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Wissenschaft & Technik
Wie entstehen Zwitter?
Vielleicht ist der Unterschied zwischen Männern und Frauen doch nicht so groß, wie uns zahlreiche Ratgeber-Bestseller in letzter Zeit weismachen wollen. Bis zur sechsten Woche im Mutterleib tragen wir alle Anlagen für beide Geschlechter in uns. Erst dann, das Herz schlägt schon lange, entscheidet sich, ob der erste Strampler in hellblau oder rosa gekauft wird: Durch ein XX-Chromosomenpaar entwickeln sich Eierstöcke, durch XY Hoden. Aber so glatt läuft es nicht immer – wenn Chromosomen fehlen oder überzählig sind, Enzyme versagen oder Hormone ausfallen, spricht der Volksmund vom Zwitter, die Medizin vom Hermaphroditen.
Den Ausdruck prägte der römische Dichter Ovid mit der wohl berühmtesten Geschlechter-Geschichte: Hermaphroditos, Sohn der Liebesgöttin Aphrodite und des Götterboten Hermes, steigt eines Tages zur Quellnymphe Salmakis ins Wasser. Die Nymphe, den Jüngling umschlingend, bittet die Götter, den Schönen auf ewig mit ihr zu vereinen. Ihr Wunsch wird erfüllt, und aus Hermaphroditos und Salmakis wird ein Zwitterwesen mit Penis und Brüsten. Die Zahl Neugeborener mit ungewöhnlicher Geschlechtsentwicklung beläuft sich in Deutschland auf etwa 250 Kinder jährlich. Entscheidend hängt es vor allem vom Einfluss der Hodenhormone ab, ob das vorerst »unentschiedene« Ungeborene ein Junge oder ein Mädchen wird: Fehlen diese, bleibt die Entwicklung der Hoden aus.
Ein weiblicher Körper formt sich – unabhängig davon, ob ein Y-Chromosom vorhan-den ist. Schuld daran ist die so genann-te Sex-bestimmende Region auf dem Y-Chromosom, ein Gen, das die Bildung von Hoden in Gang bringt und ein Dutzend weiterer Entwicklungsgene in Aktion versetzt. Dadurch reifen die Hoden, produzieren Testosteron und zwei weitere Botenstoffe; zusammen blockieren sie die Bildung von Gebärmutter und Eileitern, fördern das Peniswachstum und lassen die ursprünglich im Bauch versteckten Hoden durch den Leistenkanal hinab in den Hodensack wandern.
Die zwei häufigsten Zwitter-Syndrome sind AIS und AGS. Zwitter mit Androgen Insensitivity Syndrom (AIS = männliche Pseudohermaphroditen) kommen als Mädchen zur Welt, haben aber im Körperinnern männliche Erbanlagen und Hoden; einige von ihnen sind auch zeugungsfähig. Zwitter mit Androgenitalem Syndrom (AGS = weibliche Pseudohermaphroditen) haben Eierstöcke und aufgrund zu hoher Produktion von männlichen Sexualhormonen eine sehr große, penisähnliche Klitoris; diese Zwitter können auch Kinder gebären. Den so genannten »wahren Hermaphrodit« gibt es in unterschiedlicher Ausprägung, zum Beispiel: vom äußeren Erscheinungsbild her und innerlich eine Frau, aber mit Penis und Hoden – oder: äußerlich und innerlich ein Mann, aber mit Vagina. Ein Herm-aphrodit wie bei Ovid (mit Penis und Vagina) ist aber ausgesprochen selten.
























