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Neandertaler

Wie viel Neandertaler ist noch in uns?

Bis auf ein paar Knochen ist nichts von ihm übrig geblieben, dachten die Forscher bisher. Jetzt ist der Nachweis gelungen, dass der Neandertaler im Homo sapiens weiterlebt.

Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Die Frage, ob es zwischen Neandertalern und modernen Menschen wirklich zu einer Vermischung kam, war bisher kaum zu beantworten, weil der Neandertaler der nächste Verwandte des Homo sapiens istDie Frage, ob es zwischen Neandertalern und modernen Menschen wirklich zu einer Vermischung kam, war bisher kaum zu beantworten, weil der Neandertaler der nächste Verwandte des Homo sapiens ist
Die Frage, ob es zwischen Neandertalern und modernen Menschen wirklich zu einer Vermischung kam, war bisher kaum zu beantworten, weil der Neandertaler der nächste Verwandte des Homo sapiens ist
iStockphoto

Nennen wir ihn »Nano«. Er ist der Anführer der Gruppe. Mit seinen 29 Jahren gehört er zu den Älteren der Sippe. Nano ist kampferprobt. Der bullige Rotschopf hat am Tag zuvor ein Wollnashorn erlegt. Dabei rammte er eine Lanze in die Rippen des riesigen Tieres. Das Fleisch des Dickhäuters ernährt seine Sippe viele Tage lang. Als Zeichen des Triumphs brüllt Nano Siegeshymnen in die Steppe hinaus. Die anderen der Sippe antworten mit Singsang, sie feiern Nano. Das edle Fleisch über dem Feuer ist ein Festmahl. Und die Wärme tut gut in den frostigen Abendstunden. Nano und seine Leute tragen schwere Felle über den Schultern. Sie drängen sich dicht an die rote Glut.

Die Gruppe von 15 Neandertalern zieht seit Monaten durch die Tundra. Sie folgen den Spuren der Mammuts, Nashörner und Pferde, die zu den saftigen Weiden einer riesigen Insel wollen. Dahin, wo heute England liegt, wollen auch die Neandertaler. Schweren Schrittes trotten die Frauen, Männer und Kinder über eine Landbrücke durch den fast ausgetrockneten Meereskanal, der später Ärmel­kanal heißen wird. Drüben auf der Insel haben sie hohe weiße Kreidefelsen erspäht. Dorthin wollen die Jäger.

Die Sippe des Stammesführers Nano hat vermutlich vor 100.000 Jahren von Nordfrankreich aus die berühmten Kreidefelsen im heutigen Kent als Ziel auserkoren. Zu jener Zeit sind die Eispanzer in Nordeuropa und an den Polen so dick, dass das Wasser im Ärmelkanal austrocknet. Die riesigen Gletscher binden die Flüssigkeit stark. Der Nordsee-Wasserspiegel ist deshalb um 100 Meter gesunken. Überdimensional große Eisblöcke hatten sich Jahrzehnte zuvor gen Süden gewälzt. Als sie sich wieder in den Norden zurückzogen, hinterließen sie eine zerstörte Vegetation.

Schwer gezeichnet sind einige aus Nanos Gruppe von der mühsamen Wanderung in diesen frostigen Monaten. Sie sind auf dem vereis­ten Boden gestürzt. Einigen fehlen die Arme, Backenknochen sind zerschmettert. Doch Nano beschützt die Invaliden. Er hat ein Herz für die Gesunden, aber auch für die Schwachen. Als vor Monaten Mitglieder eines anderen Stammes zu ihnen stießen, nahm Nano sie großherzig auf. Doch schnell merkte er auch, dass diese Leute ihm nützlich sein können. Sie sind größer gewachsen, haben aber weniger Muskeln. Und sie sind viel geschickter beim Jagen, sie stellen schönen Schmuck her und kleben mit Paste aus Birkenrinde spitze Steine auf die Jagdspeere. Dieser Stamm ist Nanos Leuten in vielem überlegen. Deshalb freut sich der Anführer, dass zwei von seinen Frauen Kinder mit den Fremden gezeugt haben.

So oder ähnlich muss das folgenschwere Zusammentreffen von Neandertaler und Homo sapiens abgelaufen sein. Das Szenario basiert auf zwei neuen, aufsehenerregenden Forschungsergebnissen.

Zum einen ist durch Funde von zwei Feuersteinklingen im südenglischen Kent belegt, dass Neandertaler schon vor über 110.000 Jahren auf der britischen Insel gelebt haben müssen. Zu einer Zeit, in der man die Insel unter tiefem Frost und eigentlich menschenleer vermutet hatte. Und zu einer Zeit, die viele zehntausend Jahre vor den berühmten Spuren im Neandertal bei Düsseldorf lag. Forscher der Universitäten von Oxford und Southampton vermuten, dass die Neandertaler den ausgetrockneten Ärmelkanal als Weg in den Norden benutzt hatten.

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Autor/in: Christian Personn


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