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Kultur & Gesellschaft
Wie viel Gutes steckt im Menschen?
Dieser Artikel stammt aus P.M. Fragen & Antworten
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Die halbe Menschheit denkt an Heiligabend an den Mann, der mit seinem Leben dafür bezahlte, dass er die Welt friedlicher machen wollte. Bis heute sind seine Ziele nur zu kleinen Teilen erreicht. Wie kommt es bloß, dass es so schwierig ist, ein »guter Mensch« zu sein?
Es gibt zehn Minuten im Leben des Schweizer Verhaltensforschers Jörg Hess, die er nie vergisst. Sie ereigneten sich 1977. Er saß gerade konzentriert über Notizen seiner Gruppenbeobachtungen, als der Halbwüchsige Pablo ihn übermütig von hinten attackierte, zu Boden stieß und ihm ins Kreuz sprang. Hess bleibt der Atem weg, er glaubt, sein Rücken sei gebrochen. Er liegt auf dem Boden, schließt die Augen und versucht, tief durchzuatmen – als er auf einmal eine Hand auf seinem Kopf spürt, die ihm sanft übers Haar streicht.
Er öffnet die Augen und erkennt Maggie, die sich neben ihn gesetzt hat. Sie blickt ihn unverwandt an und beruhigt ihn mit Streicheln so lange, bis der Schmerz nachlässt und sein Atem wieder gleichmäßig geht. Es war zum Glück nichts gebrochen, Hess konnte seine Arbeit fortsetzen und später ein Buch über dieses und andere Erlebnisse in den Urwäldern von Ruanda schreiben. Pablo und Maggie sind Gorillas, Jörg Hess ist heute einer der bedeutendsten Primatenforscher.
Hess sagt, was ihn damals am meisten berührt habe, seien die Zuwendung und die Zärtlichkeit gewesen, die ihm entgegengebracht wurden. Augenblicke des Mitgefühls, die man im Leben so oft vermisst, so oft vergeblich sucht. Güte. Hess fand sie im Urwald. Mit der Suche danach steht er nicht allein, die Sehnsucht nach guten Taten und guten Menschen war wohl nie so ausgeprägt wie heute. Eine Umfrage des »Stern« nach den Idolen der Deutschen sieht unter den ersten Zehn Mutter Teresa, Nelson Mandela, Albert Schweitzer, Mahatma Gandhi, Martin Luther King, Jesus Christus. Auf Platz eins: die eigene Mutter. Auf Platz drei: der eigene Vater.
Mag sein, dass die Befragten sich ähnlich verhalten wie Politiker, die Sonntagsreden halten: Man gibt Sonntagsantworten. Aber in dieser Ballung ist es sicherlich kein Zufall mehr. Das unterstreicht auch ein anderes Phänomen: Immer mehr Websites widmen sich der Suche nach dem Guten. Sie heißen zum Beispiel www.stille-taten.de, www.gut-tun-tut-gut.de oder www.gutetaten. de. Allen geht es darum, durch eigenes Tun Gutes in die Welt zu bringen – ein sehr pragmatischer Ansatz, den schon der Schriftsteller Erich Kästner (1899–1974) in seinem berühmten Wort »Es gibt nichts Gutes, außer man tut es« postulierte.
Ist der Mensch von Natur aus gut?
Seit es Menschen gibt, grübeln sie darüber nach, warum das Gute es so schwer hat in der Welt, ob das Gute in unserer Natur liegt, warum einige Menschen es haben, andere nicht. Manche kommen zu optimistischen Antworten, andere zu pessimistischen. Nicht ganz hoffnungslos sieht es zum Beispiel einer der Klügsten, der griechische Denker Sokrates (470– 399 v. Chr.). Er meint: »Wenn der Mensch das Gute erkennt, tut er es.« Betonung auf »wenn«. Sein Landsmann Aristoteles (384–322 v. Chr.) weiß, wie man ihm dabei auf die Sprünge helfen kann: »Um zum guten Bürger zu werden, braucht der Mensch gute Gesetze.« Andere kommen zu düsteren Erkenntnissen wie der Reformator Martin Luther (1483–1546), der meint, der Mensch sei seiner Natur nach böse, nur sein Glaube könne ihn erlösen. Der französische Aufklärer Jean-Jaques Rousseau (1712–1778) schlägt einen Kompromiss vor: »Der Mensch ist von Natur aus gut, die Gesellschaft lässt ihn böse werden.«
Nach herrschender wissenschaftlicher Meinung haben Gut und Böse gar nichts mit der Natur des Menschen oder der Natur überhaupt zu tun. Es sind Größenordnungen, die die Natur, in der es ausschließlich um den Fortbestand der Art geht, nicht kennt. Prof. Dr. Hubert Markl, ehemaliger Direktor der Max-Planck-Gesellschaft: »Gut und böse gehören nicht zur Begrifflichkeit der Natur, sondern zur Kultursphäre des Menschen.« Nicht umsonst ist das Bild vom »Kampf der Kulturen« täglich in den Medien zu finden: Jede Kultur hat ihre eigenen Moralvorstellungen und Werte entwickelt, nach der die Menschen ihre ethischen Normen ausrichten und entscheiden, was gut und was schlecht ist.
