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Wissenschaft & Technik
Wie gut ist Ihre Nase?
Dieser Artikel stammt aus P.M. Fragen & Antworten
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Unsere Riechgene sind im Schwinden begriffen – schon jetzt funktionieren nur noch zwei Drittel von ihnen. Was bedeutet das für unser Leben? Können wir etwas dagegen tun?
Es war zwar nie so, dass sich der moderne Mensch sonderlich viel auf seinen Geruchssinn einbilden konnte: Wir sind Mikrosmatiker, im Gegensatz zu den meisten anderen Säugetieren, die sich als Supernasen, als Makrosmatiker, durchs Leben schnüffeln. Trotzdem ist die Botschaft, die uns seit einiger Zeit aus wissenschaftlichen Laboren erreicht, beunruhigend: Von den ursprünglich rund 1000 Riechgenen auf unserer DNA ist nur noch ein Drittel funktionsfähig. Der überwiegende Teil ist degeneriert, wurde ausgemustert im Zuge der Evolution.
Wann hat der Abbau angefangen?
Der Niedergang begann früh. Vor 23 Millionen Jahren setzte sich auf der DNA unserer genetischen Vorfahren ein drittes Farbpigment durch und das Zeitalter des Drei-Farben-Sehens brach an. Die Welt wurde bunt für die frühen Primaten, sie erblickten jetzt schmackhafte reife Früchte bereits von Weitem und orientierten sich mühelos im dichten Grün der hohen Baumkronen. Die fantastische neue Fähigkeit hatte einen Preis: Rund 300 Riechgene gingen im Zuge dieser genetischen Umstrukturierung zu Bruch.
Mit Blick auf unsere heutige DNA: ein Klacks! In unserem Erbgut lagern noch einmal doppelt so viele defekte Riechgene – von ursprünglich 1000 sind uns nur noch 350 erhalten geblieben. Das heißt: Weitere evolutionäre Umwälzungen müssen die Supernase entbehrlich gemacht haben.
Eine solche einschneidende Veränderung gab es vor rund 10 000 Jahren: Der Mensch wurde sesshaft, baute seine Grundnahrungsmittel auf Feldern an, hielt sich Vieh zur Milch- und Fleischgewinnung. Ein Quantensprung in
Sachen Lebensqualität – die Nahrungsmittel mussten nicht mehr erschnüffelt werden. Und: Sie wurden sicherer. Nun musste nicht mehr jedes Kraut auf Giftigkeit geprüft werden – die Nase verlor ihre privilegierte Stellung.
Manche Forscher vermuten, dass sich ein weiterer Verfall unserer Riechgene kaum aufhalten lässt. Schon allein deshalb, weil olfaktorische Herausforderungen in unserer hygienischen und desodorierten Welt seltener werden. So wird ja zum Beispiel ein Großteil der Körperbehaarung, die eigentlich auch als „Duftschleuder“ gedacht war, abrasiert.
Kommt es wirklich nur auf die Gene an?
Doch es gibt auch Gründe, unserer Duft-Zukunft weniger pessimistisch entgegenzublicken. Seit ein paar Jahren weiß man, dass der genetische Code allein viel weniger über den Bauplan des Lebens verrät als gedacht. Auf der DNA liegt noch massenhaft unerforschtes Material herum. Außerdem könnten auch die degenerierten sogenannten „Pseudogene“ ungeahnte Potenziale bergen. Vielleicht handelt es sich um Reserve-Material, das nach Bedarf reaktiviert wird.
Der renommierte Geruchs-Spezialist Professor Hanns Hatt von der Ruhr-Uni Bochum vermutet sogar: Vielleicht kann der moderne Mensch auf einen Großteil der Riechgene verzichten, weil sein Gehirn die gelieferten Duft-Informationen effektiver verarbeitet. Die Reduzierung von Riechgenen könnte auch eine gewaltige Energiesparmaßnahme sein, die durch eine verbesserte Hirnleistung kompensiert wird.
Wie empfindlich ist unsere Nase heute noch?
