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Cyberspace

Willkommen im Metaversum!

 Normalerweise wissen wir, was Realität ist. Das glauben wir zumindest. Realität kann man anfassen, riechen, schmecken. Realität reagiert, um mit einem Bonmot eines deutschen Kabarettisten zu sagen „nicht wirklich positiv auf die Fernbedienung“. Wirklich? Eine kleine Geschichte des Cyberspace - und warum er unser Schicksal ist

CyberspaceCyberspace
Einmal Cyberspace, bitte! Wer lernt, zwischen den diversen Realitäten zu springen, tut sich in (der) Zukunft leichter
iStockphoto

Als im Jahre 1995 Oliver Sacks neurologischer Weltbestseller „Die Frau, die ihrem Mann mit einem Hut verwechselte“ herauskam, ahnten wir, dass es in Wirklichkeit nicht allzu weit her sein kann. mit der Realität – vielmehr mit dem, was wir davon halten. Eine kleine Irritation im Kopf, ein Schlaganfall, eine starke Neurose, ein Unfall – und schon gerät das ganze Gebäude durcheinander. Und Menschen halten Häuser für Tiere, Menschen für Bäume oder den Himmel für Sahnetorten.

Ähnliche Erfahrungen machten die neugrierigeren Anthropologen, die sich in den letzten Jahrhunderten auf den Weg machten. Forscher, die sich einige Monate auf indigene Stammesgesellschaften einließen, berichteten von einem seltsamen reality shift. Sie erkannten plötzlich, dass die Geister und Gespenster, die Seelen und Ahnen, die in der Alltagsrealität der Stammesgesellschaften eine überwältigende Rolle spielen, TATSÄCHLICH im Wald wohnen. Mit Voodoo, so begriff man, kann man REAL töten – jedenfalls innerhalb eines bestimmten Kontextsystems.

Stanislaw Lem, der kürzlich verstorbene Großmeister der literarisch-wissenschaftlichen Science Fiction, erfand schon im Jahr 1960 den Begriff „Phantomatik“. Er verstand darunter eine „Realitätstechnik, die dem Individuum vorspielt, was es glauben will oder glauben soll.“ In seinem ersten Plot zum Thema, im „Futurologischen Kongress“, gaukeln sich die Teilnehmer einer Zukunftskonferenz eine heile Welt vor, die aber nur aus Pillen und „technischen Spiegelungen“ zusammengesetzt ist. Als jemand „den Stecker herauszieht“, offenbart sich die Welt als umweltverseuchte Wüste.

Das menschliche Hirn ist für den Cyberspace gewissermaßen vorprogrammiert. Menschliche Hirne simulieren und phantasieren ständig; wir konstruieren symbolische Zusammenhänge und „machen uns Bilder“ jenseits der unmittelbaren physischen Erfahrbarkeit. Dabei geht es nicht nur um kleine, alltägliche Phantasien und Tagträume. Sondern um komplette Wirklichkeiten, die aus nichts als Imaginationen materialisieren.

Religion zum Beispiel – niemand würde ihren gewaltigen impact auf das, was wir Realität nennen, bestreiten. Kognitionspsychologen und die Evolutionsbiologen wie Daniel C. Dennett und Richard Dawkins zählen generell RELIGION zum Bereich der Cyberwirklichkeit. Ihre These lautet, dass die anthropologischen Grundkonstanten unseres Hirns geradezu zwangläufig zu „Gotteskonstruktionen“ führen müssen. Weil wir immer nach dem „warum“ und dem „wie“ fragen, weil unser Hirn unentwegt „Kontexte“ herstellt, ist Gott irgendwann zwangsläufig die einzig mögliche Antwort auf die Komplexität der Welt.

Kathedralen, Moscheen und Tempel lassen sich aus dieser Sicht als eine Art „Cyber-Hardware“ definieren – physische Erlebnisräume mit einem kompletten „Set“ an Duft, Geräusch, Räumlichkeit, Bildern, die die mentalen Tore für jene Orte öffnen sollen, an denen Fülle und Verwöhnung herrscht – das Paradies eben, in dem wir von den irdischen Zwängen und Leiden erlöst sind. Weltverwandlung und Selbstverwandlung sind dabei stets eng durch eine Vision des „Übertritts“ verbunden, die durch mystische Praktiken, Entsagungen oder Kasteiungen erzeugt wird. Noch heute üben Yogis, die sich durch Schmerzen und Entsagung in eine andere Realität versetzen, eine große Faszination aus. Und wer durch Klostertüren geht, betritt auch heute noch symbolisch eine andere Welt – und verwandelt dabei sich selbst.

Der Cyberspace hat also auch VOR dem Computer eine lange Tradition - als äußerst konkrete HARDWARE. Sie reicht von den ägyptischen Pyramiden über die Trompe dóeil-Malerien des Barock bis in unsere heutigen Rundum-Kinos. Langsam wird dabei die exclusive Erfahrung des erweiterten Raums (der früher nur den Herrschern zur Verfügung standen) durch mediale Techniken demokratisiert. Die Zweitwelt wird immer preiswerter. Im Ausgang des Feudalismus, im späten 18. Jahrhundert, sind gemalte Rundum-Landschaftspanoramen eine Sensation, die von Tausenden von Menschen bestaunt werden. Die „Camera Magica“ lockt ein halbes Jahrhundert später Hundertausende an.

Auch die Schriftwelt bietet mannigfaltigen Andockstellen in die Sekundärrealität. Wer in seiner Jugend Karl May (oder Perry Rhodan oder andere serielle Wunderwerke) gelesen hat, weiß, wie eindringlich allein das geschriebene Worte ganze Universen vor dem inneren Auge entstehen lassen kann – ein alltäglicher Beleg für die unglaubliche Plastizität des Hirns, das nur allzu gerne bereit ist, sich „entführen“ zu lassen.

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Autor/in: Matthias Horx




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