Nicht selten gelten die Werte der Nachbarkultur bereits als Inkarnation des Schlechten. So war die Sowjetunion vor gar nicht langer Zeit für Ronald Reagan das »Reich des Bösen«, die USA sind es heute für die Islamisten. Objektiv betrachtet sind Gut und Böse rein normative Begriffe – mit welchen Inhalten sie gefüllt werden und welche Urteile über das Verhalten von Menschen gefällt werden, hängt ganz vom jeweiligen Standpunkt ab. Krass gesagt: Des einen Terrorist ist des anderen Freiheitskämpfer. Denn Ethik ist nicht gleich Ethik. Die Sozialpsychologie unterscheidet zwischen Gesinnungsethik und Verantwortungsethik. Bei Ersterer steht das Motiv des Handelns im Vordergrund: Ein guter Zweck ist nur mit guten Mitteln anzustreben. Bei der Verantwortungsethik gelten die vom Handeln bewirkten Folgen als Maßstab der Bewertung, sodass auch ein Mord ethisch hoch bewertet kann, wenn es nur den Richtigen trifft – zum Beispiel beim Tyrannenmord.
Setzt das Gute sich durch?
Was das Gute ausmacht, wird bei uns jeder schnell aufzählen können. Hilfsbereitschaft, Ehrlichkeit, Anständigkeit, Mitgefühl – kurz: Altruismus in seiner reinen Form. Erwiesen ist, dass Gruppen, deren Mitglieder sich untereinander altruistisch verhalten, sich evolutionsbiologisch gegenüber anderen Gruppen besser durchsetzen können. Individueller Egoismus ordnet sich dem Gruppenwohl unter, der Einzelne profitiert davon.
Umso schwerer ist nachvollziehbar, wie gering der Altruismus, also das selbstlose Handeln, heute ausgeprägt ist. Wenn wir doch alle wissen, wie wir eigentlich gern wären und wie wir unsere Mitmenschen gern hätten – warum trifft man so selten auf Menschen, von denen man mit Fug und Recht sagen kann: Das ist mal ein wirklich guter Mensch? Und wenn sich einer als solcher outet, warum wird er dann gern als »Gutmensch« lächerlich gemacht, was im französischen (»Bonhomme«) übrigens in einer Nebenbedeutung Schwachkopf heißt? Prof. Markl: »Es ist der Preis der weitreichenden Verhaltensfreiheit, in die uns die Evolution entlassen hat, dass auf das Gute ganz und gar kein Verlass ist. Wir sind so geschneidert, dass wir zwar moralbedürftig sind, aber dass wir so abgerichtet werden können, dass wir unseren Mitmenschen schier alles antun, was sich die Menschenfantasie an Grausamkeiten auszudenken vermag.«
Grausamkeiten? Schauen wir einem süßen Baby in seine großen, vertrauensvollen Augen, und können wir uns vorstellen, dass dieser Mensch später einmal Grausamkeiten verübt? Natürlich nicht. Aber heißt das, das Gute ist dem Menschen in die Wiege gelegt, das Böse schleicht sich erst später an ihn heran? Darüber gibt es unter Pädagogen, Psychologen, Philosophen und Theologen Spekulationen und Meinungen zuhauf, aber keine Einigkeit. Doch es gibt ein paar Fakten. Zum Beispiel, dass Gewalterfahrung in der Kindheit die Wahrscheinlichkeit, dass es später selbst Gewalt ausübt, um das Vierfache erhöht. Gewalt gegen Kinder erzeugt gewalttätige Erwachsene. Denn die psychosozialen und emotionalen Erfahrungen haben einen bleibenden Einfluss auf die Entwicklung des Gehirns. Umgekehrt ist nachgewiesen, dass eine gute und einfühlsame Eltern-Kind-Beziehung und eine sichere Gebundenheit die Entwicklung von sozialer Kompetenz und emotionaler Stabilität fördern.
