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Wir sind Weltmeister!

Wir sind Weltmeister!Wir sind Weltmeister!

1954 qualifizierte sich die deutsche Mannschaft für die WM in Bern. Sie galt bei Fußballexperten als Außenseiter. Als sie im Finale die favorisierten Ungarn schlug, war die Welt schockiert – und in Deutschland feierte man auf den Straßen.

Wer gewinnt die Fußballweltmeisterschaft? »Jeder hat eine Chance«, meinte ein kompetenter Reporter vor Beginn der Spiele 1954 in der Schweiz und sicherte damit seine Prog-nose nach allen Seiten ab. Wie alle anderen Experten auch, gab er aber Ungarn die meisten Chancen. Man weiß den Sieg der Deutschen nur dann voll und ganz richtig einzuschätzen, wenn man sich vor Augen hält, mit welchem Image Endspielgegner Ungarn in die Spiele ging: Ungarn, die Wundermannschaft, seit vier Jahren von keiner anderen Mannschaft mehr geschlagen, Sieger über das bis dahin unbezwingbare England ... Der um eine Prognose ringende Reporter ließ sich noch ein Hintertürchen offen: »Aber wie oft hat gerade ein Außenseiter alle Prog-nosen über den Haufen geworfen!«

Deutschland als solcher Außenseiter – daran wagte ernsthaft kein Mensch zu denken. Immerhin: »Ein Platz unter den letzten acht ist drin«, sagten die Realisten unter den Optimisten. Zur Verdeutlichung: 16 Mannschaften traten in der Schweiz an, in den Vorrundenspielen kamen jeweils zwei von vier Ländern weiter. Deutschland war dabei. Aber jetzt wurden die Prognosen schwieriger. »Wenn man außer Ungarn«, so orakelte ein Kom-mentator, »weitere Nationen bestimmt unter den letzten vieren erwartet, dann Uruguay und Brasilien. Bliebe der Platz für einen Außenseiter. Wird es Österreich oder Doppelweltmeister Italien sein? Die Jugoslawen, die Engländer – oder Deutschland? Zu schön, um wahr zu werden.«

Das schien umso weniger möglich, als die Deutschen in der Vorrunde gegen die Ungarn eine verheerende Niederlage von 3:8 Toren hatten einstecken müssen. Versteinerte Gesichter bei Spielern und Trainer, Riesenernüchterung bei den deutschen Schlachtenbummlern – und böse Pfiffe. Sie richteten sich vor allem gegen Sepp Herberger, den Trainer, weil er für dieses Spiel nur die zweite Garnitur aufgestellt hatte. Er tat das, um verschiedene Spieler für das nächste – entscheidende – Match zu schonen und ein bisschen auch, um die anderen über die Stärke des deutschen Teams hinwegzutäuschen. Bemerkbar machte sich das – alles oder nichts – im nächsten und letzten Qualifikationsspiel gegen die Türken (7:2). Deutschland also unter den letzten acht.

Doch mit den besseren Aussichten am Horizont kam die Skepsis: »Deutschland trifft nunmehr auf Jugoslawien und steht damit einem Gegner gegenüber, der bei der schwachen Form der deutschen Hintermannschaft voraussichtlich nicht zu schlagen sein dürfte.« Das junge deutsche Fernsehen schien dem Rechnung zu tragen: Es übertrug das Spiel erst gar nicht. Doch dann die Sensation: Das Spiel endete 2:0 für Deutschland!

Parallel dazu wurde Brasilien von Ungarn aus dem Turnier geworfen. Das Match wurde zum großen Skandal dieser WM. »Nach dem Spiel«, so ein Zeitungsbericht, »rotteten sich die Brasilianer wie eine Mörderbande zusammen, bewaffneten sich mit Bierflaschen und droschen auf die Ungarn ein. Erst das Eingreifen der Berner Polizei beendete die traurige Schlacht. Jede Partei gibt vorläufig noch dem Gegner die Schuld für die große Prügelei vor und in den Kabinen.«

Deutschland also jetzt unter den letzten vier, zusammen mit Ungarn, Österreich (Sieg über die Schweiz) und Uruguay (Sieg über England). Der ausgeloste nächste Gegner: Österreich. Losglück. »Niemand«, so ein Reporter, »verlangt von den Deutschen einen Sieg. Aber schmecken würde er uns trotzdem.« Fachkreise rechneten mit einem Endspiel Ungarn – Österreich. Doch nein! »Entfesselter Fritz Walter sprengt die Austria-Elf«, meldeten die Zeitungen. Deutschland hatte 6:1 gewonnen. Und war im Endspiel!

