Diese Seite bookmarken:

Diese Seite bookmarken

Meteorologie

Wie wird das Wetter morgen?

Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
Hier geht's zum aktuellen Heft »

Wie wird das Wetter morgen?Wie wird das Wetter morgen?

Klar gibt es gute Wetterkarten und exakte Wetterberichte. Aber wer hat sie schon immer gesehen oder gehört? Im Urlaub hilft oft nur der Blick nach oben, um sich vor Überraschungen zu schützen. Denn mit Wolkenbildern, Dunstschleiern und Farbspielen gibt das Wetter einen Teil seiner Geheimnisse preis. Der Meteorologe Meeno Schrader beschreibt hier die wichtigsten Zeichen des Himmels.

Der Faszination des Himmels ist der Mensch zu allen Zeiten erlegen. Auch im wissenschaftlichen Zeitalter blicken wir gebannt auf das geheimnisvolle Treiben über unseren Köpfen. Mag uns der technologische Fortschritt suggerieren, die Physik der Atmosphäre völlig verstanden und die Natur im Griff zu haben – wir sind noch ein unendliches Stück davon entfernt. Zu komplex sind die Zustände des Himmels, ist das Zusammenspiel von Luft, Licht und Wolken. Jedes Mal, wenn der Himmel glüht, strahlt, kocht, wabert, brüllt oder lacht, erzählt er uns immer nur die Wahrheit über sein momentanes Befinden – über das, was er in den nächsten Stunden zu tun gedenkt. Über das Danach schweigt er – wir müssen es ihm durch Forschung und Erfahrung entlocken.

Gott sei Dank wissen wir heute viel mehr als noch vor tausend Jahren. Damals flüchtete man in die Kirche zum Gebet, wenn sich am Horizont Angst einflößende Wolkenmassen auftürmten. Man glaubte, nun sei der Weltuntergang gekommen. Auch heute kann das Wetter seine Krallen zeigen und Ängste schüren – die Mächte am Himmel haben an Heftigkeit und Kraft nicht verloren. Im Gegenteil. Sie erscheinen uns sogar zunehmend als existenziell bedrohlich. Aber eines wissen wir sicher: Auch »böse« Wettererscheinungen sind nicht der Weltuntergang. Und wir können mittlerweile immer besser unterscheiden zwischen Szenarien, bei denen Gefahr im Verzug ist, und einfach nur schönen Gemälden am Firmament, die einladen, die Zeit anzuhalten.

Seit rund 150 Jahren kennen wir die kurz- und mittelfristige Wettervorhersage – sie hat es uns ermöglicht, erkannten Gefahren von oben aus dem Weg zu gehen. Aber was hilft die Unwetterwarnung, wenn sie nicht gehört, gelesen, gesehen werden kann? Spätestens dann muss man sich auf seine eigene Einschätzung verlassen. Kann man auch, wenn man die Augen aufmacht und den Himmel liest. Bleibt es schön, wird das Wetter schlechter, wird es wärmer? Bei der Antwort darauf werden häufig Restunsicherheiten bleiben, denn viele Konstellationen am Himmel haben ein Doppelgesicht: die Schönheit des Augenblicks – und das, was danach kommen kann.

Am »sichersten« dürfen wir uns unter strahlend blauem Himmel fühlen, der nur von ein paar Wolken in Zahnpasta-Weiß getupft ist. Trockene Luft ist die Voraussetzung für solche klaren Verhältnisse – im Wortsinn: Die Sichtweiten sind bestechend, eher durch die Erdkrümmung begrenzt als durch die Trübung der Luft. Kaum Staub, kaum Schmutz – und Wasserdampf ist auch nur ganz wenig vorhanden. So wenig, dass es eben gerade zu den kleinen sauberen Quellwolken reicht. Wetter vom Feinsten, das sich noch länger halten wird.

Aber wehe, es schleichen sich viele faserige Wolkenfetzen ein, die Ansätze von Geometrie und Ordnung zeigen. Auch wenn sie häufig bis zu acht Kilometer über uns dahinfliegen: Sie sind kein gutes Zeichen. Diese Cirren – Wolken aus Eis – kündigen nämlich Schlechtwettergebiete an. Sie sind die Vorboten feuchter Luft, die es vorerst nur geschafft hat, ganz weit oben Fuß zu fassen. »Oben« bedeutet: am Oberrand der Troposphäre – jenem Bereich, in dem sich das gesamte Wettergeschehen abspielt und der nur die untersten zehn bis 14 Kilometer der Atmosphäre umfasst. Je symmetrischer die Cirren den Himmel überziehen, desto unangenehmer das Nachspiel: Eine Warmfront, die mehr Feuchtigkeit aufnehmen kann, kommt unaufhaltsam näher; rund 15 bis 30 Stunden später setzt Nieselregen ein, der in kräftigen Dauerregen übergehen kann. Bevor es losgeht, machen manchmal Kondensstreifen von Düsenjets sichtbar, was eigentlich unsichtbar ist: Wasserdampf. Der ist in der warmen Luft bereits so reichlich vorhanden, dass die Streifen nicht mehr verschwinden.

