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Neue Serie Teil 1: Gesellschaft im Wandel

Wie klug können wir noch werden?

Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Wie klug können wir noch werden?Wie klug können wir noch werden?

Der Zukunftsforscher Matthias Horx startet in diesem Heft eine Serie über unser Leben morgen. Seine These: Wir wissen heute sehr viel mehr über die Zukunft als noch vor 20 Jahren. Negative Trends haben sich gedreht. Das Schicksal der Menschheit sieht wesentlich besser aus, als viele glauben. Im ersten Teil beschäftigt er sich mit der angeblich zunehmenden »Verblödung« der Gesellschaft. Und kommt zu einem überraschenden Ergebnis.

Die Frage nach der menschlichen Klugheit ist so alt wie die Zivilisation – und wurde meist negativ beantwortet. Schon zu Zeiten Senecas (4 v. Chr. – 65 n. Chr.) ging man von einer großen Masse von Dummen aus und einer winzigen, zu geistigen Leistungen fähigen Elite. Als Ursachen für diesen schlechten Proporz wurden neben der Erblehre auch »natürliche« Prozesse genannt, die den Menschen faul, konservativ und lernunwillig machen.

Im 21. Jahrhundert können wir unseren Lebensunterhalt nicht mehr durch Feldarbeit, Fließbandarbeit oder klassische Büroarbeit bestreiten — sondern nur durch eigenständige Intelligenzleistungen. Deshalb ist die Frage nach dem geistigen Potenzial der Menschheit für uns so entscheidend wichtig geworden, dass wir uns mit dem alten Bild von der dummen Masse nicht begnügen dürfen.

Ausgerechnet jetzt heißt es aber wieder, die Menschheit werde jeden Tag ein wenig blöder. Kinder mutierten angeblich zu faulen, Süßigkeiten fressenden Monstern und das »Unterschichtenfernsehen« würde die Menschheit endgültig verblöden. Stimmt das? Nein. Unterm Strich und über lange Zeit gemessen wird die Menschheit sogar immer klüger. Der neuseeländische Professor James R. Flynn kam, auf Grund von Langfrist-Daten in 20 Ländern der Erde, zur erstaunlichen Erkenntnis: Die Intelligenz der Bevölkerung in den meisten Ländern erhöht sich unaufhörlich. Flynn fand Anstiege zwischen fünf und 30 Punkten in nur 25 Jahren. Die Deutschen etwa verbesserten sich von 1954 bis 1981 um 17 Punkte – im Reich der Intelligenzmessung eine beachtliche Punktzahl.

Die Reihenuntersuchungen Flynns wurden nicht fortgesetzt, und einige neuere Untersuchungen lassen eher ein Abflachen der Klugheits-Kurve vermuten. Doch die vier wesentlichen Trends, die in den meisten Ländern der Erde für die Intelligenzentwicklung gesorgt haben, sind konstant geblieben.

Ernährung: Ihre Qualität hat sich für den allergrößten Teil der Menschheit in den letzten Jahrzehnten massiv verbessert. Dabei sind es gerade die hochkalorischen und zuckerreichen Nahrungsmittel, welche die geistige Leistungsfähigkeit steigern — solange man sie nicht besinnungslos in sich hineinstopft. Radikal zurückgegangen sind dagegen die »Intelligenzkiller« — die schweren infektiösen Kinderkrankheiten.

Bildung: Noch Anfang des 20. Jahrhunderts ging in den ländlichen Regionen Europas kaum jedes zweite Kind in die Schule, seitdem hat sich der weltweite jährliche »Input« an schulischer Bildung in die Menschen verzwanzigfacht.

Erziehung: Weit verbreiteten Vorurteilen zum Trotz kümmern sich Eltern heute mehr um ihren Nachwuchs als in der Vergangenheit. Fragen der Kindererziehung werden in den Wohlstandsnationen in einem weitaus höheren Ausmaß als früher ernst genommen und diskutiert.

Mediale Vernetzung: Gerade die Massenmedien, oft für ihre Verdummungsfunktion gescholten, tragen direkt und indirekt zur »Weltbildung« bei. Neueste Forschungen zeigen, dass die kritisierten Videospiele enormes »Hirntraining« darstellen; sie üben komplexes, strategisches, multifaktorielles Denken und Handeln.

Um weitere Prognosen über die Entwicklung menschlicher Intelligenz machen zu können, muss man sich klar machen, wie — und aus welchen Gründen — sie überhaupt entstanden ist.