Unsere verbliebenen 350 Gene beinhalten jeweils einen Bauplan für einen bestimmten Geruchsrezeptor. Demnach stehen uns 350 unterschiedliche Rezeptorentypen zur Verfügung, mit denen wir die jeweils
passenden Duftmoleküle wahrnehmen können. Diese Rezeptoren werden in die 10 bis 30 Millionen Riechzellen eingebaut, die sich in unserer Riechschleimhaut in der Nase befinden. Da Gerüche stets aus Hunderten von Komponenten bestehen, arbeiten die unterschiedlichen Zellen zusammen. Auf diese Weise sind wir in der Lage, 10 000 verschiedene Gerüche zu erkennen – theoretisch zumindest (wie noch zu sehen sein wird, lassen viele von uns dieses Potenzial verkümmern). Was beachtlich klingt, ist verglichen mit den tierischen Supernasen aber eine eher mickrige Leistung.
Was können die Super-Nasen?
Der olfaktorische Informationsvorsprung vieler Tiere ist ungeheuerlich. Die Wahrnehmungsmöglichkeiten von Hund, Ratte und vielen anderen Tierarten erschließen ihnen ein Parallel-Universum, das uns Menschen komplett entgeht. Tiere können nicht einfach nur „besser riechen“, sondern sie schnüffeln sich durch Raum und Zeit: Ihre Welt bekommt durch Gerüche Struktur und Sinn. Während unsere Geruchswahrnehmung, anders als das Sehen oder Hören, keinen Eindruck von Raum vermittelt, riechen Hunde zum Beispiel „Stereo“. Und: Wenn ein Hund am Laternenpfahl schnuppert, macht er sich ein umfassendes Bild von dem Rivalen, der dort seine Duftmarke hinterlassen hat. Der Steckbrief enthält Infos über Rasse, Geschlecht, Kraft und Aggressionslust und verrät, wann der „Kollege“ zuletzt Präsenz gezeigt hat.
Auch unter Wasser gibt es Supernasen: Um ihre Beute aufzuspüren, berechnen beispielsweise Haie im Halbsekundentakt, an welchem Nasenloch mehr Duftmoleküle ankommen. Dies faszinierende, erst kürzlich entdeckte Prinzip hat der Unterwasser-Robotik neue Impulse gegeben: Entsprechend programmierte Roboter könnten zum Beispiel Öllecks schneller lokalisieren.
Überhaupt arbeiten Ingenieure und Geruchsforscher fieberhaft daran, der menschlichen Geruchswahrnehmung mit technischen Mitteln neue Dimensionen zu eröffnen. An einem Handy mit „Nasen-Funktion“ wird bereits getüftelt: Damit sollen Umweltdüfte verschickt werden – als olfaktorische Grüße aus der Ferne.Riechen wir nur mit der Nase?
Je weiter in Sachen Geruchswahrnehmung geforscht wird, desto mehr unglaubliche Fakten kommen ans Licht – und sie erschließen uns: So schlechte Riecher sind wir (noch) gar nicht. Zum Beispiel muss man sich von dem Gedanken verabschieden, dass die Nase unser einziges Riechorgan ist. In seinem Bochumer Labor entdeckte Hans Hatt, dass auch Spermien mit Geruchsrezeptoren ausgestattet sind. Sie finden den Weg zur Eizelle nur, weil sie deren Maiglöckchenduft wahrnehmen können. Bei weiteren Forschungen stellte sich heraus, dass Prostatazellen auf Veilchenduft reagieren, der im Körper als Stoffwechselprodukt des männlichen Sexualhormons Testosteron vorkommt. Im Labor gelang es Hatt sogar, Prostatakrebs mit diesem Duft zu stoppen.
In München wurden unterdessen Darmzellen gefunden, die auf den Geruch einer frischen Meeresbrise reagieren. Auch unsere Haut unterstützt uns beim Riechen. Und Duftstoffe, die ins Blut injiziert werden, können wir sogar bewusst wahrnehmen.
Womöglich steckt hinter unserem Geruchssinn ein allumfassendes Kommunikationssystem, in dem alle Zellen, egal wo sie sich befinden, Informationen mithilfe von Duftmolekülen austauschen.
Was leistet der Geruchssinn für uns Menschen?
