die Macht Christi wirkt noch erhabener, wenn sie es vermag, einen so fanatischen Chris-tenverfolger wie Saulus in den glühenden Christus-Bekenner (Paulus) zu verwandeln. Und: Das Bekenntnis eines ehemaligen Sünders hat immer eine besondere Überzeugungskraft. So auch bei Maria Magdalena: Dass aus einer Prostituierten eine Heilige wurde, ist ein Beweis für Jesu Stärke.
Oder steckt dahinter eine perfide Verleumdungskampagne der Kirche – wie die drei britischen Autoren und Dan Brown argwöhnen. Nach dem Motto: Verschweigen können wir sie nicht (wegen ihrer herausragenden Stellung), dann lasst uns sie wenigstens schlecht machen. So schlecht, dass jeder gerne glaubt, Jesus sei ihr gegenüber barmherzig gewesen, aber um Gottes willen nicht mehr. Wirklich? Der Verdacht, dass da mehr war zwischen den beiden als Barmherzigkeit, kam schon früh auf; das Gemunkel über ein heimliches Verhältnis verstummte nie. Dan Brown und die drei britischen Autoren sind nun zur Gewissheit gelangt: Jesus und Maria Magdalena hatten nicht nur was miteinander, sondern waren auch verheiratet. Als Kronzeugen nennen sie Leonardo da Vinci, der Mitglied des geheimen Ordens »Prieuré de Sion« gewesen sei und sein Wissen darüber mit verschlüsselten Botschaften öffentlich gemacht habe. Und zwar in seinem berühmten Fresko
»Das Letzte Abendmahl«:
Dieses Gemälde (1497) im Speisesaal der Dominikanerkirche Santa Maria della Grazie in Mailand zeigt Jesus und die zwölf Apostel am Abend vor seinem Tod. Rechts von ihm sitzt Johannes – und tatsächlich, er ist auffallend zart, hübsch und von mädchenhafter Anmut. Und wer genauer hinschaut, kann, wenn er will, sogar den Ansatz eines Busens erkennen. Kein Zweifel, so die Autoren: Der angebliche Johannes ist eine Frau – Maria Magdalena, die Gemahlin Jesu. Als Beweis der Zusammengehörigkeit führen sie an, dass beide gleich gekleidet sind: Jesus trägt ein rotes Untergewand und einen blauen Überwurf, Maria Magdalena wird in derselben Kleidung gezeigt, nur in umgekehrten Farben. Darin könnte man sogar noch einen weiteren Hinweis sehen (Dan Brown tut es nicht): Damals stand die Farbe Rot für den Mann, Blau dagegen für die Frau. Will heißen: Jesus trägt direkt am Leib ein rotes (männliches) Gewand; Maria Magdalena ein blaues – als Zeichen ihrer Weiblichkeit.
Außerdem bilden die beiden, indem sie sich voneinander wegbeugen, ein »V« – nach Brown ist das ein angedeutetes »U«, ein uraltes Zeichen für Weiblichkeit. Und nicht zuletzt: Petrus beugt sich zu Maria Magdalena und drohe ihr mit der Hand, weil er – so Dan Brown – in Maria Magdalena eine Rivalin sieht, die ihm den Führungsanspruch streitig macht. Ein Machtkampf unter der Gefolgschaft Jesu?
Diese »Drohgebärde« von Petrus wird freilich viel harmloser, wenn man weiß, welchen Augenblick des Abendmahls Leonardo da Vinci dargestellt hat. Es ist der Moment, in dem er seinen Jüngern sagt: »Einer unter euch wird mich verraten!« Im Johannes-Evangelium (13,22) heißt es weiter: »Da sahen sich die Jünger untereinander an, und es ward ihnen bange, von welchem er redete. Es war aber einer unter seinen Jüngern, welchen Jesus lieb hatte, der lag bei Tische an der Brust Jesu.« Und jetzt die entscheidende Stelle: »Dem winkte Simon Petrus und sprach zu ihm: Sag, wer ist’s, von dem er redet!« Petrus droht also nicht mit der Hand, sondern winkt ihn zu sich, um ihn etwas zu fragen. Eine ganz normale Geste.
Was das »V« anbelangt, so kann man – wenn man es will und für eine Theorie dringend braucht – zu einem »weiblichen U« umdeuten. Mit derselben Berechtigung könnte man aber auch behaupten: Das vermutete »V« ist der obere Teil eines X, das im Griechischen (»chi«) der Anfangsbuchstabe von Christos ist.