Woher kommt das Böse?
Auch die indirekte Gewalterfahrung über Medien (Fernsehen, Computerspiele) trägt nachweislich zur eigenen Gewaltbereitschaft bei, da sie desensibilisiert und die Gewalt als Normalität erscheinen lässt. Vor allem bei Kindern unter acht Jahren, die noch nicht sicher zwischen Fantasie und Realität unterscheiden können. Aber es muss nicht gleich Gewalt sein, bereits lieblose Erziehung und unsichere Bindungen führen zu Beschädigungen des Selbstbildes und des Selbstwertgefühls – das ist der ideale Nährboden für aggressives Verhalten in späteren Jahren.
Vor allem ist es jedoch das Gefühl von Angst, sei es konkrete oder diffuse Angst, das wie eine Zeitbombe wirkt. Der österreichisch-amerikanische Aggressionsforscher Friedrich Hacker stellte in den 70er-Jahren des vorigen Jahrhunderts fest: »Aggression entsteht vor allem aus Angst.« Der deutsche Psychoanalytiker Alfred Adler (1870–1937), einer der Begründer der Individualpsychologie, vertrat schon lange vorher den Standpunkt: »Die Entwicklung des Guten im Menschen hängt davon ab, wie er die ersten Unterlegenheitssituationen, nämlich seine Hilflosigkeit als Säugling, bewältigen konnte. Das Gefühl des Aufgehobenseins bestimmt seine spätere Fähigkeit, Gemeinschaftsgefühle zu entwickeln und zu erleben. Die Erziehbarkeit eines Menschen hängt davon ab, wie er die Hilfe der Bezugspersonen erlebt hat.« Im Klartext: Je unzuverlässiger die Bezugspersonen in früher Kindheit, desto schwerer tut sich der Mensch in seinem späteren Zusammenleben mit anderen, je allein gelassener ein Mensch in seinen frühen Jahren, desto größer das Risiko, dass er später darauf »böse« reagiert.
Angst und seine Hauptursache, das Gefühl von Unsicherheit und Bedrohung, entstehen jedoch nicht nur durch konkrete Personen im unmittelbaren Umfeld. Sigmund Freud (1856–1939), der Begründer der Psychoanalyse, vertrat als Erster die inzwischen zum Allgemeingut gewordene These, dass die kulturell gefor-derte Verdrängung von Trieben zu Ängsten und damit zu Aggressionen und sozialschädlichem Verhalten führe. Sozialkritiker variierten diesen Ansatz vielfältig – bis hin zu Karl Marx (1818–1883), der als Ursache des Schlechten in der Welt die ungerechte Verteilung der Produktionsmittel sah. »Kann ein Mensch unter wid-rigen Bedingungen überhaupt gut sein?«, lautet die Kernfrage in Berthold Brechts »Der gute Mensch von Sezuan«. Die Antwort lautet: kaum. Verhaltensforscher Konrad Lorenz (1903 – 1989) macht das abhängig von der Beschaffenheit des »Druckventils«, das jeder von uns in sich habe. Lorenz stellt sich die Menschen als Dampfkessel mit unterschiedlich starken Überdruckventilen vor: »Wie lange ein Mensch einen Aggressionsstau ertragen kann, bestimmt die Stärke des Ventils.«
Bestimmen wir unser Verhalten selbst?
Aha, die böse Gesellschaft ist also mal wieder Schuld – werden jetzt diejenigen sagen, die mit diesen Erklärungen gar nicht einverstanden sind und fragen: Wieso sind dann die einen gut, die anderen schlecht, auch wenn sie unter gleichen Bedingungen leben und aufgewachsen sind? Das bedeutet doch wohl, dass es sehr wohl in der Entscheidung jedes Einzelnen liegt, wie er sein Leben und sein Zusammenleben mit anderen Menschen gestaltet, ob er Gutes oder Schlechtes tut, ob er Morde begeht oder nicht?
