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Waldbrände

Wie löscht man drei Millionen Bäume?

Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Wie löscht man drei Millionen Bäume?Wie löscht man drei Millionen Bäume?

Jetzt beginnt wieder die Zeit der Waldbrände, in Spanien und Griechenland, auf Korsika und in Süditalien. Nirgendwo aber brennt es so häufig wie in den USA – und nirgendwo sonst ist die Waldbrandbekämpfung so professionell.

Der Anblick lässt den Atem stocken: Bis in den Himmel scheinen die Flammen zu reichen, Hunderte Meter hoch, dort hinter dem Mount Elden, wenige Meilen nördlich von Flagstaff in Arizona. Dabei ist es nur der gewaltige Rauch, der so rot leuchtet, angestrahlt von der frühen Morgensonne, hin- und hergeweht vom Wind. Dennoch: Irgendwo da hinten ist das Feuer. Und es ist verdammt gefährlich.

Dugger Hughes aber, mit Dutzenden Großbränden und 35 Berufsjahren auf dem Buckel, wird so schnell nicht nervös. Es ist halb sieben an diesem 21. Juni 2010, in einer halben Stunde muss sein Sprecher Jim Payne die erste von zwei täglichen Pressemitteilungen herausgeben. Hughes greift sich eine Tasse Kaffee, Zeit für die Lagebesprechung.

Erst seit gestern Abend sind sie hier am »Schultz Fire« im Einsatz (das so heißt, weil es an der gleichnamigen Passhöhe ausgebrochen ist) – eine hoch spezialisierte Eingreiftruppe, die nichts anderes tut, als den Kampf gegen Waldbrände zu organisieren: die Logistik, die Technik, die Strategie, den Einsatz von Mensch und Material und auch die Öffentlichkeitsarbeit.

Die Truppe von Dugger Hughes ist ein »Incident Management Team«, was so viel bedeutet wie Störfall-Manager, und zwar »Typ 1« – die oberste Liga der Waldbrandstrategen. Typ-1-Teams, von denen es in den USA insgesamt 17 gibt, werden dann gerufen, wenn es richtig brenzlig wird. Wenn nicht nur die regionale Feuerwehr überfordert ist, sondern auch die Feuerwehrkräfte der einzelnen Behörden, etwa des US Forest Service. Dann ergeht der Befehl von der obersten Instanz in Sachen Waldbrandbekämpfung, dem National Interagency Fire Center in Boise, Idaho, an Teams wie das von Dugger Hughes.

Hughes ist ein General in einem Krieg. Auf dem Höhepunkt des Kampfes gegen das Schultz Fire wird er knapp tausend Mann befehligen, davon mehrere hundert Mann Bodentruppen, die Hand Crews; vier schwere Löschflugzeuge, ein leichtes Aufklärungsflugzeug, sieben Hubschrauber; zwölf Tanklaster und 56 leichte Löschfahrzeuge; dazu Kleinzeug wie Geländewagen und Bulldozer. Mehr als eine Million Dollar am Tag wird der Spaß in der heißesten Phase kosten. Jede Ausgabe, von der Essensration bis zur Helikopterstunde, wird penibel registriert, die laufenden Gesamtkosten erscheinen täglich in der Pressemitteilung. Am Ende, nach neun Tagen Einsatz, werden 8,2 Millionen Dollar zu Buche stehen. Aber das ist nicht Hughes’ Problem.

Jetzt geht es erst mal darum, das Feuer in den Griff zu kriegen. Da oben brennen 40 Quadratkilometer Wacholder- und Kiefernwald, und es können leicht mehr werden. Die Luftfeuchtigkeit liegt bei dürren 14 Prozent, von Südwesten kommen leichte, aber böige Winde.

Hughes weiß, wie es da oben aussieht. Es gibt keine Art von Feuer, die er noch nicht gesehen hat. Er kennt den Anblick, wie das Feuer sich durch die Landschaft frisst wie ein unheimliches Tier. Wie es manchmal still und leise, kaum sichtbar, durch den Untergrund kriecht; wie es aber an einem ausgedörrten Steilhang, angefeuert durch aufsteigenden Wind, auch regelrecht explodieren kann. Er weiß, wie es sich anhört, wenn der Brand in die Baumkronen überspringt und zum Feuersturm wird, der sich selbst anfacht, weil die aufschießende Hitze die Umgebungsluft ansaugt. Wie dann das Feuer so laut rauscht, dass es sogar das vieltausendfache Knacken des berstenden Holzes übertönt, und wie die Flammen zehn, zwanzig Meter höher schlagen, als die Bäume überhaupt hoch sind. Er weiß, dass ein großer Waldbrand zu den faszinierendsten Naturgewalten gehört.