Und jetzt Johannes. Seine Mädchenhaftigkeit ist schon früheren Betrachtern aufgefallen. Sie deuteten diese irritierende Darstellung astrologisch: zwölf Apostel, zwölf Tierkreiszeichen. Leonardo, der auch Astrologe war, hat die Apostel den Tierkreiszeichen zugeordnet - bloß, wo beginnt die Zählung? Hier kommen die Füße ins Spiel. Astrologen behaupten: Auf einer frühen Kopie, die das Gemälde in unversehrtem Zustand zeigt, sind nur die Füße des Apostels Bartholomäus (links auf dem Bild) herausgearbeitet; die Füße der anderen seien eher schemenhaft. Jedem Tierkreis-Zeichen sind Körperorgane zugeordnet – die Füße gehören zum Zeichen »Fische«. Folglich fängt die Zählung ganz rechts mit dem Zeichen Widder an und endet ganz links mit den Fischen. Damit erklärt sich für Astrologen auch der feminine Johannes: Er ist nach dieser Zählung dem Zeichen Waage zugeordnet, und die Waage wird vom weiblichsten aller Planeten beherrscht, von der lieblichen Venus. Kein Wunder, dass der Waage-Geborene Jo- hannes so weiblich und zart wirkt. Sein Nachbar Judas ist folgerichtig dem Zeichen Skorpion zugeordnet, und dieses Zeichen steht für Leben und Tod, für Mystik und Geheimnistuerei, für hohen Idealismus und tiefen Verrat. Außerdem: Leonardo tat das gleiche wie 600 Jahre später Alfred Hitchcock: Er brachte sich selbst immer wieder ins Bild. Leonardos Selbstporträt müsste der zweite Apostel von rechts sein. Denn er ist nach dieser Zählung Stier – wie Leonardo da Vinci. Und siehe da: Thaddäus (so heißt der Apostel) sieht dem Meister erstaunlich ähnlich!
Es gibt noch eine dritte, ganz plausible Theorie. Johannes wird in der Bibel mehrfach als Jünger bezeichnet, »den Jesus lieb hatte«. Deshalb wurde Jesus auch schon eine homoerotische Beziehung zu Johannes nachgesagt. Eine Vorstellung, die Leonardo sicherlich nicht unangenehm gewesen ist. Er war selber schwul – und: Er hatte eine Vorliebe für feminine junge Männer und hat sie auch oft gemalt. Sein Bild »Johannes der Täufer« (nicht Johannes der Apostel!) zeigt den mit Abstand hübschesten »Täufer« in der Kunstgeschichte (siehe Seite 27). Und den fröhlichsten; diesem Jungen traut man eine Menge Kompetenz in Sachen Dolce Vita zu, nicht aber die Rolle eines asketischen Wüsteneremiten, der das nahe Weltende predigt und »Tut Buße, tut Buße!« schreit. Dieses Bild hing in Leonardos Schlafzimmer – und daneben »Mona Lisa«. Reiner Zufall, dass sich die Gesichter der beiden verblüffend ähneln? Da wird wieder der Verdacht wach, dass Mona Lisa nicht die Kaufmanns-tochter La Gioconda ist, sondern einer von Leonardos Lieblingen. Dann wäre das viel gerühmte »geheimnisvolle Lächeln der Mona Lisa« in Wahrheit das belustigt-verlegene Grinsen eines Jungen, den da Vinci in Frauenkleider gesteckt hat. Zuzutrauen wäre es dem Meister.
Wie dem auch sei, Leonardos Schwäche für mädchenhafte Jünglinge lässt vermuten, dass er den Apostel Johannes, »den Jesus lieb hatte«, so darstellte, wie er ihn sich wohl selber erträumte. Und auch in dieser Theorie macht die gleiche Kleidung mit umgekehrten Farben Sinn: Sie zeigt die enge Verbundenheit der beiden – und betont durch das blaue Gewand die feminine Anmut des Lieblingsjüngers.