Parallel dazu besiegten die Ungarn den zweimaligen Weltmeister Uruguay 4:2. Jetzt sprach man schon vom »neuen Weltmeister Ungarn«: Deutschland? Daran wollte noch immer kaum jemand so recht glauben. »Bei allem guten Willen für diese deutsche Mannschaft, von großen Könnern kann man für ihr Endspiel gegen Ungarn nichts anderes voraussehen als schwere Schläge«, meinte ein britischer Kommentator. Immerhin waren nun auch die Deutschen in aller staunend geöffnetem Munde. Und der Brief eines Fans, adressiert »An den Bundessepp in der Schweiz«, also an Trainer Sepp Herberger, wurde mühelos zugestellt. Am Grünen Tisch standen die Chancen 90:10 für Ungarn. Und auch bei den Buchmachern war natürlich Ungarn Favorit. Die deutschen Berichterstatter bereiteten ihre Leser behutsam auf eine Niederlage vor mit dem Tenor: Vizeweltmeister, wunderbar, das ist doch was!

Es ging ja auch blitzschnell an jenem 4. Juli 1954 im Berner Wankdorfstadion. In der 5. Minute schoss Puskas das erste Tor für die Ungarn, in der 8. Czibor das zweite. 0:2 nach acht Minuten. Welch ein Schock! Doch so böse sah es nur kurz aus. Schon in der 12. brachte Max Morlock den Ball nach einer Rutschpartie auf dem nassen Rasen ins gegnerische Tor. Und nur sechs Minuten später schoss Helmut Rahn zum 2:2 ein. Puskas, das sahen alle Zuschauer, schüttelte ungläubig den Kopf. Beide Teams gaben nun wirklich alles. Doch auf beiden Seiten wurde eine Torchance um die andere abgewehrt. Wer jetzt, schon gegen Ende des Spiels, das nächste Tor schoss, musste wahrscheinlich der Sieger sein.

Es war Helmut Rahn, der »Boss«, wie ihn alle nannten, ohne dass er ein Boss war, dem dieses Kunststück gelang. In der 84. Minute zappelte der Ball erneut im Tor der Ungarn. Dem Radioreporter überschlug es die Stimme: »Tor, Tor, Tor ...« Deutschland war Weltmeister! (Österreich wurde nach einem Sieg über die »Urus« Dritter.) Zur Siegerehrung erklang die deutsche Nationalhymne. Viele deutsche Schlachtenbummler sangen den verfemten Text der ersten Strophe (»Deutschland, Deutschland über alles«), wohl aber vermutlich deshalb, weil sie mit dem gültigen Text der dritten Strophe noch nicht vertraut waren.

»Tor!«, schrieen auch die Menschen auf den Straßen überall, gleich nach der Rundfunkübertragung, die man zu Hause oder am Arbeitsplatz gehört hatte, und nach der Fernsehübertragung, die ein Großteil in den Schaufenstern von Fachgeschäften oder in Lokalen verfolgt hatte. »Die Menschen«, so ein Reporter, »gaben sich einem Taumel hin, der sie wie in der Silvesternacht auf die Straßen trieb, um die Freude weiterzugeben, die allein nicht zu tragen war.«

Der Jubel begleitete das deutsche Team auch auf der Rückreise: Eine Triumphfahrt sondergleichen. In Konstanz musste die offizielle Begrüßung ausfallen, weil eine begeisterte Menschenmenge den Bahn-hof stürmte. In Lindau, wo die Mannschaft übernachtete, konnte die Musikkapelle noch nicht mal die Nationalhymne spielen, weil das Gedränge so groß war. Hin und wieder wurde der Sondertriebwagen sogar auf offener Strecke zum Halten gezwungen, weil die jubelnden Menschen nicht von den Gleisen wichen.