Das Herannahen der Warmfront wird um so sicherer, wenn Sonne oder Mond sich mit zusätzlichen Effekten »schmücken«, die von den Lichtstrahlen ausgelöst werden – tolle Farbspiele, die fast an Zauberei grenzen, aber reine Physik sind. Treffen die Strahlen auf Eiskristalle in der Luft, entsteht durch Brechung ein Halo – ein deutlich sichtbarer Ring um Sonne oder Mond. Stoßen sie auf Wassertröpfchen, kommt es zu Beugungseffekten. Diese erzeugen »Nebensonnen« – es scheint, als hätte die Sonne Kinder bekommen. Lassen wir uns nicht einlullen von derlei Griffen in die Trickkiste der Natur. So schön sie aussehen mögen, so hässlich ist das, was zwölf bis 24 Stunden später den Himmel überzieht: tiefes, eintöniges Grau, aus dem es häufig stundenlang regnet.

Von ebensolcher Tücke sind bestimmte mittelhohe Wolken. Vor lauter Staunen über die Schönheit ihrer Formen und Farben denkt man nur ungern an das schlechte Wetter, das sie ankündigen. Macht der Himmel einen großflächigen Waschbrettbauch, lässt das Wetter seine Muskeln spielen – und in einigen Stunden, spätestens am nächsten Tag, schlägt es mit Regen zu.

Der Schein trügt ebenfalls, wenn uns glutrote, mittelhohe Wolkenfelder der Sorte Altocumulus den Morgen verzaubern wollen. Was sie bringen, hat es in sich. Wer gerade an einem Mittelmeerstrand unterwegs ist, wird sich schon bald vor einem heftigen Gewitterregen in Sicherheit bringen müssen. Aber auch woanders haben solche Wolkenfelder, sei es am Morgen oder während des Ta-ges, wenig Gutes im Sinn: Das Wetter verschlechtert sich innerhalb der nächsten vier bis acht Stunden. Hängt der Himmel erst einmal voller dunkler Wolken, versuchen manchmal noch ein paar Sonnenstrahlen, Hoffnung auf Wetterbesserung zu spenden. Lassen Sie sich auf nichts ein! Binnen kurzer Zeit beginnt es zu regnen, und der Wind legt zu.

Diese Art von Wetterveränderungen spielt sich noch recht gemächlich ab – man kann sich rechtzeitig darauf einstellen. Anders ist es, wenn der Himmel übermütig wird. Fast schon als hinterlistig entpuppt sich die anfangs kleine Blumenkohlwolke. Quillt sie auf kleinem Raum, etwa über einem Berg oder einer Insel, turmartig und schnell in die Höhe, sollte man sie nicht mehr aus den Augen lassen. Aus dem harmlos erscheinenden Gebilde entsteht innerhalb von ein bis zwei Stunden ein imposantes Wolkenwerk mit beeindruckendem Namen: Cumulus congestus. Sie kann sich zum Cumulusnimbus weiterentwickeln, und diese Wolke der Wolken ist ein vollendetes Kunstwerk: Durch ihre oben abgeplattete Form nimmt sie, schräg von unten betrachtet, die Gestalt eines Ambosses an. Die Schönheit am Himmel ist jetzt eine Gewitterwolke, die kein Pardon kennt: Graupel- und eventuell Hagelschauer sind wahrscheinlich, heftiger Platzregen und schwere Sturmböen sicher.

Diese Wolken sind in der vergangenen Zeit unberechenbarer geworden: Sie tragen vermutlich durch Klimaänderungen enorme Wassermassen und neigen dadurch zu Überreaktionen: Immer häufiger stürzen binnen zehn bis 15 Minuten 30 bis 60 Liter Wasser pro Quadratmeter vom Himmel. Kommen sie zudem im Verbund nebeneinander anmarschiert, darf ihre Zerstörungskraft nicht unterschätzt werden: Solche Gewitterfronten können mit bis zu 90 km/h übers Land jagen und Böen von 150 km/h produzieren! Als sei das noch nicht genug, bergen sie im Sommer zudem das Potenzial, Windhosen entstehen zu lassen.

Harmloser ist da meist die andere Gewittervariante des sommerlichen Nachmittags. Im Laufe des Tages quillt der Wasserdampf im Dunst verborgen zu einer großen Haufenwolke, deren Umrisse aus der Ferne nur zu erahnen sind. Zweckoptimismus auf Fortdauer des schönen Wetters wird hier selten belohnt – auch dieses Gewitter lässt sich nicht aufhalten. Einziger Trost: Die Entladung erfolgt erst am späten Nachmittag und nur für kurze Zeit. Binnen 20 Minuten ist der Spuk in der Regel vorüber – einem gemütlichen Abend im Biergarten steht nichts im Weg.

Wenn dann die Sonne untergeht, sollten wir noch einmal genauer hinschauen, bevor wir Pläne für morgen machen. Steht unser Zentralgestirn in milchigem Weiß oder Gelb am Horizont? Dann hat sich das Wetter noch nicht beruhigt – das nächste Tiefdruckgebiet mit feuchter Luft naht aus dem Westen. Taucht die Sonne den Himmel aber in ein tiefes Glutrot, ziehen die feuchten Luftmassen nach Osten ab, und aus dem Westen kommt trockene Luft – jetzt können wir sicher sein: Morgen wird es ein schöner Tag.

Noch keine Bewertungen vorhanden
Autor/in: Meeno Schrader


Mehr zum Thema:

Einsortiert unter:

Gewitter  /  Meteorologie  /  Regen  /  Sonne  /  Unwetter  /  Wetter  /  Wetterbericht  /  Wetterkarte  /  Wolken