Doch folgen wir der Theorie von Dan Brown und den drei britischen Autoren. Für sie steht fest, Maria Magdalena war die Ehefrau von Jesus – und:
Der Heilige Gral:
Über den Ursprung der Gralssage wissen wir wenig. Nur so viel: Sie ist älter als das Chris-tentum, vielleicht stammt sie aus dem Keltischen. Als Gral oder Greal wurden zunächst allgemein Gegenstände mit magischen Kräften bezeichnet. Erst später bildeten sich um diesen Begriff die christlichen Legenden. In ihnen war der Gral der Becher, den Jesus beim letzten Abendmal seinen Jüngern reichte, oder das Gefäß, mit dem Josef von Arimathaia das Blut des gekreuzigten Jesus auffing. Auch diesem Becher bzw. Gefäß wurden heilende Kräfte zugeschrieben. Zu den berühmtesten Gralsgeschichten gehört die Artussage mit den Rittern der Tafelrunde, die sich auf die Suche nach dem Gral machen, um den König und sein Reich zu retten.
In der Literatur gab es unterschiedliche Schreibweisen, z. B. »Sangraal« oder »Sangreal«. Die britischen Autoren und Dan Brown entschieden sich für »sang real« (königliches Blut). Nicht ein Becher oder Gefäß ist der Gral, sondern Maria Magdalena, deren Schoß das königliche Blut (Erbgut) Jesu aufgenommen hat. Königlich deshalb, weil Jesus aus dem Hause König Davids stammt, worauf er seine Ansprüche auf den Königsthron gründete.
Diese Idee ist gar nicht so neu. So glaubt zum Beispiel der deutsche Autor Franjo Terhart , im monumentalen Genter Altar (offizieller Titel: »Lamm Gottes«) von Jan und Hubert van Eyck aus dem Jahr 1432 einen deutlichen Fingerzeig zu sehen. Eines der Bilder zeigt die Anbetung des Lamms und wie sein Blut in einem Kelch aufgefangen wird. Im rechten oberen Teil sieht man eine Prozession von Jungfrauen; eine von ihnen – in der ersten Reihe – trägt in den Armen vor ihrem Schoß ein kleines Lamm. Ist das der Hinweis auf ein Kind des Großen Lamms, also von Jesus? Waren die Maler etwa auch Angehörige des geheimnisvollen Ordens mit dem Namen:
Prieuré de Sion
Die drei britischen Autoren stellen in ihrem Buch über die Suche nach dem Gral erstaunt fest: »Obwohl wir alle neueren Standardwerke über die Kreuzzüge zu Rate zogen, fanden wir einen ›Ordre de Sion‹ nirgends erwähnt.« Daraus ziehen sie nicht den nahe liegenden Schluss: Es hat diesen Orden nicht gegeben; sondern: Dieser Orden ist besonders geheim. Tatsächlich gibt es diesen Orden – seit 1956, gegründet von den Franzosen Pierre Plantard. Dieser Mann hatte sich schon vorher durch antisemitische Schriften und Denunziationen während der Nazibesetzung Frankreichs unrühmlich hervorgetan. Übrigens, auch die drei britischen Autoren sind braun eingefärbt; sie glauben an eine jüdische Weltverschwörung und halten die nachweisbar gefälschten antisemitischen »Protokolle der Weisen von Zion« für echt – nicht unbedingt ein Gütesiegel für ihre Recherchen.
Dieser Orden also (wohlgemerkt: gegründet 1956), dem angeblich schon Leonardo da Vinci angehörte, bewahrt nun laut Dan Brown seit Jahrhunderten die Heiratsurkunde von Jesus und Maria Magdalena auf. Was soll man dazu sagen? Uns fällt nichts Freundliches ein.
Auch dazu nicht: Nach dem Tod von Jesus floh Maria Magdalena mit ihren Kindern – begleitet von Josef von Arimathaia – nach Südfrankreich. Dort heirateten die Kinder Jesu Einheimische und erfüllten indirekt Jesu Willen: Sie gründeten – so behaupten die Autoren – das Königsgeschlecht der Merowinger. Ausgerechnet Merowinger! Chlodwig, ihr erster König, ließ zur Festigung seiner Herrschaft ohne Zaudern zahlreiche nahe Verwandte ermorden. Ist das eine Empfehlung für ein Leben in der Nachfolge Christi?
Bleibt noch eines nachzutragen: Die Autoren schreiben auch, dass die Habsburger aus dem Merowinger-Geschlecht hervorgegangen sind. Und so sei Erzherzog Dr. Otto von Habsburg, Europa-Abgeordneter der CSU, ein Nachfahre von Jesus Chris-tus. Von ihm selber hat man darüber nie etwas gehört. Gott sei Dank!
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