Eine halbe Million Menschen war auf den Beinen, als das WM-Team auf dem Hauptbahnhof in München eintraf. Die Kinder hatten schulfrei, die Mehrzahl der Betriebe gab ihren Mitarbeitern eben-falls frei. In einer Kolonne von schwarzen Mercedessen fuhr die deutsche Elf zum Empfang im Rathaus. Das Gedränge an den Straßen war so dicht, dass man sich teilweise nicht eine Handbreit bewegen konnte. Und alle Menschen lachten sich unentwegt fröhlich zu. So viel Begeis-terung hat der Verfasser, der damals gerade als junger Werkstudent beim Bayerischen Landessportverband in München tätig war, niemals mehr erlebt. Und an-schließend herrschten in allen Lokalen feuchtfröhliche Siegesfeiern. Von München aus verteilten sich die Spieler in ihre Heimatorte; allein fünf stammten aus Kaiserslautern und machten dort als Stammspieler bei den Vereinen weiter wie zuvor.

Sie waren ja nun so bekannt wie die prominentesten Deutschen und noch dazu geliebt. Aber den materiellen Segen für sportliche Leistungen, wie das heute üblich ist, den gab es damals noch nicht. Die Heimatgemeinden halfen, etwa beim Ausbau beruflicher Positionen, die Fernsehindustrie spendierte jedem Spieler ein Gerät, und noch einiger Kleinkram kam hinzu. Aber das große Geld blieb unerreichbar. Allerdings, zumindest einige hätten es haben können, allen voran Kapitän Fritz Walter. Ihm bot ein Mai-länder Club sage und schreibe 700000
D-Mark für einen Wechsel nach Italien. Aber »der Fritz«, wie er nun allgemein hieß, zog es vor, bei seinem Verein in Kaiserslautern zu bleiben – für eine »Gage«, die man heute günstigstenfalls einen Pappenstiel nennen würde.

»Das Wunder von Bern«, so heißt der Kinofilm, der uns dieses grandiose Ereignis jüngst wieder nahe gebracht hat. Der schlichte Titel hätte treffender nicht sein können. Da war einmal die sportliche Großtat, die, wie gezeigt, Deutschland niemand zugetraut hätte. Und da war ganz allgemein das auch durch diesen Sieg gesteigerte Selbstbewusstsein der bundesrepublikanischen Deutschen unter dem Motto: »Wir sind wieder wer!«

Auch sportlich musste Deutschland nach dem Krieg ja wieder ganz von vorne anfangen. Die alliierten Besatzungsmächte erlaubten in ihren Zonen zwar bald die Wieder- und Neugrün-
dung von Sportvereinen, doch es blieb bei lokalen Begegnungen, der internationale Vergleich fehlte zunächst gänzlich. Die Olympischen Spiele von 1948 fanden ebenso ohne deutsche Beteiligung statt wie die Fußballweltmeisterschaft von 1950. Zaghaft glücklich atmeten die Deutschen zum ersten Mal auf, als die Schweiz in guter Nachbarschaft Ende 1950 zu einem Länderspiel nach Stuttgart kam (und 0:1 verlor).

Zu den Olympischen Spielen von 1952 war Deutschland wieder eingeladen. Die Winterspiele in Oslo bestritten die Deutschen recht beachtlich: Zweimal Gold für die Bobfahrer (Pilot Anderl Ostler), vier Medaillen im alpinen Skilauf (Annemarie Buchner, Ossi Reichert) und Gold für das Eislaufpaar Ria Baran/Paul Falk. Bei den Sommerspielen in Helsinki gab es sieben Silberne und 17 Bronzene; Namen wie Fritz Thiedemann und Herbert Schade mögen noch in Erinnerung sein. Aber dann war eine Weile wieder nicht so viel los, bis eben – Bern kam.
Der Ehrenpräsident des internationalen Fußballverbandes FIFA, Jules Rimet, überreichte den deutschen Spielern die Siegestrophäe mit den Worten: »Es war eine Mannschaft, die ein großes und faires Spiel lieferte. Der deutsche Fußball wird einen bedeutenden Weg machen.« Wie hätte da nicht die Brust schwellen sollen! Am bescheidensten blieben eigentlich die Spieler. Auf die Frage, wie denn der Sieg überhaupt möglich war, antwortete Fritz Walter dem Verfasser während eines beruflichen Besuchs in einem Sanatorium in Bad Griesbach viele Jahre später: »Ja nun, wir hawwe eben gespielt so gut wir konnten.« Es ist eine perfekte Erklärung.