Vor etwa 75000 Jahren fand im heutigen Kenia statt, was die Anthropologen den »Großen Sprung« nennen. Archäologische Funde aus dieser Zeit dokumentieren gegenüber früheren Funden einen dramatischen Wandel: Jetzt erfanden die frühen Menschen das Erfinden. In einer Höhle im östlichen Kongo entdeckte man kunstvoll gefertigte Werkzeuge aus Knochen: Dolche, Pfeile und Speerspitzen mit Widerhaken. Das Werkzeugarsenal des Cromagnonmenschen umfasste dann schon kleine Klingen, Angelhaken, Flöten, Kalender. Werkzeuge, Höhlenwände, der eigene Körper wurden verziert, man schnitzte Figürchen von Tieren und nackten Frauen. Doch wie war es zu diesem »Großen Sprung« gekommen? Richard Dawkins, der berühmte Evolutionsbiologe, führt in seinem Buch »Der entzauberte Regenbogen« drei wesentliche Gründe an.

Erstens: Die Entwicklung der Sprache war in einer Umgebung voller Gefahren ein entscheidender Überlebensvorteil. Zum Beispiel beim Jagen von Großwild, wo man nun hoch arbeitsteilige Prozesse koordinieren konnte, aber auch als »Medium« in Rangkämpfen und bei der Reproduktion.

Zweitens, so Dawkins, entwickelte sich unser Hirn durch die optische Repräsentation der Umwelt. Die ersten Bilder waren Abbildungen von Tieren und – Karten! Wer »innere Karten« als Orientierungshilfe hat, kann besser Fährten lesen — und erfolgreicher jagen.

Drittens: Unser übergroßes Hirn formte sich nach Dawkins nicht nur durch die Gene, sondern auch durch einen »zweiten Replikator« — die »Meme«. Mit diesem Wort bezeichnet er kulturelle Muster, Bilder, Symbole, Traditionen; alles, was auf dem Wege der Imitation, des Lernens und Weitergebens an andere Menschen kopiert werden kann. Ähnlich wie wuchernde Software benötigen Meme immer größere und schnellere Hardware-Speicher. So entsteht unser großes Hirn gewissermassen als Anpassung an den radikal wachsenden Speicherbedarf symbolischer Prozesse.

Einen weiteren Grund für das Wachstum der Intelligenz beschreibt der Psychologe George Loewenstein. In »The Psychology of Curiosity« (1994) definiert er das menschliche Lernen als Lustprozess. In unseren Hirnen, so Loewenstein, ist ein individuelles Set von Mustern verankert, mit denen wir uns ein schlüssiges Bild unserer Umgebung machen. Stoßen wir auf ein äußeres Signal, das im Widerspruch zu dieser »inneren Ordnung« steht, wird eine Kaskade neuronaler Ausschüttungen in Gang gesetzt, welche die Synapsen aufnahmefähig für neue Muster und Verbindungen machen. Dann erzeugt das Hirn einen »Schwarm« vielfältiger Lösungsmodelle, entscheidet sich schließlich für eines davon und verankert diese neue These im Gedächtnis. Dabei werden Dopamine ausgeschüttet und eine Welle von neuronalen Glücksgefühlen erzeugt: Aha, ich habe es erkannt!

Lernen ist also nicht jener mühsame Prozess des »Auswendiglernens«, zu dem wir ihn in unseren Schulen gemacht haben. Es ist eine Form körpereigenen Drogengenusses! Tatsächlich ist die Plastizität des Hirns auch viel größer als früher angenommen. »Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr« erweist sich als falsch. Die neuere Hirnforschung zeigt, dass Gehirnzellen sich sehr wohl vermehren können und dass wir bis ins hohe Alter gern lernen – nur eben anders.

Im Kontext der globalen Informationswelt wird der Geist unaufhörlich stimuliert, herausgefordert, in Lernstress versetzt. Er antwortet darauf mit einem alten evolutionären Muster — mit immer filigraneren, spezialisierteren Fähigkeiten. Unter anderem auch mit einer »Anpassung«, die auf den ersten Blick wie eine Beschränkung wirkt: mit so genannten Inselbegabungen.

In einer der schönsten Beschreibungen menschlicher Wahrnehmungsmöglichkeiten, »Supergute Tage« von Mark Haddon, wird die Reise des jungen Christopher von einem Vorort von London in die Innenstadt geschildert. Ein kurzer Bahntrip – aber ein Rausch von Sinneseindrücken, gegen die jeder Drogentrip nur ein müdes Nieseln ist! Christophers Geschichte rührt deshalb so tief, weil wir spüren, dass auch in unserem eigenen Inneren eine hypersensible Seele wohnt, die zu ungeheuren Wahrnehmungsleistungen fähig ist.

Christopher leidet unter der Asperger-Krankheit, einer Variante aus dem Formenkreis des Autismus. Aspergertum hat in schicken urbanen Kreisen fast Kultstatus bekommen, »Du bist Asperger« ist in London eine halb zynische, halb bewundernde Metapher für: Du bist hoffnungslos übersensibel, aber du bist auch toll und interessant!