Nach wie vor warnt uns die Nase vor vielen Gefahren: vor Feuer, Gammelfleisch und Giftstoffen (Experten empfehlen den Riechtest beim Kauf von Kinderspielzeug!). Vor allem aber würde uns das Essen nicht mehr schmecken, wenn wir nichts riechen könnten. Denn erst die Nase macht uns zum Genussmenschen. So ist die US-Forscherin Rachel Herz zum Beispiel überzeugt, dass ein Zusammenhang zwischen verminderter Riechfähigkeit und Fehlernährung bei alten Menschen besteht (weshalb gerade Senioren ihr Essen stärker würzen sollten). Wie trist ein Leben ohne Gerüche ist, beweisen auch die erschütternden Berichte von Menschen, die aufgrund von Unfall oder Krankheit nichts mehr riechen können. „Anosmie“ nennt sich diese Krankheit, die nicht selten in einer schweren Depression mündet.
Doch der Einfluss des Riechens geht noch viel weiter. „Wir wissen inzwischen, dass das Riechen auf unsere Emotionen, auf unsere Entscheidungen, auf unsere Befindlichkeit und sogar auf unseren Hormonhaushalt Einfluss hat“, so Geruchsforscher Hatt. Zwar steht die Forschung hier erst am Anfang, doch bereits das wenige Bekannte ist mehr als verblüffend: Düfte können uns jünger oder sogar schlanker erscheinen lassen (sechs Kilo weniger dank floraler Duftnote, ergab ein Experiment!). Der Geruch von Angstschweiß macht uns wachsam und vorsichtig, und Babyduft hemmt Aggressionen.
Schnüffeln wir uns zu besserem Sex?
Vor allem im Bereich von Sex und Fortpflanzung spielt unser Geruchssinn nach wie vor eine herausragende Rolle. Anhand von (weitgehend unbewussten) Duft-Botschaften finden Sexualpartner zueinander. Untersuchungen haben gezeigt: Wenn eine Frau ihre fruchtbaren Tage hat, finden Männer ihren Geruch besonders sexy. Ein amerikanisches Wissenschaftler-Team hat diese Beobachtung sogar in Nachtclubs überprüft. Ergebnis: Wenn sie ihren
Eisprung haben, bekommen Stripperinnen doppelt so viel Trinkgeld wie sonst. Frauen ihrerseits fahren während dieser hormonsensiblen Phase auf Männer ab, die ihnen unter normalen Umständen zu streng
riechen würden: Die Duftsignale aus dem Achselschweiß erzählen von Dominanz und Virilität.
Unbewusst erschnuppern wir auch das Immun-Profil eines potenziellen Partners, wenn wir seinen individuellen Körpergeruch wahrnehmen. Weicht das Immunsystem stark vom eigenen ab, wirkt das Gegenüber attraktiver – das bedeutet nämlich, dass die Nachkommen eine breit gefächerte Palette an Abwehrkräften mitbekommen. Andersherum funktionieren die Duftbotschaften in der eigenen Familie: je näher die genetische Verwandtschaft, desto ähnlicher der Körpergeruch und desto geringer die sexuelle Attraktion.
Was riechen die Deutschen am liebsten?
Auch ein faszinierendes Forschungsergebnis: Gerüche verankern uns in einem Kulturkreis, in einer gesellschaftlichen Schicht – Fremdes riecht für uns subjektiv erst mal schlechter als das Vertraute. Sogar die Stadt, in der wir leben, drückt uns einen olfaktorischen Stempel auf, den wir stets mit Heimat verbinden werden. In Deutschland riechen die Menschen übrigens am liebsten Holz, Erde und Gras sowie duftendes Gebäck oder Bratenduft. Den Japanern wäre das zu intensiv – dort steht man mehr auf zarte Blumendüfte.
Warum lösen Gerüche so starke Gefühle aus?
Es ist schon fast unheimlich, wie sehr Geruchserlebnisse uns aus der Fassung bringen können. Da besucht man nach etlichen Jahren die Straße, in der man aufgewachsen ist, und urplötzlich ist da ein dicker Kloß im Hals. Was ist passiert? Die Ladentür der alten Metzgerei hat sich geöffnet, sodass diese spezielle fleischig-kalte Geruchsmischung nach draußen drang, die man von früher kennt und seither nie wieder gerochen hat.