Die Antwort der Fire Fighter auf das unbezähmbare Element: wissenschaftliche Systematik. Penible Planung. Straffe Organisation. Und ausgefeilte Strategien zum Eindämmen des Feuers, die permanent überprüft werden. Wenn ein Incident Management Team ein Großfeuer übernimmt, wird dieses erst mal in allen Einzelheiten erfasst. Wie groß ist die brennende Fläche? Wem gehört das Land? Wo und wodurch ist das Feuer entstanden? Welches brennbare Material liegt vor, welche Art von Bewuchs und Unterholz? Wie ist die Geländebeschaffenheit? Wie sind die meteorologischen Verhältnisse, vor allem Luftfeuchtigkeit und Wind? Wie verhält sich das Feuer?

Ein Feuer zu »lesen«, zu erkennen, wie gefährlich es werden wird, wie es sich verändern kann und wie man es besten angeht, das ist die Kunst der Fire Manager – von denen die meisten jahrelang selbst das Feuer bekämpft haben und auch die Drecksarbeit kennen.

Mit dem Helikopter, mit dem Geländewagen und teils auch zu Fuß erkunden die Spezialisten das Gelände, um zu entscheiden, wo jeweils die Fireline angelegt wird, die Brandschneise, die das Feuer begrenzen und aufhalten soll. Die Fireline ist die Front, an der die Bodentruppen das Gelände gegen den Feind verteidigen, in zäher, mühsamer, schweißtreibender Handarbeit, oft an steilen, schwierig zu begehenden Hängen, meist in der Hitze, trotzdem in dicker Schutzkleidung und oft genug bis an den Rand der Erschöpfung. Mit dem Pulaski, einem Werkzeug, das Hacke und Axt zugleich ist, hacken sie Büschel vertrockneter Gräser aus, entfernen lose Äste und anderes Material, beseitigen Sträucher und Unterholz; bei stärkeren Ästen und Stämmen kommt die Motorsäge zum Einsatz. Alles Brennbare muss weg, bis der nackte Boden frei liegt. Fire Fighter sind stolz, topfit und durchtrainiert, sie lieben die Gefahr, das Abenteuer, das Draußensein und den Team Spirit. Sie sind moderne Helden und werden von der Bevölkerung geliebt – aber ihre Hauptbeschäftigung ist ziemlich unglamourös.

Meist wird die Fireline dadurch verstärkt, dass man sie auf der dem Feuer zugewandten Seite vorsichtig und kontrolliert abfackelt, damit das Feuer schon vor der Fireline an Kraft verliert. »Burning out« nennen die Feuerkrieger das, eine grundlegende Taktik; denn eine komplett verbrannte Fläche brennt nicht ein zweites Mal, und so kann man sich das Feuer vom Leib halten. Wenn man es richtig macht.

Neben den üblichen Bodentruppen sind bei einem Großfeuer wie dem Schultz Fire auch spezialisierte Einheiten dabei, zum Beispiel die Hotshots, die Elite-Feuerkämpfer, oder die Smokejumper, die Feuerspringer. Das sind die ganz harten Jungs. Sie springen an schwer zugänglichen Stellen mit dem Fallschirm ab und arbeiten dort an der Fireline. Zwar werden sie bei der Arbeit aus der Luft unterstützt, aber im Prinzip sind sie im Gelände auf sich allein gestellt.

23. Juni. Inzwischen haben die Fire Manager um Dugger Hughes die komplette Frontlinie definiert, also den Bereich, in dem sie das Feuer zu halten versuchen werden – von dem zum jetzigen Zeitpunkt aber erst etwa ein Viertel angelegt ist. Sie entschließen sich zu einem großflächigen Burnout an der Südwestflanke des Feuers, das heißt, sie werden die Restfläche bis zur Fireline kontrolliert abfackeln, bevor das Feuer es tut. Frontbegradigung im großen Stil. Und da ist es nicht damit getan, ein bisschen Brandgel auf das vertrocknete Gras zu tropfen, wie es die Leute an der Fireline tun; jetzt muss der Hubschrauber her.