In den Jahren nach dem Krieg und auch noch in der ersten Zeit der 1949 gegründeten Bundesrepublik hatte zu-nächst ein anderes Gefühl die Deutschen beherrscht. »Wir sind noch einmal davongekommen« hieß ein Theaterstück des amerikanischen Autors Thornton Wilder. Es handelte von einer utopischen Welt, in der trotz aller Grausamkeiten immer wieder das Gute überwiegt – keine deutsche Bühne seit 1946, die es nicht gespielt hätte. Alle hatten ja wirklich das Gefühl, noch einmal davongekommen zu sein.

Ein Fünftel der Bevölkerung der drei Westzonen bestand aus Flüchtlingen und Vertriebenen. Der Krieg hatte weit über eine Million Witwen hinter-lassen, jedes zehnte Kind war Waise. Dreißig Prozent aller Wohnstätten waren zerstört. Was von der Schwerindustrie übrig geblieben war, wurde großenteils auf Befehl der Alliierten demontiert, sodass weitere Arbeitsplätze verloren gingen. Die Sieger von 1945 zerstritten sich sehr rasch und standen sich nun feindlich gegenüber. Kein Wunder, dass die Angst vor einer russischen Invasion jahrelang in der Luft hing. Der Korea-Krieg, der 1950 ausbrach, erweckte sofort neue Kriegsangst und führte zu großen Hamster-käufen. Die Bedrohung durch die Atombombe wurde spürbar, als auch die Sowjets in den Besitz dieser Waffe gelangten. Und immer wieder hatten wir das Gefühl, davongekommen zu sein.

Doch es gab auch positive Ereignisse. Die neue Mark von 1948 erwies sich rasch als eine solide Währung, für die man alles haben konnte. Und siehe da, über Nacht lagen plötzlich bis dahin sorgsam gehortete Angebote in den Schaufenstern – es war das erste Wunder. Dass dann 1949 zwei deutsche Staaten entstanden, be-urteilten die Deutschen in den Westzonen eher nach dem Brechtschen Motto: »Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.« Als Erstes kam denn auch die Fress-welle. Man sollte das Lebensgefühl nicht unterschätzen, das ein voller Bauch nach langem Darben mit sich bringt ...

In der Bundesrepublik begann nun das, was man die Ära Adenauer nennt. Dank dem Fleiß der Deutschen und dank westlicher Hilfe (gefördert noch durch den »Kalten Krieg«) entwickelte sich zügig ein neuer Wohlstand. Die Arbeitslosenzahlen gingen rapid zurück, die neue Währung begünstigte Kapitalbildung und Investitionen, die wieder- und neu auf-gebauten Produktionsstätten hatten modernstes Niveau und waren damit der meisten Konkurrenz überlegen. Das war das große Mirakel der 50er-Jahre: das Wirtschaftswunder. Der Ausdruck wurde im westlichen Ausland geboren, das staunend den Aufstieg der Bundesrepublik verfolgte. »Der erwachende Gigant« hieß eine Sondernummer des großen amerikanischen Magazins »Life«.

Aber allem dominierte die Vater-gestalt des Bundeskanzlers Konrad Adenauer. Der »Alte von Rhöndorf« war ein kompromissloser Verfechter der Westintegration, und die junge Freundschaft Westdeutschlands mit den ehemaligen Feindmächten zeitigte bald ihre Früchte. Wirtschaftliche Integration lautete das große Ziel. Der erste Schritt war 1951 der Vertrag für die Gründung der europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl, »Montanunion« genannt. Da-raus entstand später der »Gemeinsame Markt«, eine Zollunion von sechs kontinentaleuropäischen Ländern, unter ihnen die Bundesrepublik.