In der neueren Forschung setzt sich der Gedanke durch, dass der so genannte Autismus viel weiter verbreitet ist als bisher angenommen. So halten Autismusforscher wie Simon Baron-Cohen zum Beispiel ausgeprägte Männlichkeit für eine milde Form von Autismus. Auch Genies oder große Talente werden inzwischen oft als »sanfte Autisten« betrachtet.

Im berühmten Film »Rain Man« ist die Hauptfigur, gespielt von Dustin Hoffman, in der Lage, die Anzahl von aus der Schachtel gefallenen Streichhölzern in Sekundenbruchteilen zu bestimmen. Er gehört zu jenen ungewöhnlichen Menschen, die heute nicht mehr wie früher »idiots savants« (wissende Idioten) genannt werden, sondern nur »Savants«. Diese Menschen zeigen uns, dass im menschlichen Hirn unglaubliche Fähigkeiten schlummern, die sogar mit Hochleistungscomputern mithalten können.

Denkbar wäre es, solche Fähigkeiten gezielt hervorzurufen, indem man das Gehirn »zerlegt« und die Einzelteile zu verstärkter Aktivität antreibt. Robyn Young von der australischen Flynders-Universität experimentiert seit vielen Jahren mit Magnet-Stimulationen. Wenn er bestimmte Hirnareale bei seinen Testpersonen anregt, können sie plötzlich genial Tiere zeichnen oder sekundenschnell Wochentage bis ins Jahr 15000 bestimmen. Niels Birbaumer von der Universität Tübingen ist noch einen Schritt weiter ge-gangen: Er schult Probanden, ihre Gehirnaktivität wissentlich so weit zu kontrollieren, dass sie etwa einen Cursor auf einem Bildschirm mental kontrollieren können.

Kündigt sich hier vielleicht eine »geistige Mutation« der Menschheit an? Werden in den Teams großer Unternehmen in Zukunft womöglich Savants und Asperger sitzen, die mit rasender Geschwindigkeit Teilphänomene durchdringen, deren Komplexität ansonsten nicht zu bezwingen wäre? Lassen sich womöglich einzelne geistige Leistungen verbessern, ohne den »Gesamtzusammenhang« des Gehirns zu gefährden — und damit schwere Verhaltensstörungen zu riskieren? Vieles deutet jedenfalls darauf hin, dass immer mehr Menschen »Inselbegabungen« entwickeln — womöglich eine Antwort des Gehirns auf unsere neue, hochdifferenzierte Umwelt.

Eine weitere entscheidende Frage im 21. Jahrhundert: Bleibt Hochbildung die Sache von Minderheiten, oder können ganze Gesellschaften en bloc »hoch gebildet« werden? Während wir in Deutschland noch über die Frage »Darf man Eliten fördern?« nachdenken, haben andere Gesellschaften sich längst entschieden.

In Finnland erreichen schon jetzt 85 Prozent der 20-Jährigen einen tertiären Bildungsabschluss (Abitur) und sind hochschulberechtigt. 71 Prozent beginnen ein Studium, 65 schließen es ab (Deutschland 34/25/18).

In Südkorea, Taiwan und Singapur ist der Bildungsgrad der Bevölkerung heute breiter und höher als in Zentraleuropa. In China steigt die Quote der tertiären Bildung steil an und wird bereits in zehn Jahren die 40-Prozent-Marke erreichen.

In Australien studieren nach der OECD-Statistik (2004) 77 Prozent, in Schweden 75 Prozent und in den USA 64 Prozent der jungen Generationen. In Irland, dem wachstumsstärksten Land Europas in den letzten Jahrzehnten, absolvieren sechs von zehn jungen Bürgern ein Studium.

Spätestens seit PISA wissen wir, dass diese Entwicklungen nicht nur auf lasche Prüfungskriterien zurückzuführen sind und dass am Ende nicht Millionen von akademischen Arbeitslosen stehen. Im Gegenteil. Jedes Jahr an zusätzlicher Bildung, das eine Bevölkerung im Durchschnitt genießt, steigert das Bruttosozialprodukt nachweislich um drei bis sechs Prozent.

Die Wissensgesellschaft ist also keine Utopie. In der global vernetzten Medien- und Wirtschaftswelt hat sie mächtige Generatoren, Verbündete und Sponsoren. Sie bleibt allerdings an Bedingungen geknüpft: Erstens müssen wir unser Verständnis vom Lernen als eine begrenzte Aufgabe der Jugend überwinden. Zweitens sollten wir verstehen, dass Lernen ein lebendiger, interaktiver Prozess ist, der mit Neugier, Spannung und auch Stress zu tun hat. Wir müssen unsere Schulen und Universitäten radikal verändern – sodass sie Schulen des »Lebenslernens« werden. Im Kern geht es um nichts Geringeres als ein neues Menschenbild. Die Evolution des Menschen — die Evolution des Hirns — ist nach vorn hin offen.

Eigene Bewertung: Keine Durchschnitt: 4.7 (3 Bewertungen)
Autor/in: Matthias Horx


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