Darauf gibt es neuerdings Antworten, die den Verfechtern der Selbstbestimmung des Individuums noch weniger gefallen. Die neurobiologische Hirnforschung hat nämlich festgestellt, dass eine direkt über der Augenhöhle liegende Hirnregion, der orbitofrontale Kortex am äußersten Rand des limbischen Systems (die Funktionseinheit des Gehirns, in der Emotionen verarbeitet werden), für die Gewissensentscheidungen des Menschen zuständig ist. Ist der Kortex verletzt oder zerstört, können Menschen unsozial, unmoralisch und gewalttätig werden. Untersuchungen an Straftätern haben außerdem bewiesen, dass Schädigungen wie Tumore normales Verhalten außer Kraft setzen können. Ein Buch des deutschen Hirnforschers Prof. Hans Markowitsch von der Universität Bielefeld (»Tatort Gehirn«) hat in diesem Jahr die Debatte um die Selbstverantwortung des Menschen weiter angeheizt, denn es zeigt anhand vieler Beispiele, wie organische Schäden, Fehlfunktionen des Stoffwechsels und aus der Balance geratene Botenstoffe im Gehirn zu Persönlichkeitsveränderungen führen können.
Markowitschs Behauptung: Kapitalverbrechen haben fast immer einen hirnbiologischen Hintergrund. Für die Rechtsprechung könnte das unabsehbare Konsequenzen haben, zumindest theoretisch. Prof. Dr. Wolf Singer, Neurophysiologe am Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt, glaubt allerdings, dass »unser juristisches System sich nicht viel ändern wird, obwohl es eigentlich nicht mehr haltbar ist.« Ändern könne sich aufgrund der neuen Erkenntnisse aber »die Art, wie wir miteinander umgehen – toleranter, nachsichtiger, verständnisvoller. Aus den gleichen Gründen, die uns gegenüber Epileptikern und Schizophrenen gegenüber nachsichtig gemacht haben, seit wir begriffen haben, dass sie krank sind und nicht vom Teufel besessen.« Man müsse sich zwar auch weiterhin vor Straftätern schützen und auch zu Sanktionen greifen, aber: »Die Betrachtungsweise hat sich geändert.«
Wird das Schlechte künftig wegoperiert?
Die neuen Forschungen erschüttern die Vorstellungen vom selbstbestimmten Menschen, der Herr seiner Entscheidungen ist. Damit nicht genug: Es gibt heute schon Gehirnschrittmacher, die Parkinson-Patienten ein beschwerdefreies Leben erlauben mittels einer Elektrode im Gehirn, die die Symptome der Krankheit neutralisiert. Gearbeitet wird an Implantaten zur »Verbesserung der Natur«, zum Beispiel der Gedächtnisleistung. Und was ist von Hirnimplantaten zu halten, die der »Verbesserung des Menschen« dienen, indem sie der Gesellschaft zuwiderlaufende Hirnschäden korrigieren oder ausschalten? Ein Horrorfilm-Szenario: Es fällt nicht schwer, sich Ideologien und Diktaturen vorzustellen, die nur darauf warten, so etwas in die Hände zu bekommen...
»Wie gut ist der Mensch wirklich?« stellt der Fundamentaltheologe Prof. Dr. Herbert Frohnhofen (Mainz) die zentrale Frage und gibt gleich selbst die Antwort: »Na ja, unterschiedlich gut, meine ich, die einen mehr, die anderen weniger.« Ist es so einfach? Oder ist das der Humor, den sich nur ein renommierter Theologe erlauben kann? Albert Einstein (1879– 1955) war der Meinung: »Humor mildert in wohltuender Weise das leicht lähmend wirkende Verantwortungsgefühl und macht, dass wir uns und die anderen nicht gar zu ernst nehmen.« Das wäre vielleicht gar nicht schlecht für uns alle.
Denn über Humor verfügen offenbar auch die Gorillas des Jörg Hess, jene Säugetiere, die als friedlichste auf Erden gelten. Hess: »Der junge Mann Shinda hatte die Angewohnheit, mich morgens, wenn ich bei seiner Familie erschien, mit einer Pirouette und einem kleinen Klaps in die Kniekehlen zu begrüßen. Dann sah er mich erwartungsvoll an.« Obwohl es die Regeln der Verhaltensforscher eigentlich nicht zulassen, tat Hess ihm den Gefallen, es ihm gleichzutun. »Wir blieben dann bei diesem festgelegten Begrüßungsmodus.«

