Im gleichen Jahr 1951 begannen auch die Beratungen über die Bildung einer Europäischen Verteidigungsgemeinschaft (EVG), nahe gelegt von der ständigen Spannung zwischen den Westländern und den sozialistischen Ostländern. In Deutschland galt zwar noch das Besatzungsstatut, aber die Bundesrepublik war an einer auch militärischen Mitwirkung höchst interessiert. Doch dann erlebten die Einigungsbemühungen einen Rückschlag, an dem die EVG scheiterte. Er fiel just mit der Fußballweltmeisterschaft in Bern zusammen, und der deutsche Sieg wurde auf eine recht ungute Weise damit verwurstelt.

Es ging im Sommer 1954 um die Frage: Würde das französische Parlament dem Vertrag zustimmen? Am 2. Juli 1954 (genau zwei Tage vor dem Endspiel in Bern) appellierte Adenauer in einem Interview an die französische Regierung, die Rati-fizierung des EVG-Vertrages in unveränderter Form vorzunehmen. Er wandte sich damit gegen einen vom französischen Ministerpräsidenten Pierre Mendès-France angekündigten Kompromissplan. Das war an einem Freitag. Am folgenden Montag ging es auf einmal los.
In den westlichen Hauptstädten herrsch-te seit dem Interview hektische Nervosi-tät. Nun aber spielten, wie eine namhafte deutsche Zeitung berichtete, »kurioserweise die beiden deutschen Sportsiege vom Sonntag (der andere war der doppelte Sieg von Mercedes beim ›Großen Automobilpreis von Frankreich‹; d. Red.) dabei eine gewisse Rolle. Sie haben das Kopfschütteln über diese Deutschen auffällig vermehrt«.

Und so sah das zum Beispiel aus: Der britische »Daily Express« überschrieb seinen Bericht aus Bern mit der Zeile: »Deutschland über alles« (auf Deutsch), und darunter stand als Schlagzeile (halb in Deutsch, halb in Englisch): »Der Tag – for Germans«. Eine Fußnote erläuterte: »Der Tag – eine berühmte deutsche Bezeichnung für den Ausbruch zweier Weltkriege.« Das war ja nun völ-liger Unsinn, und seriöse britische Blätter wiesen solche Stimmungsmache auch zurück.

Aber auch die Stimme eines britischen Gewerkschafters als weiteres Beispiel ist in ihrer Unsinnigkeit bemerkenswert. Die Eisenbahnergewerkschaft sprach sich gegen eine Wiederbewaffnung Deutschlands aus, und der Delegierte begründete es so: »Man kann ihnen nicht trauen. Man braucht nur das Fußballspiel am letzten Sonntag zu betrachten. Vergaßen die Deutschen, ›Deutschland über alles‹ zu singen? Sie vergaßen es nicht, sie werden es niemals vergessen, und der deutsche Militarismus wird immer marschieren, wenn man ihm Gelegenheit dazu gibt.«

Zum Glück ließen sich die meisten Deutschen ihre Stimmung nicht trüben. Man sonnte sich noch viel zu sehr in dem Gefühl des (Fußball-)Sieges, im Gefühl des »Wunders von Bern«. »Es ist anzunehmen, dass das Ausland nun dem deutschen Wirtschaftswunder das deutsche Fußballwunder hinzufügen wird«, schrieb ein Kommentator. Als die deutsche Nationalmannschaft dann vier Jahre später die nächste Weltmeisterschaft sang- und glanzlos bestritt, war von »Wunder« keine Rede mehr. Inzwischen hatten die Deutschen freilich wirkungsvollere Bestätigungen ihres »Wir-sind-wieder-wer«-Gefühls erfahren. Aber der Sieg von Bern blieb gleichsam das i-Tüpfelchen darauf.

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Autor/in: Leo Sillner



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