Und so entsteht am nächsten Tag die paradox anmutende Situation, dass man mehrmals den Helikopter mit einem angehängten Behälter starten sieht, aus dem dann aber nicht Wasser fällt, sondern eine brennende Masse. Doch das Burnout ist erfolgreich, wie Jim Payne am Tag darauf verkünden kann. Die Südwest- und Westfront stehen jetzt relativ stabil.

Inzwischen ist so gut wie sicher, dass der Brand durch ein schlampig gelöschtes Lagerfeuer ausgelöst wurde. Es wird eine Belohnung von 2500 Dollar ausgesetzt, falls ein Hinweis zur Ergreifung der Täter führt. Vor diesem Hintergrund hat die Angabe der Gesamtkosten in der täglichen Pressemitteilung auch einen erzieherischen Aspekt: Seht her, nicht nur ein schönes Stück Heimat ist futsch, sondern auch Millionen von Steuergeldern – weil ein paar Idioten nicht aufgepasst haben.

»55 percent contained« meldet Jim Payne am Abend des 26. Juni – das Feuer ist zu mehr als der Hälfte unter Kontrolle. Die Containment-Zahl, die Menge der fertiggestellten Fireline, ist die tägliche Erfolgsmeldung; wenn mehr als die Hälfte erreicht ist, gilt das meist als eine Art Durchbruch. Wobei auch »100 percent contained« nicht bedeutet, dass das Feuer völlig gelöscht ist. Es kann durchaus im Inneren noch irgendwo brennen. Aber es ist vollständig von einer intakten Fireline umgeben und damit unter Kontrolle.

Jetzt geht das Fire Management in seine letzte Phase. Jeden Tag werden Leute abgezogen, allein am 27. Juni sind es 120 und mehrere Löschfahrzeuge. Das Wetter hat mitgeholfen; die befürchteten stärkeren Winde sind ausgeblieben. Und während das Feuer an manchen Stellen noch vor sich hin lodert, der Boden allerorten noch raucht und schwelt, trifft bereits das erste BAER-Team ein – die Abkürzung steht für »Burnt Area Emergency Recovery«, also etwa »Not-Wiederherstellung von verbrannten Flächen«.

Die BAER-Teams sind die Wiederbelebungsspezialisten für die Ökologie eines Gebiets; sie sollen die Erosion begrenzen. Denn frisch abgebrannte Hänge sind extrem anfällig gegen Auswaschung. Ohne schützende Pflanzendecke spült der nächste Regen riesige Mengen an Lockermaterial zu Tal, wertvoller Boden geht verloren, und die Täler können am Schlamm ersticken. Die BAER-Leute – Ökologen, Bodenkundler und andere Wissenschaftler – identifizieren zunächst die gefährdetsten Bereiche; später wird dann ein Konzept mit konkreten Maßnahmen erstellt.

Am 30. Juni schreibt Jim Payne seine letzte Pressemitteilung. Die Bilanz: 61 Quadratkilometer verbrannte Fläche; kein zerstörtes Gebäude, keine schweren Verletzungen. Am 1. Juli um 6 Uhr gibt Hughes’ Team die Verantwortung für das Feuer an ein Typ-3-Team ab, eine niedrigerrangige Truppe, die den Fall abwickeln wird. Die Kommandozentrale in der Schule am nordöstlichen Rand von Flagstaff wird aufgelöst, nun können die Kids wieder in ihre Klassenräume. Die Lotsen gehen von Bord – nicht ohne der Bevölkerung für ihre Geduld und Unterstützung zu danken, »die wir so schnell nicht vergessen werden«. Auch das ist das Ethos der Fire Fighter: Sei freundlich zu jedermann.

Und das nächste Feuer kommt bestimmt. Vielleicht ist es sogar
in diesem Moment schon ausgebrochen. Hughes wird es erfahren, vielleicht schneller, als ihm
lieb ist.

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Autor/in: Martin Rasper


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