Das Geheimnis solcher Gefühlswallungen lässt sich wissenschaftlich erklären: Die Nase ist das einzige Sinnesorgan mit einem direkten Draht ins Gehirn. Die Riechzellen kommunizieren unmittelbar mit dem Limbischen System, dem Gefühls- und Erinnerungszentrum, aber auch mit dem Hypothalamus, der wichtigsten Schaltzentrale für alle vegetativen Vorgänge im Körper. Die Geruchsinfos, die hier ankommen, sind somit unzensiert – daher können uns Düfte manchmal regelrecht überrumpeln.
Warum verschlagen uns Düfte die Sprache?
Eins steht fest: Der höhere Verstand hat nicht viel zu melden, wenn es ums Riechen (und Schmecken) geht. So lassen sich Gerüche so gut wie gar nicht in Worte fassen. Blumig, holzig, würzig, stechend – unsere verbalen Möglichkeiten sind rasch erschöpft. Wissenschaftler bezeichnen den Geruchssinn als „vor-verbal“. Die Duftforscherin Sissel Tolaas will nun Abhilfe schaffen: Sie ist dabei, eine internationale Duftsprache zu erarbeiten. „Nasalo“ soll 15 000 Wörter umfassen – etwa 1000 gibt es schon. „Pikon“ ist zum Beispiel die Vokabel für den Geruch von Hundekot, „Tarnek“ bezeichnet den Geruch, den ein startendes Flugzeug verbreitet, „Mora“ meint eine Mischung aus rostig und süß, „fre“ riecht sommerheißer Asphalt nach einem Regenguss.
Kann man Riechen trainieren?
Viel wichtiger als der Abbau von Riechgenen in unserer DNA: Die meisten Menschen nutzen das verbliebene Riechpotenzial nur zu 50 Prozent. Weil wir immer mehr zu Augenmenschen werden, dämmern viele Riechzellen sozusagen vor sich hin. Um uns Lebensqualität zu erhalten, sollten wir uns also um das vorhandene genetische Erbe kümmern, das würde uns fantastische neue Geruchswelten erschließen! „Je mehr wir trainieren, Gerüche auseinanderzuhalten, desto mehr Vielfalt gibt es in unserem Leben“, so Hanns Hatt, der schon seit Jahren Riechunterricht für Grundschüler fordert.
Keine nachahmenswerte Methode zur Steigerung des Riech-Potenzials hat die US-Forscherin Wen Li dabei mit einem wenig zimperlichen Experiment aufgezeigt: Am schnellsten lässt sich das Riechvermögen per Schock-Therapie wachrütteln. Die Verhaltensforscherin setzte ihren Probanden zwei minimal unterschiedliche Rosendüfte vor – sogar eine Ratte hätte diese beiden Nuancen nicht unterscheiden können. Wen Li verabreichte eine der beiden Duftvarianten zusammen mit Elektroschocks: Binnen kürzester Zeit mutierten die Probanden zu Supernasen, die jetzt die eigentlich ununterscheidbaren Düfte sicher auseinanderhalten konnten.
Empfehlenswerter als Geruchstraining ist da ein Spaziergang über den Markt oder bewusstes Schnuppern beim Kochen. Die Sellerieknolle sorgt nach dem Aufschneiden für eine würzige Duftexplosion, die frischen Muscheln erinnern an Meer und Seetang, und wie riechen eigentlich die aufgeschlagenen Eier? Wer einmal anfängt mit dem Schnuppern, bekommt die Nase so schnell nicht voll. Eine prima „Duftorgel“ zum Üben sind Kräutergärten oder – im Winter – Kräutertees. (Nebenbei auch ein Tipp zur Erhaltung der Riechfähigkeit: Mit dem Rauchen aufhören!)
Wer seinen Riechsinn wieder empfänglich macht für zartere Töne, der entgeht übrigens auch einer fatalen Verlockung unserer modernen Welt: der Jagd nach immer intensiveren Reizen. Und er gewinnt, allen Unkenrufen zum Trotz, beim genaueren Hinschnuppern, zwei erfreuliche Erkenntnisse. Erstens haben wir (noch) die Nase, die wir brauchen. Und zweitens ist unsere Duft-Welt noch immer bunt genug.
























